Die Exponate in Dresdens Museum für sächsische Volkskunst sind naiv und virtuos zugleich. Manche erlangten Weltruhm.

Museumsdirektor zu sein, das ist manchmal wie Weihnachten: „Die schönsten Dinge“, sagt Igor Jenzen, „bekommen wir geschenkt.“ Zwar bemüht sich sein Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden, die Sammlung auch mit Ankäufen zu erweitern. Am größten sei die Freude aber, wenn plötzlich Bescherung ist und in Jenzens Büro im Dachgebälk des Jägerhofes Kostbarkeiten getragen werden, von deren Existenz bisher niemand wusste.

Nun könnte man sagen: Wer schon 25 Exponate im Bestand hat und aus Platzgründen gerade mal 15 Prozent davon zeigen kann, braucht keine neuen Stücke. Die Sache ist nur: Die Volkskunst Sachsens ist so lebendig und vielfältig wie die Menschen, die in der Region lebten und leben und bis heute stetig Neues schaffen. „Abgeschlossen wird unsere Sammlung deshalb wohl nie sein“, konstatiert Jenzen – zumal Volkskunst ein wirklich breites Feld ist. Den Begriff erfand Oskar Seyffert, Professor an der Kunstgewerbeschule Dresden, der Ende des 19. Jahrhunderts die klassische Kunst in einer Sackgasse sah. Er wollte sich an den „naiven, aber beseelten Ausdrucksformen des kleinen Mannes“ orientieren. An den Figuren, die Bergmänner schnitzten, den Trachten, die sorbische Frauen bestickten, an den kleinen Kostbarkeiten aus Holz oder Blech, die Amateure am Feierabend schufen. Seyffert begann zu sammeln und gründete 1913 das Museum im ehemaligen kurfürstlichen Jägerhof, zuletzt eine Kaserne.

Seither lassen sich dort kreative und kuriose Werke bestaunen, die teils ziemlich geschickte, teils etwas naive Künstler schufen. L’art pour l’art war Volkskunst jedoch nur selten, häufiger ein Mittel, um ein wenig Geld dazuzuverdienen. Etwa für die Menschen aus dem Erzgebirge; Jenzen zeigt hier am liebsten die alten Arche-Noah-Sets, „eine Art frühes Playmobil, das bis in die USA verkauft wurde“. Ein paar Vitrinen weiter grüßt ein Engel mit weißen Punkten auf grünen Flügeln. „Eine Schülerin Seyfferts drechselte den 1914 für ihren Bruder an der Front“, erklärt Jenzen. Grete Wendt hieß die Dame, ein Jahr später gründete sie die Manufaktur Wendt & Kühn. Dieses Jahr feiert die Firma ihr 100. Jubiläum – und die Nachfolger der nur scheinbar naiven Schnitzerei sind als Grünhainichener Engel weltberühmt.

www.skd.museum

Dieser Text erschien in „Es weihnachtet“, dem Winter- und Weihnachtsmagazin des Freistaates Sachsen. Das ganze Heft finden Sie hier.