Ohne Netz und doppelten Boden
Goldene Henne, Schlagerboom, Semperopernball, Kaisermania, Riverboat – Carsten Seibt hat die mitteldeutsche Fernsehlandschaft in den vergangenen 20 Jahren nachhaltig geprägt. Aktuell laufen die Vorbereitungen für den Semperopernball 2027, für den sich wieder jede Menge Stars und Sternchen angekündigt haben. Auf ein Wort mit… Carsten Seibt.
Herr Seibt, zunächst herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Regie Unterhaltung“! Woher rührt Ihre Begeisterung fürs Fernsehen?
Ich war schon als Jugendlicher an Film und Fernsehen interessiert, habe damals mit der Kamera meines Vaters unendlich lange Urlaubsfilme gedreht. Gleichzeitig haben mich aber auch immer die technische Seite und vor allem Übertragungswagen und große Regieräume fasziniert. Durch verschiedene Praktika, unter anderem bei großen Unterhaltungsshows, konnte ich dann zum ersten Mal erleben, wie Fernsehen tatsächlich entsteht. Da wusste ich ziemlich schnell: Genau das möchte ich machen. Diese Faszination ist bis heute geblieben – besonders für den Moment, in dem aus vielen einzelnen Ideen, Gewerken und Bildern am Ende eine Sendung wird.
Was reizt Sie besonders an der Arbeit als Regisseur und TV-Produzent?
Während meines Studiums habe ich mir für sehr viel Geld zwei Tickets für eine große Spendengala gekauft. Wir saßen in einer riesigen Halle ziemlich weit hinten – und ehrlich gesagt habe ich mich über weite Strecken gelangweilt. Von der Show bekam ich nur wenig mit, die Menschen auf der Bühne waren winzig, und vieles von dem, was dort passierte, erreichte mich emotional gar nicht. Diese Erfahrung ist mir bis heute im Kopf geblieben, und genau darin sehe ich eine meiner wichtigsten Aufgaben als Regisseur: den Menschen zu Hause auf dem Sofa und den Gästen vor Ort das Erlebnis so intensiv und unmittelbar wie möglich zu vermitteln. Sie sollen nicht einfach nur zuschauen, sondern das Gefühl haben, wirklich dabei zu sein – und mitfiebern, mitfeiern und sich berühren lassen.
Nun haben sich die Sehgewohnheiten in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Streaming-Dienste und Kurzvideo-Plattformen wachsen rasant. Hat das lineare Fernsehen ausgedient?
Keinesfalls! Handwerk wird immer gebraucht. Klar verändern sich die Ausspielkanäle, aber inzwischen sieht man sogar, dass einige Streaming-Anbieter wieder lineare oder zumindest linear gedachte Angebote entwickeln. Was sich nicht verändert, ist die Aufgabe, Shows und Events gut zu produzieren und für Menschen erlebbar zu machen. Dieses Handwerk wird weiterhin gebraucht – unabhängig davon, ob das Signal am Ende über einen klassischen Fernsehsender, einen Streamingdienst oder eine andere Plattform läuft.
Was sich im Vergleich zu vor 15 Jahren allerdings deutlich verändert hat, ist die Struktur des Marktes. Es gibt heute sehr viele kleinere Produktionen, die in großer Zahl und mit vergleichsweise schlanken Budgets hergestellt werden. Auf der anderen Seite stehen wenige große Event-, Show- und Gala-Produktionen. Dazwischen, im mittleren Segment, ist vieles weggebrochen. Das verändert natürlich auch die Produktionslandschaft und die Möglichkeiten für kreative Formate.
Live-Sendungen sind die Königsdisziplin des Fernsehens – warum?
Weil sie immer ein wenig unberechenbar sind. Wir können unglaublich viel vorbereiten, planen, durchdenken und Annahmen treffen – aber am Ende passiert live genau das, was eben passiert. Ohne Netz und ohne doppelten Boden. Und genau darin liegt für mich der besondere Reiz: auf das Unvorbereitete vorbereitet zu sein. In Sekunden Entscheidungen zu treffen, Situationen neu zu bewerten und gemeinsam mit dem Team dafür zu sorgen, dass aus einem ungeplanten Moment vielleicht sogar etwas ganz Besonderes entsteht. Diese Mischung aus Vorbereitung, Konzentration, Intuition und Adrenalin macht Live-Fernsehen für mich bis heute so faszinierend.
Sie sind ein Meister der Inszenierung, Herr der schönen Bilder – was fehlt Ihrer Meinung der „Inszenierung Sachsens“ aktuell auf der großen Bühne?
Ich finde, dass wir in Sachsen noch viel stärker nach außen tragen müssen, was dieses Bundesland alles zu bieten hat: eine großartige Kulturlandschaft, Innovationskraft, starke Unternehmen und eine beeindruckende Natur. Wir könnten selbstbewusster mit unseren Pfunden wuchern und unsere Stärken offensiver zeigen – nicht nur dann, wenn über Probleme gesprochen wird. Gute Inszenierung bedeutet für mich nicht, etwas schöner zu machen, als es ist, sondern das sichtbar zu machen, was tatsächlich da ist. Und davon gibt es in Sachsen sehr viel.
Wie hat sich das Image Sachsens in den vergangenen Jahren gewandelt?
Sachsens Image ist in den vergangenen Jahren vielschichtiger geworden. Neben dem traditionsreichen Kulturland wird zunehmend auch ein moderner Wirtschafts-, Technologie- und Forschungsstandort sichtbar. Gleichzeitig haben politische Spannungen die Außenwahrnehmung belastet. Für mich liegt genau darin die entscheidende Veränderung: Sachsen wird heute stärker in seinen Gegensätzen wahrgenommen. Umso wichtiger finde ich Kultur, persönliche Begegnungen und internationale Zusammenarbeit. Sie können dazu beitragen, ein differenzierteres Bild des Landes zu vermitteln – eines, das nicht nur auf einzelne Schlagzeilen reduziert wird.
Welches ist Ihr Lieblingsort, zu dem Sie immer wieder gern zurückkehren?
Ein Tagesausflug in die Sächsische Schweiz. Dort zu wandern, den Kopf freizubekommen und diese besondere Landschaft zu erleben, ist für mich ein wunderbarer Ausgleich zum oft sehr intensiven Produktionsalltag. Die Mischung aus Weite, Ruhe und Natur ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend.
Und noch eine letzte Frage: Wenn Sie einen Film über Sachsen drehen dürften, welchen Titel würde er tragen?
„Wo Geschichte Zukunft trifft“. Für mich ist genau diese Verbindung typisch für Sachsen: eine sehr starke kulturelle und handwerkliche Tradition auf der einen Seite und moderne Technologie, Forschung und Innovation auf der anderen. Dazu kommen Landschaften und Städte mit sehr eigener Geschichte. Gerade diese positiven Gegensätze machen Sachsen für mich spannend – und wahrscheinlich auch zu einem ziemlich guten Stoff für eine Inszenierung.