Baukultur hinter Pappeln

Eigentlich hätte der Bau des Haus Chrambach reibungslos verlaufen sollen. Bauherr Fritz Chrambach war nicht nur der Sohn des Sächsischen Hofjuweliers, er war auch als Regierungsrat bei der örtlichen Baupolizei für Baugenehmigungen zuständig. Doch sein modernes Haus stieß in Dresden-Hellerau auf Ablehnung.

Der Architekt Walter Reitz entwarf ein kubisches Gebäude mit Flachdach und einer Fassade aus unverputztem Klinkermauerwerk. Hellerau war mit seiner 1909 angetretenen Gartenstadt-Gesellschaft neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen. Aber schon 1930 herrschte ein konservativer Geist. Im Ensemble der Satteldachhäuser wäre das Haus Chrambach ein Fremdkörper, so die Befürchtung.

Genehmigt wurde das Haus erst nach einer Überarbeitung des Entwurfs. Eine der letzten Auflagen: Man möge schnell wachsende Pappeln davor pflanzen.

Im Sommer 1930 konnte Familie Chrambach einziehen. Ein großer Garten, eine Spielterrasse am Kinderzimmer und eine Dachterrasse inklusive Außendusche ermöglichten ein naturnahes Leben. Innen überraschte eine expressive Farbgestaltung nach der Farbenlehre Rudolf Steiners. Die Chrambachs waren tiefer an der Anthroposophie interessiert. Schon 1929 gründeten sie die erste Waldorfschule Dresdens und ließen auch ihre vier Töchter dort unterrichten. Ihr Wohnhaus etablierte sich als Künstlertreffpunkt.

Nach 15 Jahren war das Glück vorbei; Walter Chrambach wurde 1944 in Buchenwald ermordet, die Familie zog nach dem Krieg in den Westen. Anfang der 1990er Jahre wurde das Haus privat verkauft und liebevoll saniert. Noch immer strahlt die außergewöhnliche Architektur eine moderne Lebenseinstellung aus.

Fotos im Beitrag: Till Schuster