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Made in Saxony - Innovationen aus Sachsen: Peerox

Peerox: André Schult

Das menschliche Herz der Maschine

Sie bringen das Beste aus zwei Welten zusammen: Die Maschinenbauingenieure Andre Schult und Markus Windisch haben eine Software entwickelt, die Technikdaten und menschliches Erfahrungswissen vereint. Gemeinsam führen sie das erfolgreiche Start-up Peerox und pflegen eine ganz besondere Unternehmenskultur. 

Es war ein kleiner Aha-Moment mit großer Wirkung, der den Grundstein für die eigene Firma legte: Andre Schult und Markus Windisch arbeiteten am Fraunhofer-Institut IVV in Dresden im Bereich automatisierter Prozesse. Es ging um Optimierung, Störungsmanagement, Problemlösungsstrategien – der typische Alltag eines Ingenieurs. Doch dann machte Andre Schult eine interessante Beobachtung: „Wir hatten in einem Betrieb zu tun, der immer Probleme mit seiner Joghurtabfüllmaschine hatte. 80 Produktionsstörungen lieferte die Anlage in einer Schicht, es entstanden hohe Verluste. Zum Schichtwechsel erschien dann eine Mitarbeiterin, die einfach eine Düse der Maschine reinigte und plötzlich lief alles wieder einwandfrei.“ Schult war begeistert und gleichzeitig stimmte ihn die Situation nachdenklich. „Als Ingenieur hätte ich an dieser Stelle gesagt: Wir entwickeln eine selbstreinigende Düse und das Problem ist gelöst. Doch es gibt noch einen zweiten Weg und der besteht darin, die Erfahrungen der cleveren Mitarbeiterin für alle anderen Kollegen zugänglich zu machen.“

„Oft werden handschriftliche Hinweise nicht gelesen.“

Schult und Windisch fingen an, sich mit Wissensmanagement und künstlicher Intelligenz zu beschäftigen. Sie wollten wissen, warum Menschen in bestimmten Situationen in bestimmter Weise handeln. „Die Frau an der Joghurtabfüllmaschine sagte nämlich, sie habe den Trick mit der Düsenreinigung schon mehrmals aufgeschrieben, doch oft würden solche Hinweise nicht gelesen“, berichtet Markus Windisch. Dabei sind genau jene Erfahrungen, die Menschen an den Maschinen sammeln, oft von ausschlaggebender Bedeutung. Und wenn ein Kollege mit so viel gesammeltem Wissen in den Ruhestand geht oder das Unternehmen anderweitig verlässt, nimmt er diese Erfahrungen mit. Und sie sind damit für den Betrieb verloren.

Peerox Co-Gründer und Geschäftsführer André Schult am Arbeitsplatz.
Maddox ist der digitale Helfer für Produktionsprozesse.

Wertvolle Erinnerungen digitalisiert

Mit der Software MADDOX digitalisieren Schult und Windisch dieses unschätzbar wertvolle Erfahrungswissen. 2019 gründeten sie aus dem Fraunhofer-Institut heraus ihr eigenes Startup Peerox. MADDOX ist eine Sammlung digitaler Wissenskarten, die u.a. im Störungsfall zum Einsatz kommen. Steht ein Mitarbeiter an einer Maschine, die nicht richtig läuft, bringt eine Datenbanksuche meist nicht viel, weil dabei eine genaue Stichworteingabe notwendig ist. An dieser Stelle hakt Maddox ein: Die Software nutzt Algorithmen der Künstlichen Intelligenz, vergleicht komplexe Datenmuster und sucht nach ähnlichen Störungen der Vergangenheit.

Vergleichbar einem digitalen Kollegen schlägt MADDOX dann geeignete Problemlösungen anderer Mitarbeiter als Wissenskarten vor. Der Bediener an der Maschine wählt eine Wissenskarte aus und bewertet schließlich auch, wie gut sie ihm weitergeholfen hat. Und der Clou: Die Wissenskarte beinhaltet auch den Namen des Autors. „Der Mitarbeiter sieht also: Ah, dieser Tipp kommt von Thomas! Und so können mitunter 1000 Leute in einem Unternehmen auf die spezifischen Erfahrungen von Thomas zurückgreifen“, erklärt Schult. „Und Thomas‘ Wissen bleibt über Jahre erhalten, auch wenn er selbst vielleicht schon längst nicht mehr im Unternehmen arbeitet. Eine bleibende Erinnerung hat er auf jeden Fall geschaffen.“

„Wenn einer meiner Mitarbeiter sagt: Ich möchte mich jetzt mal zwei Tage mit meinem Sohn in die Legokiste setzen, dann sage ich: Mach das!“

Peerox beschäftigt heute in Dresden 15 Mitarbeiter, Schult und Windisch sind ebenfalls mit ihren Familien hier verwurzelt. Im Unternehmen herrscht eine besondere Kultur, sie fußt darauf, dass die Menschen ihren Job gerne tun und Verantwortung übernehmen können: „Wir haben uns bewusst gegen straffe Strukturen entschieden, wir wollen das Leben unserer Mitarbeiter nicht reglementieren“, berichtet Windisch. „Stattdessen setzen wir auf Vertrauen, Freiheit und Eigenverantwortung. Bei uns arbeitet jeder auch an seinen persönlichen Zielen und kann sich verwirklichen.“ Und so bietet Peerox beispielsweise unbegrenzten, bezahlten Urlaub und achtet auf ausreichende Erholungszeiten der Mitarbeiter. Schult: „Dadurch ist der gemeinsame Erfolg von Peerox für jeden egoistisch motiviert. Jeder wird sein Bestes geben, um mit Peerox seine Ziele zu erreichen.“

 

Peerox pflegt eine ganz besondere Unternehmenskultur.

Zudem wird eine positive Fehlerkultur gelebt. Fehlentscheidungen kommen offen und wertschätzend zur Sprache, werden in einem Fuckup-Diary dokumentiert und sind im besten Fall Learnings für alle. Schult: „Wir möchten gemeinsam wachsen – persönlich und beruflich. Und wenn einer meiner Mitarbeiter sagt: Ich möchte mich jetzt mal zwei Tage mit meinem Sohn in die Legokiste setzen, dann sage ich: Mach das! Wer sich und seine Arbeit gut organisiert, der hat bei uns alle Freiheiten.“

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Fotos: Patrick Schwarz