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Leben & Arbeiten

Wer will fleißige Handwerker sehen?

Leipzig

Wie man Kinder fürs Friemeln begeistert

Die Kindertischlerei „Pinocchio“ in Leipzig ist ein kreativer Holz‑Werkraum für Kinder und Familien. Die Köpfe hinter dem kleinen hölzernen Lausbub mit der langen Nase? Eric Schulze und Enrico Gerlach, beides gelernte Tischler und Erzieher und damit prädestiniert für die Arbeit mit Holz – und kleinen „Holzwürmern“, sprich Kindern. Wie sie die Jüngsten auf spielerische Weise an ihren Lieblingswerkstoff Holz heranführen möchten, woher sie ihre Inspiration nehmen, welche Mission sie mit ihrer Arbeit verfolgen und auf welche Erfolge sie besonders stolz sind, darüber haben wir mit einem der beiden, Enrico Gerlach, gesprochen.

Ihr teilt beide die Begeisterung für die Arbeit mit Holz. Wer hatte die Idee, eine Kindertischlerei zu gründen und wie kam es dazu?

Ich bin ausgebildeter Erzieher, Eric Erzieher und Tischler. Wir haben uns über die Arbeit kennengelernt und uns auf Anhieb gut verstanden. Ich brauchte ihn also gar nicht lang überzeugen, als ich ihm meine Idee mit der Kindertischlerei vorstellte. Das war Anfang 2024. 

Mit Eurem Angebot richtet Ihr Euch vornehmlich an Kinder im Vorschul- und Grundschulalter. Warum ist es Eurer Meinung nach so wichtig, gerade in diesem Alter anzusetzen? Reicht der Werkunterricht nicht aus?

Der Werkunterricht muss sehr viele Themen abdecken. Die Arbeit mit Holz nimmt nur einen Bruchteil in Anspruch. Zudem sind im Lehrplan dafür auch nicht allzu viele Stunden vorgesehen. Zuhören, Tafelbilder abschreiben, Zensuren. Das sind keine guten Voraussetzungen, um sich aus freien Stücken handwerklich zu betätigen. Bei uns können die Kids stundenlang Werkzeuge ausprobieren und den Umgang damit ausdauernd üben, individuelle Projekte umsetzen, auch gern zwanzigmal nachfragen, und am Ende erfolgt eben keine Bewertung. Das sind einfach zwei völlig verschiedene Welten. Und warum wir bereits in der Kita bzw. Vorschule ansetzen? Ganz einfach: zwischen dem sechsten und elften Lebensjahr machen Kinder einen großen Entwicklungsschritt, auch bekannt als „Wackelzahnpubertät“. Die Motorik wird deutlich sicherer und gezielter, die Kraft nimmt zu. Auch kognitiv verändert sich wahnsinnig viel. Kinder beginnen beispielsweise, das Ursache-Wirkung-Prinzip zu verstehen. All das sind wichtige und nützliche Voraussetzungen, um am Werktisch gut zurechtzukommen. 

Wie erlebt Ihr die Kinder in der gemeinsamen Arbeit? Zeigen sich beispielsweise motorische Defizite?

Eigentlich nicht. Manchen fällt es anfangs leichter, manchen schwerer. Übung macht bekanntlich den Meister. Was wir allerdings immer wieder sehr deutlich beobachten, ist, dass die Kinder oft Schwierigkeiten haben, ein Projekt zu finden, das ihnen gefällt. Eigene Ideen zu entwickeln. „Was soll ich bauen?“ hören wir da ganz oft. Wir geben in der Regel aber keine Ideen vor, da die Motivation eine ganz andere ist, wenn das Kind selbst kreativ ist.

„Wie eine kleine Sportstunde”
Enrico Gerlach
Pädagoge und Mit-Gründer der Kindertischlerei Pinocchio

Welche positiven Effekte bemerkt Ihr bei den Kindern während der Arbeit mit Holz, dem gemeinsamen Sägen, Schleifen, Fräsen, Drechseln – insbesondere in der Gruppe?

Das fängt schon beim Wortschatz an. Welche Erstklässler wissen schon, was ein Fostnerbohrer ist oder ein Anschlagwinkel? Hier lernen sie es. Weiter geht es mit dem mathematischen und räumlichen Denken. Will ein Kind ein Flugzeug bauen, muss es sich überlegen wie lang das Holz dafür sein muss, wie tief die Schraube maximal ins Holz gehen darf ohne hinten herauszuschauen. Bei jeder zweiten Überlegung muss man entweder abmessen, anzeichnen, ausrechnen oder abschätzen. Ein weiterer positiver Effekt ist das Training von Kraft und Ausdauer. Zu Beginn heißt es meist „Mir tun die Hände weh!“. Das ändert sich aber nach den ersten Wochen. Die Schnitte werden gerader, die Hände bewegen sich kontrollierter, und die Ausdauer erhöht sich durch das viele Sägen, Schleifen, Raspeln und Schrauben drehen. Das ist wie eine kleine Sportstunde. 

Ihr geht mit Eurer mobilen Werkstatt auch direkt in die Schulen, im Rahmen des GTA-Unterrichts. Wie kommt das Angebot bei Lehrern und Schülern an?

Das Interesse ist sehr groß. Es gibt deutlich mehr Anmeldungen als freie Plätze. Ein gutes Zeichen also für die Zukunft. Wir haben auch schon erlebt, dass selbst die Werklehrer gelegentlich den Kopf durch die Tür stecken und schauen möchten, wie wir die Stunden anleiten. Die Qualität des Werkunterrichts ist von Schule zu Schule sehr unterschiedlich – je nach Lehrkraft. Manche sind ausgebildete Tischler, manche fragen aber auch schon mal, wie man eine Raspel ordnungsgemäß verwendet. Schade ist, dass die Maschinen in den Werkräumen des Öfteren brandneu sind, aber seit Jahren nicht genutzt werden, weil der Lehrer sich damit nicht auskennt.

An welche Anekdote in der Arbeit mit den Kindern und/oder Eltern erinnert Ihr Euch am liebsten zurück?

Da fällt mir sofort etwas ein! Als wir uns gerade selbstständig gemacht hatten, sagte mir ein Kind, wie sehr ihm die Arbeit in der Werkstatt gefällt, weil hier alles nicht so super sauber sei, man auch mal Dreck machen kann, die Werkzeuge nicht weggeschlossen werden und es keine schlechten Noten gibt, wenn man mal schief gesägt hat. Da geht einem doch das pädagogische Herz auf.

Abschließend die Frage: Wie kam es eigentlich zur Namensfindung? Pinocchio ist ja eher ein Lausbube mit einer vom Lügen langen Nase?

Das stimmt, ist aber zu kurz gegriffen. Pinocchio lügt ja nie aus Bosheit, sondern eher aus Scham und ist grundsätzlich ein gutes Kind mit dem Herz am rechten Fleck. Kinder können viel von Pinocchio lernen: Fleiß, Lernbereitschaft, auch mal anstrengende Arbeiten zu verrichten. Pinocchio wird am Ende damit belohnt, dass er in einen echten Jungen verwandelt wird. Bei uns gibt es als Belohnung ein tolles Werkstück.

Herzlichen Dank für das Interview!