„Wer Steillagen-Winzer ist, der ist bereit für einen Knochenjob, denn das bedeutet ganz viel Handarbeit. Mit Maschinen kommen wir hier nicht weiter.“ Anja Fritz steht im Abendlicht auf dem Hang des Mariabergs, der zu ihrem Weingut gehört, ein Glas Traminer in der Hand. Die rund 20 Gäste hängen an ihren Lippen, darunter sieben Foodbloggerinnen*. Auf Einladung von „So geht Sächsisch“ sind die Bloggerinnen an diesem sonnigen Herbstwochenende in Sachsen zu Gast, um mehr über sächsischen Wein zu erfahren und sächsische Gastfreundschaft zu inhalieren.

Sie wohnen direkt auf dem Weinberg, in den Ferienwohnungen von Anja Fritz. Zum Auftakt erzählt die selbständige Winzerin, zertifizierte Weingästeführerin und ehemalige Weinprinzessin, was das kleinste deutsche Weinanbaugebiet so besonders macht. „Wein wird im Freistaat schon seit 850 Jahren angebaut. Mit rund 450 Hektar Rebfläche zählt Sachsen allerdings zu den kleinsten deutschen Weingebieten. Das Weinanbau so weit im Nordosten überhaupt möglich ist, liegt an dem besonders milden Klima hier im Elbtal. Unsere Reben an den Südhängen genießen über 1.600 Sonnenstunden im Jahr.“

Vorwiegend Kleinwinzer wie Anja Fritz bauen mehr als 20 Rebsorten an – darunter Riesling, Weiß-, Grau- und Spätburgunder, aber auch Traminer und Scheurebe. Eine sächsische Besonderheit ist Goldriesling, der nur hier angebaut wird. Die 55 Kilometer lange „Sächsische Weinstraße“ verbindet als touristische Route die Weinorte zwischen Diesbar-Seußlitz und Pirna.

Nach einem zünftigen Abendessen mit regionalen Käse- und Wurstspezialitäten im Weinkeller von Mariaberg, erwartet die Bloggerinnen am nächsten Morgen ein abwechslungsreiches Programm.

  1. Station: Sächsischer Weinwanderweg

Los geht es mit einer Herbstwanderung durch das Spaargebirge entlang des „Sächsischen Weinwanderwegs“, begleitet durch Anja Fritz. Der Wanderweg führt die Frauen entlang an idyllischen Weinbergen und Aussichtspunkten. Ziel der genussfreudigen Truppe: Das Weingut Schuh in Sörnewitz.

Während der Wanderung plaudert die Winzerin über Land und Leute, erläutert, dass die historischen Trockensteinmauern nicht nur schön, sondern vor allem wichtig sind. Sie dienen der Befestigung, der Wärmespeicherung und sind ideale Heimat für Tiere und Pflanzen.

Beeindruckend offen erzählt Anja Fritz auch von sich und wie sie nach Sachsen gekommen ist: Durch Zufall. Vor 15 Jahren kaufte sie mit ihrem damaligen Partner den heruntergekommenen Weinberg, sanierte das Haus und begann nach und nach, sich mit den Rebstöcken auf ihrem Grundstück zu beschäftigen. Zuvor war sie weit in der Welt herumgekommen, hatte unter anderem in Mexiko gelebt und gearbeitet. Erst in Meißen schlug die gebürtige Niedersächsin schließlich Wurzeln und entdeckte ihre Weinliebe.

 

  1. Station: Weingut Schuh

Nach traumhaften Zwischenstopps auf der „Juchhöh“ (Karlshöhe) und dem Schwalbennest (Kapitelberg), erreicht die kleine Gruppe das Weingut Schuh in Sörnewitz. Der Tisch im Hof des ehemaligen Bauernguts ist schon liebevoll gedeckt. Chefin Katharina Pollmer wartet bereits, zusammen mit einem gut gekühlten, fruchtigen Schieler Secco. „Herzlich willkommen auf unserem familiengeführten Weingut“, begrüßt sie die Gäste fröhlich.

 

Zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Matthias Schuh führt sie das Unternehmen herzlich und sehr persönlich. Erst im vergangenen Jahr haben die Kinder das Weingut von ihrem Vater übernommen, der es nach der Wende aufgebaut hatte. Die Schuhs bewirtschaften zusammen mit ihrem Team fünf Hektar Rebfläche in Steillage naturnah und nachhaltig. Katharina Pollmer: „Das heißt, dass wir auf Herbizide komplett verzichten und ausschließlich organischen Dünger verwenden.“ Neben den in Sachsen üblichen Rebsorten ist das Weingut Schuh der einzige Betrieb, der aus Dunkelfelder-Reben einen sortenreinen gehaltvollen Rotwein keltert.

Beim Rundgang durch den Keller und dem modernen Hochregallager wird die Philosophie der Schuhs deutlich, auf moderne Technik sowie Qualität und Nachhaltigkeit zu setzen.

  1. Station: Sächsisches Staatweingut Schloss Wackerbarth

Bei Toskanawetter und Postkartenhimmel geht es vom kleinen Familienunternehmen weiter nach Radebeul zum Sächsischen Staatsweingut Schloss Wackerbarth. Hier ist alles mehrere Nummern größer. An diesem sonnigen Herbsttag ist das Staatsweingut bestens besucht. Zahlreiche Einheimische und Touristen genießen Ambiente und Herbstsonne, flanieren durch die Parkanlagen oder staunen bei einer Führung durch die Manufaktur über die jahrhundertealte Winzerkunst. Willkommen im ersten Erlebnisweingut Europas.

Geführt von Martin Junge lassen die Foodbloggerinnen das fotogene Ensemble aus barocker Schloss- und Gartenanlage, historischer Weinkulturlandschaft sowie moderner Wein- und Sektmanufaktur auf sich wirken. Die Auslöser der Kameras klicken wie wild. „Hier, kosten Sie mal“, sagt Martin Junge als die Gruppe vor dem modernen Manufakturgebäude angekommen ist. Er zeigt auf die vollen Trauben an den sogenannten „Besucherrebstöcken“. Da ist Kosten erlaubt. Alle probieren. „Hmmmm, total süß und aromatisch“, lautet das einstimmige Urteil.

Mit dem Geschmack der frischen Trauben auf der Zunge geht es direkt in die Manufaktur. Die Genussexpertinnen erleben, wie aus ebensolchen Früchten erlesene Weine entstehen, was bei der Gärung passiert und wie beim schonenden Ausbau im Barrique die natürlichen Aromen erhalten bleiben.

Zum Abschluss geht es über die Terrassen zum Pavillon „Belvedere“ – Traumblick bei Traumwetter. Spätestens jetzt sind alle verliebt in diesen Ort.

  1. Station: Restaurant Daniel

Wenn es darum geht, die Gastfreundschaft der Sachsen, die Qualität des Weines und der sächsischen Küche zu verstehen, ist das Restaurant Daniel in Dresden eine gute Adresse. Die Bloggerinnen werden hier am Samstagabend schon erwartet und herzlich von Chefin Carolin Fischer, der Frau des Inhabers Daniel Fischer, begrüßt.

Es folgt ein leckeres saisonales Menü mit fast ausschließlich regionalen Zutaten. Das Ehepaar Fischer führt das Haus als Slowfood-Restaurant. Im Unterschied zu „Fastfood“, wo es um schnelles Sattwerden geht, setzt „Slowfood“ auf eine Kultur des bewussten Essens und Genießens entgegen.

 

  1. Station: Porzellan-Manufaktur Meissen

Mit einem Frühstück auf Meissener Porzellan im Café und Restaurant Meissen geht es am Sonntagmorgen weiter. Zu einer Genussreise entlang der Sächsischen Weinstraße gehört ein Besuch in der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen einfach dazu. Die Bloggerinnen aus Hamburg, München, Stuttgart, Weimar und Leipzig genießen das köstliche Frühstück auf Geschirr aus dem aktuellen Repertoire. Interessiert hören sie den Geschichten zur Tischkultur von Gästeführerin Beate Debernitz zu. Bevor die Porzellan-Manufaktur Meissen 1710 gegründet worden war, speiste man nämlich von Tellern aus Holz, Ton, Zinn oder gar Silber. Erst August der Starke präsentierte seinen staunenden Gästen eine kostbare Tafelausstattung aus Meissener Porzellan.

Bei einem Gang durchs Museum durchstreift die Gruppe dann im Schnelldurchlauf 300 Jahre Meissener Porzellan- und Kunstgeschichte. Die ausgestellten Porzellane sind opulent, luxuriös und faszinierend bis ins kleinste Detail. Das ist Handwerkskunst. Leider bleibt für den „artCAMPUS“ nur wenig Zeit. Die Ausstellung präsentiert zeitgenössische Kunstwerke externer Künstler aus aller Welt in Meissener Porzellan. Die Idee: International renommierte Maler und Bildhauer arbeiten gemeinsam mit Meissener Kunsthandwerkern und kreieren zeitgenössische Kunstwerke wie beispielsweise eine Skulptur aus kostbarem Porzellanbruch.

Wie die Unikate aus Meissener Porzellan entstehen, erleben die Frauen danach in der Schauwerkstatt. Nach dem Drehen und Formen werden beim Bossieren die einzelnen Figurenteile zusammengefügt. In unserem Falle sind es unzählige Blüten. Dass die Zwiebel auf dem berühmten Meissener Zwiebelmuster eigentlich ein Granatapfel ist, lernen die Böoggerinnen am Arbeitsplatz der Unterglasurmalerei. Auch das Meissener Markenzeichen, die gekreuzten Schwerter, werden per Hand aufgemalt. Letzte Station: die Aufglasurmalerei. Staunend sehen die Besucherinnen, wie Federstrich für Federstrich ein wilder Drache entsteht. Faszinierend!

Nach einem fixen Stopp in den Meissen-Boutiquen (es gibt auch ein Outlet!), wartet schon Katharina Lai auf uns. Auf geht’s zur letzten Station des Wein-Wochenendes.

  1. Station: Mit dem Goldrieslingexpress ins WeinReich nach Diesbar-Seußlitz

In Katharina Lais gelb-rotem Goldriesling-Express geht es lustig rumpelnd von Meißen nach Diesbar-Seußlitz. Der Bus ist ein altes DDR-Fahrzeug, eines der letzten Modelle, die die VEB-Robur-Werke Zittau verlassen haben. Katharina Lai hat den Bus reaktiviert, extra einen Busführerschein gemacht und bietet ihren Gästen nun geführte Weintouren entlang der „Sächsischen Weinstrasse“ an. Auch sie ist ein Multitalent. Von Haus aus Versicherungsexpertin, bewirtschaftet sie seit Jahren einen eigenen Weinberg in Steillage, ist Vorsitzende des Tourismusvereins der Region, Weingästeführerin und ehemalige Weinprinzessin.

Zusammen mit ihrem Lebenspartner hat sie außerdem 2016 das WeinReich eröffnet, eine Weinbar im liebevoll sanierten ehemaligen Pferdestall des Rittergutes von Schloss Seußlitz. Hier präsentiert sie neben einheimischen Sorten auch ausgewählte Tropfen der 13 Weinhoheiten von Deutschlands. Diese exzellenten Weine treffen im WeinReich auf moderne Kochkunst aus regionalen Zutaten. Das dürfen die Foodbloggerinnen zum Abschluss probieren. Ein bisschen geschafft, weil voller Eindrücke und Bilder, lassen sie sich von den beiden Gastgebern verwöhnen.

Mit dem WeinReich in Diesbar-Seußlitz endet das intensive Weinwochenende ganz bewusst dort, wo die Sächsische Weinstraße ihren Anfang nimmt. „Unser Dorf ist neben Meißen, Radebeul und Pillnitz einer der bekannteste und schönsten sächsischen Weinbauorte “, erklärt die ehemalige Weinprinzessin.

„Ja, das stimmt“, nicken die Gäste als sie zum Abschied einen letzten Blick auf das Barockschloss Seußlitz und den auf der Elbe vorbeifahrenden Schaufelraddampfer werfen. „Haben Sie vielen Dank, das war so schön bei Ihnen. Wir kommen wieder, versprochen!“

 

*Und diese Bloggerinnen waren dabei

Danke für Text und Fotos© Anja von schönes + leben