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Musik als Zeichen der Verbundenheit

Für Jan Vogler, Star-Cellist und Intendant der Dresdner Musikfestspiele, scheint die Musik sowohl Zeit- als auch Raumgrenzen sprengen zu können. Bewiesen hat er das spätestens Ende März mit seinem Projekt Music Never Sleeps, einem 24-h-Konzert, in dem eine Vielzahl hochkarätiger internationaler Musiker aus ihren Wohnzimmern live im Netz performten.
 

Was war die Idee hinter Music Never Sleeps?

Ich kam von meiner letzten Konzerttournee Mitte März aus Bogota zurück nach NYC. Innerhalb von Tagen fror aufgrund von Covid-19 das weltweite Konzertleben ein. Wir Musiker waren plötzlich in diesem luftleeren Raum, wir konnten nicht mehr auftreten, aber gleichzeitig brauchten die Menschen Musik mehr denn je! Ich rief ein paar Musikerfreunde in New York an und hatte dann diese verrückte Idee. Ein paar Stunden später steckten wir schon alle mitten in der Arbeit, sprachen über Musikstücke, Übertragungstechniken und andere Herausforderungen. Aber wir waren beschäftigt, und zwar mit dem was wir gewohnt waren zu tun, Musik zu machen!
 

Wie gut hat das Projekt funktioniert und wie war die Resonanz?

Die Resonanz war überwältigend! Ich habe noch nie so viele SMS, WhatsApp und E-Mails aus der ganzen Welt als Reaktion auf ein Konzert bekommen. Die Menschen waren erfüllt von der geballten Ladung Musik und wir alle hatten am Ende der 24 Stunden das gleiche Gefühl wie nach einen sehr gelungenen Live-Konzert.  Ich war überrascht, dass wir trotz der sehr neuen Software und Technik nur sehr wenige technische Probleme hatten. Am Anfang des Marathons war ich nervöser als bei meinem Debüt bei den New Yorker Philharmonikern! Aber dann fing die kreative Kraft meiner Kollegen und der Enthusiasmus an uns alle zu tragen. Das Projekt hat viele Freundschaften vertieft.
 

Was kann Musik in Krisenzeiten leisten?

Unglaubliches! Sie spendet Trost, Zuversicht, Hoffnung und Empathie. Aber das Verrückte ist, dass diese Krise die Musik bedroht, wie sie jede Art von kultureller Betätigung bedroht. Deshalb ist die Corona Krise ganz eigen, die Musik und Kultur muss Stärke zeigen und erfinderisch sein.
 

Was machen diese neuen Formate mit der Musik und der Idee des gemeinsamen Musizierens?

Sie sind zunächst ein Notbehelf, wie jede Art von Reproduktion. Auch eine CD ist nicht das Gleiche wie ein Live-Konzert. Aber ich hatte immer viel Spaß daran Musik auch über Medien lebendig zu halten, das ist eine ganz eigene Herausforderung. Natürlichkeit ist vielleicht das Schlüsselwort, das ist ebenso wichtig wie Energie und Temperament, das setzt sich auch über das Internet durch. 
 

Welche Ideen und Projekte entstehen aktuell zu Hause?

Die letzten Wochen waren von der Absage der Dresdener Musikfestspiele dominiert. Meine Verantwortung für das Festival, das Publikum, meinen Musikerkollegen und mein Team war mir nie so bewusst wie jetzt. Eine gewisse Hilflosigkeit bleibt, aber das ist ein Gefühl, das viele Menschen im Moment verbindet. Aber die tägliche Arbeit am Cello gibt mir viel Kraft und Optimismus. 
 

Kann die Krise eine Chance sein?

Jede Krise ist eine Chance! Es ist eine Art 'Reset-Effekt', man muss neu überlegen warum und wie man etwas tut. Für mich steht fest, mein Lebensinhalt ist Musik zu machen und zu vermitteln, das bleibt.  Das geht auf vielfältige Weise und ich habe schon jetzt sehr viel aus der Erfahrung mit derzeitigen Krise gelernt. Ich bin sehr optimistisch, dass wir alle in der Zukunft noch intensiver Musik hören und machen werden.

Foto: Jim Rakete