Look at me!
„I want to be famous“, „Ageing“ – In den Produktionen des schottischen Choreografen Charles A. Washington geht es um die großen Themen unserer Zeit: das Streben nach Glück, nach Ruhm und den Wunsch, gesehen zu werden. Es geht um Zukunftsängste, das Altern, das Aufbrechen von Geschlechterrollen, Ressourcenknappheit. Der Musikproduzent und Wahl-Dresdner schafft mit seiner Kompanie Pinkmetalpetal Productions Räume, in denen Clubkultur, Philosophie und Musik zu oft radikal ehrlichen Begegnungen mit dem Publikum verschmelzen. Seine Arbeiten fordern soziale und kulturelle Normen heraus, beleuchten Identität, Gemeinschaft und Machtstrukturen und entwerfen alternative Zukunftsbilder jenseits kapitalistischer Logiken.
Washington, der erst mit 21 Jahren an der Rambert School in London seine professionelle Tanzausbildung begann und später seinen MA Choreography an der Palucca Hochschule in Dresden absolvierte, nutzt Bewegung, Sound und Atmosphäre, um das Unmögliche, Ungewisse und Unheimliche erfahrbar zu machen – und stellt dabei immer den Menschen und seine Verletzlichkeit in den Mittelpunkt. Wir haben ihn getroffen – anlässlich der Tanzplattform Deutschland, die vom 11. bis 15. März an verschiedenen Spielstätten in Dresden stattfindet.
Charles, du wurdest in Perth in Schottland geboren, hast in London studiert und bist 2016 an die Palucca-Schule nach Dresden gekommen. Wann war der Moment, in dem du zum ersten Mal gespürt hast: Kunst und Bewegung gehören zu mir?
Als ich 14 war, auf einer Party in einem Gemeindehaus. Ein DJ aus London legte auf, und auf der Tanzfläche tanzte ein Mann oben ohne, völlig ungehemmt. Ich erinnere mich, wie ich dachte: Das will ich auch! Ich stand auf, begann zu tanzen – und habe seitdem nie wieder aufgehört.
Was fasziniert dich an Tanz als Ausdrucksform?
Die einfache Antwort ist: Es fühlt sich gut an. Durch Tanz verbinde ich mich mit etwas, das größer ist als ich selbst. Es geht über Sprache und Erklärung hinaus – es ist körperlich, unmittelbar und auf eine gewisse Weise universell.
Ist Dresden inzwischen für dich zur Heimat geworden?
Ja. Abgesehen von dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, ist Dresden die Stadt, in der ich am längsten gelebt habe. Es fühlt sich wie Heimat an.
Welche beruflichen Stationen hast du seitdem in Sachsen durchlaufen?
Ich habe mich hier enorm weiterentwickelt. Zunächst habe ich zwei Jahre an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig unterrichtet und dort meinen eigenen Unterrichtsansatz entwickelt. Außerdem hatte ich das Privileg, fast jedes Jahr neue choreografische Arbeiten zu realisieren, unter anderem mit HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste.
Wie würdest du das Publikum beschreiben, dem du hier begegnest?
In vielerlei Hinsicht fühlt es sich vertraut an. Da ich aus einem kleinen Dorf in Schottland komme, schätze ich es sehr, bekannte Gesichter im Publikum zu sehen. Dieses Gefühl von Kontinuität ist etwas, worauf ich mich stütze – und was ich nicht als selbstverständlich betrachte.
Kehren wir noch einmal zu deinen schottischen Wurzeln zurück. Welche kulturellen Unterschiede zwischen Schottland und Sachsen haben dir das Ankommen schwer gemacht?
Überraschenderweise sehe ich da eher viele Gemeinsamkeiten. Manchmal fühlt sich Dresden fast wie eine schottische Stadt an. Nur das Wetter ist hier etwas wärmer. Die Menschen wirken zunächst vielleicht zurückhaltend, aber wenn man sie kennenlernt, sind sie warmherzig und offen. Ein großer Unterschied ist der Humor. Schottischer Humor – besonders das „Banter“ – ist sehr spezifisch. Ich vermisse ihn schon sehr.
Schotten wie Sachsen gelten manchen als stur und eigenwillig. Kannst du das bestätigen?
Da ist etwas dran. Vielleicht hat es damit zu tun, dass beide Regionen näher an der Natur sind – eine gewisse Wildheit, ein starkes Identitätsgefühl.
Was ist dein Lieblingsort in deiner Heimat – und welcher in Dresden?
In der ländlichen Gegend, in der ich aufgewachsen bin, bin ich täglich am River Tay entlang spaziert. Heute lebe ich nahe der Elbe und gehe oft zügig am Fluss entlang. Dieser Rhythmus des Gehens am Wasser – das ist etwas, das ich offenbar brauche. Ich liebe es.
Und zum Schluss: Was ist dein liebstes sächsisches Wort?
Ich nemme die „Bimmel“ runter. Soll heißen: Ich nehme die Straßenbahn vom Festspielhaus Hellerau aus runter in die Stadt.

