Sind Bienen eigentlich musikalisch? Mögen sie gar Musik? Derartige Fragen stellt man sich ganz automatisch, betritt man das weitläufige Dach der Leipziger Oper. Hier sind seit Juni 2016 zwei Bienenvölker zu Hause. Die Initiative des Naturschutzbundes NABU stieß bei Intendant Ulf Schirmer auf offene Ohren. Kein Wunder, ist er doch selbst engagierter Hobby-Imker.

Seither gehen auf dem Dach rund 100.000 Insekten ihren natur- und menschheitserhaltenden Aufgaben nach, so ziemlich direkt über dem Büro von Rémy Fichet, Produktionsleiter des Leipziger Balletts. Dem französischen Wahlleipziger fiel damit fast zwangsläufig die Rolle des inoffiziellen Bienenbeauftragten der Oper zu.  Damit steht er in einer echten Tradition. Denn die Leipziger haben sich von ihren Kollegen in Paris inspirieren lassen. Jean Paucton, Bühnenbauer und Hobby-Imker brachte 1982 heimlich ein Bienenvolk auf das Dach der prächtigen Opèra Garnier. Heute lässt sich der Promi-Honig im Souvenir-Laden der Oper zu guten Preisen verkaufen.

Natürlich ist es Zufall, dass Fichet just an dieser Oper in den Jahren 1992 bis 1998 seine Ausbildung als Tänzer absolvierte. Die Frage nach der Musikalität der fleißigen Insekten kann er nicht beantworten. Was er weiß, ist, dass Bienen via Tanz kommunizieren, um beispielsweise Entfernung und Richtung von Futterquellen weiter zu geben. Experten sprechen dann von Rund- oder Schwänzeltänzen.

Professionell betreut werden die Bienen von Ulrike Richter, seit 15 Jahren begeisterte Imkerin, davon die letzten 6 Jahre hauptberuflich. „Das ist ein Fulltime-Job, in den Hochzeiten täglich bis in die Abendstunden hinein“. Trotzdem schaffe sie es immerhin so um die vier Mal pro Jahr in die Oper, zuletzt in die Operette „Prinzessin Nofretete“.  Für ihre Opern-Bienen kommt sie mindestens einmal die Woche für 1,5 Stunden ins Haus am Leipziger Augustusplatz.

„Imkern hat in Sachsen eine lange Tradition.“ – Ulrike Richter

Richter freut sich einerseits darüber, dass Imkern wieder im Kommen ist. „Urban beekeeping“ heißt der Trend. Immer mehr junge Leute halten sich Bienenvölker und wollen damit zum Umweltschutz beitragen. Sie sagt aber auch: „Wir müssen keiner Mode hinterherlaufen, Imkern hat in Sachsen eine lange Tradition. In Leipzig gab es zu DDR-Zeiten immerhin 300 Imker“. Aktuell seien es 250, Tendenz steigend.

Sachsens Imker konnten im vergangenen Jahr mit rund 1.750 Tonnen sogar eine Rekord-Honigernte eingefahren. Im Schnitt wurden nach Angaben des Landesverbandes 33,8 Kilogramm je Bienenvolk geerntet – 1,5 Kilogramm mehr als im Jahr zuvor. Im Freistaat betreuen 6.000 Imker etwa 51 600 Bienenvölker. Richter selbst ist mit 60 Bienenvölkern auf verschiedenen Flächen in Leipzig und Umgebung unterwegs. Ihren Honig kann man auf Märkten, Sommerfesten und Landwirtschaftsmessen wie der „AGRA Leipzig“ erwerben.

„Es geht weniger um den Ertrag, sondern mehr um die Umwelt.“ – Ulrike Richter

„Bei dem Opern-Projekt geht es weniger um den Ertrag, sondern mehr um die Umwelt“, beschreibt sie das Ansinnen der Ansiedlung. Klimawandel, Monokulturen, Pestizide machten den Bienen das Leben auf dem Land immer schwerer. Stadtimkerei sei daher eine echte Alternative, denn die Lebensbedingungen für die Tiere sind besser als auf dem Land. Die Temperaturen liegen etwa 2 Grad über denen vor den Toren der Stadt. Und, für die städtischen Honigbienen gibt es reichlich und über eine lange Zeit bis in den Spätherbst hinein Nektar: von Robinien und Linden, von Blüten auf Balkonen, in Kleingärten und auf Stadtwiesen in Parkanlagen.

„Mich fasziniert die Beständigkeit. Bienen sind seit über 45 Millionen Jahren wichtig für unser Ökosystem“, sagt Remy Fichet. Das Projekt habe auch sein Umweltbewusstsein weiter geschärft und ihn angespornt, noch umweltgerechter zu leben. Vor einiger Zeit hat er sich – ganz in Leipziger Tradition – einen Kleingarten zugelegt, in dem er sein eigenes Gemüse züchtet.

Willkommener Nebeneffekt: Im größten Berufsstress steigt der Ballett-Profi aus seinem Büro einfach kurz aufs Dach und lässt sich von dem unaufgeregten, organisierten Treiben „seiner“ Bienen beruhigen. Auf diesen Luxus muss er im Moment allerdings verzichten. Aufgrund von Sanierungsarbeiten haben die Opern-Bienen ein Übergangsquartier auf dem Dach der Theaterwerkstätten im Leipziger Osten bezogen.

Dass Stadthonig köstlich schmeckt, davon konnten sich die Opern-Mitarbeiter bereits überzeugen. Erste Kostproben von der Sommerblüte erfreuten sich reger Nachfrage. Rémy Fichet und Ulrike Richter hoffen mittelfristig auf einen Ertrag von 30 Kilogramm pro Volk, direkt vor Ort geschleudert und abgefüllt. Dann können Gäste und Touristen den Leipziger Opernhonig für 4 Euro das 125-Gramm-Glas mit nach Hause nehmen.

Alle Bilder im Beitrag ©Robert Strehler