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Taiwan Hub Sachsen

Die hohe Kunst der Tuschemalerei

Interview mit Künstler Mu-Yu Chen

In Taiwan ist Mu-Yu Chen fast eine Berühmtheit. Der Tuschemaler und Kalligraf gehört seit Jahren zu den bekanntesten Vertretern seines Fachs. In zahlreichen Ausstellungen waren seine Arbeiten zu sehen. In Sachsen dagegen begegnen viele Menschen dem Künstler derzeit zum ersten Mal. Das liegt vor allem an einem Projekt, das Tanz, Malerei und digitale Medien zusammenführt: „Saxony meets Taiwan 3.0 – Tradinovation“.

Dort übernimmt Mu-Yu Chen eine besondere Rolle. Während Tänzerinnen und Tänzer Szenen zwischen Taiwan und Sachsen entwickeln, entsteht unter seinen Händen live eine Tuschemalerei. Eine Kamera überträgt jeden Pinselstrich auf große Leinwände. Das Publikum erlebt nicht nur das fertige Werk, sondern dessen Entstehung.

Die Produktion ist Teil der Reihe „Saxony meets Taiwan“, die die Tänzerin und Choreografin Mu-Yi Chen gemeinsam mit ihrem Mann Norbert Kegel entwickelt hat. Mu-Yi Chen ist Mu-Yu Chens Tochter. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie das Tanzstudio MuNo Productions in Radebeul und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit den kulturellen Verbindungen zwischen Taiwan und Sachsen. Nach einem Filmprojekt und einer ersten Bühnenproduktion folgt nun mit „Tradinovation“ die bislang aufwendigste Inszenierung. Tanz, Tai Chi, Kung Fu, klassische Balletttechnik, digitale Projektionen und Live-Malerei greifen dabei ineinander.

Für Mu-Yu Chen ist das eine ungewöhnliche, aber durchaus konsequente Erweiterung seiner eigenen Arbeit. Wer ihm zuhört, merkt schnell, dass er selten über Karriere oder Auszeichnungen spricht. Ihm geht es um Kunst und wie sie entsteht. Ein Bild beginnt für ihn nicht auf dem Papier. Es beginnt lange vorher. Ein Gedicht kann der Ausgangspunkt sein, Musik, eine Landschaft oder eine bestimmte Stimmung. „Wenn mich etwas berührt, entsteht daraus ein Bild“, sagt er. Für ihn ist die Tuschemalerei eine Sprache: „Der Künstler nutzt die Sprache der Tuschemalerei, um mit anderen Menschen zu kommunizieren.“

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Die hohe Kunst der Tuschemalerei

Entscheidend ist nicht das Motiv, sondern die Qualität des Pinselstrichs

Dieser Gedanke hat in Ostasien eine lange Tradition. Kalligrafie und Tuschemalerei entwickelten sich über Jahrhunderte gemeinsam. Beide arbeiten mit denselben Werkzeugen: Pinsel, Tusche und Papier. Anders als in vielen westlichen Maltraditionen geht es dabei nicht allein um das Motiv. Entscheidend ist die Qualität des Pinselstrichs. Er verrät Konzentration, Erfahrung, Rhythmus und die innere Haltung des Künstlers.

Gerade darin liegt auch eine Besonderheit dieser Kunstform. Was einmal auf dem Papier steht, lässt sich kaum korrigieren. Ein Pinselstrich bleibt sichtbar. Deshalb spielen Konzentration und Sicherheit eine zentrale Rolle. Gleichzeitig entstehen gerade in dieser Mischung aus Kontrolle und Spontaneität jene Momente, die Mu-Yu Chen an der Tuschemalerei faszinieren. Seine Bilder wirken oft leicht und selbstverständlich. Tatsächlich steckt hinter jedem Strich jahrzehntelange Erfahrung.

In Taiwan wird Mu-Yu Chen besonders für seine Landschaftsmalerei und seine Kalligrafien geschätzt. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen einer jahrhundertealten Tradition und einer zeitgenössischen Bildsprache. Er selbst lehnt die Vorstellung ab, Kunst müsse unverändert bewahrt werden. „Ich bin kein Maler, der sehr streng an der traditionellen Kunst festhält“, sagt er. „Die Welt verändert sich ständig. Deshalb verändert sich auch die Kunst.“

Diese Haltung erklärt auch seine Offenheit gegenüber neuen Technologien – wie beim aktuellen Projekt „Saxony meets Taiwan 3.0 – Tradinovation“. Besonders spannend findet er auch die Verbindung zwischen Malerei und Bewegung. Kalligrafie, Tuschemalerei, Tai Chi und Tanz – für ihn sind die Kunstformen enger miteinander verwandt, als viele vermuten würden. Alle arbeiten mit Rhythmus und Bewegung. Alle verlangen Konzentration. Und alle verraten etwas über die Persönlichkeit der- oder desjenigen, der sie ausführt.

Deshalb ist die Zusammenarbeit mit seiner Tochter für Mu-Yu Chen  weit mehr als ein Familienprojekt. Während Mu-Yi Chen mit Bewegung und Choreografie arbeitet, arbeitet ihr Vater mit Tusche und Papier. Beide beschäftigen sich letztlich mit denselben Fragen: Wie entsteht Ausdruck? Wie entsteht Rhythmus? Und wie lassen sich Gefühle sichtbar machen?

Von der Sächsischen Schweiz inspiriert

Für das Projekt hat sich Mu-Yu Chen intensiv mit Sachsen beschäftigt. Besonders beeindruckt hat ihn die Bastei in der Sächsischen Schweiz. Die gewaltigen Felsformationen erinnerten ihn sofort an Motive der klassischen ostasiatischen Landschaftsmalerei. In dieser Tradition stehen Berge und Felsen seit Jahrhunderten für Beständigkeit und Langlebigkeit. Auch die Dresdner Frauenkirche hat er gemalt. Gerade solche Motive seien eine besondere Herausforderung. Denn es gehe nicht nur darum, Gebäude oder Landschaften abzubilden. Vielmehr müsse die Bildsprache der Tuschemalerei mit einer europäischen Architektur und Landschaft in Einklang gebracht werden.

Von Sachsen spricht er mit großer Wertschätzung. Die Kulturlandschaft Dresdens, die Geschichte der Region und die Natur hätten ihn nachhaltig beeindruckt. Gleichzeitig erkennt er viele Gemeinsamkeiten zwischen Taiwan und Sachsen. Beide Regionen verfügen über eine starke kulturelle Identität. Beide legen großen Wert auf Bildung und Kultur. Und beide stehen vor der Aufgabe, Tradition zu bewahren und gleichzeitig offen für Veränderungen zu bleiben.

Was Sachsen von Taiwan lernen kann

Was Menschen in Sachsen von Taiwan lernen könnten? Mu-Yu Chen muss nicht lange überlegen. „Vielleicht etwas mehr Offenheit gegenüber anderen Kulturen.“ Taiwan sei über Jahrhunderte von unterschiedlichen Einflüssen geprägt worden. Gerade deshalb versteht er die Kultur der Insel nicht als etwas Starres, sondern als etwas, das sich ständig weiterentwickelt. „Kunst ist eine gemeinsame Sprache der Menschheit“, lautet sein Plädoyer. Es ist Herausforderung und Versprechen zugleich.