Wie bringt man Unternehmern Sinn und Zweck der Digitalisierung oder der Industrie 4.0 so richtig nah? Wie zeigt man das Wesen von Innovation? In Dresden gibt es auf diese Fragen sehr plastische Antworten.

Wettiner Platz 7
Frank Neuber von der DREWAG, den Dresdner Stadtwerken, entfernt das schwere Schloss zu Halle 9 des KRaftwerk Mitte. Er stößt eine Tür auf, die in Vergangenheit und Zukunft zugleich führt. Altes Ziegelmauerwerk erhebt sich vor den Augen, 3000 Quadratmeter Fläche, vier Stockwerke. Die Besucher nehmen den kühlen Hauch einer verlassenen Schaltzentrale wahr, in der einst Transformator neben Transformator stand. Die DREWAG hat das 40.000 Quadratmeter große Innenstadtgelände neu belebt. Bis 1994 qualmte hier ein Kohlekraftwerk, jetzt sind Staatsoperette Dresden und das theater junge generation eingezogen. Die Musikhochschule lehrt in neuen Räumen, es gibt ein Energiemuseum, eine Diskothek, Cafés. Ein kreativer, interdisziplinärer Ort, ganz nach Ronald Scholz’ Geschmack. Gemeinsam mit Nico Herzberg folgt er Frank Neuber durch den noch ungenutzten Bau. Die Farbe im Treppenhaus blättert von der Wand, aber Scholz’ Vision tut das keinen Abbruch.

Boxenstopp: Die Lernfabrik wird immer wieder verändert und umgebaut. Nicht nur die Besucher erfahren, dass digitale Transformation ein konstanter Prozess ist.

Boxenstopp: Die Lernfabrik wird immer wieder verändert und umgebaut. Nicht nur die Besucher erfahren, dass digitale Transformation ein konstanter Prozess ist.

Er sieht hier 3-D- Drucker und Rapid-Prototyping-Workshops, in denen Unternehmer Produkte entwickeln. Er sieht hier Virtual Reality zum Testen und Design Sprints, in denen Entwickler das Mögliche wagen. »Ich fuhr mit der Bahn vorbei und sah das Plakat ›Wir haben noch Flächen‹ «, erinnert sich Scholz. Er gründete mehrmals selbst, führte ein Softwareunternehmen an die Börse und greift heute Start-ups unter die Arme. In der Halle 9 sollen Unternehmer die Digitale Transformation verstehen. »Das werden Räume, in denen der Erzgebirgische Räuchermännchenhersteller mit den IT-Spezialisten von SAP in Kontakt kommt«, sagt Ronald Scholz. Er will das Wissen der Start-up-Industrie jenen vermitteln, die es mindestens so dringend brauchen können.

„Sieht gut aus“: Nico Herzberg und Ronald Scholz beim Rundgang.

„Sieht gut aus“: Nico Herzberg und Ronald Scholz beim Rundgang.

»Das Angebot muss niedrigschwellig sein«, sagt Scholz. »Die Unternehmer sollen hier erleben, was die Digitalisierung kann. Sie sollen diese Entwicklung anfassen.« An der Stelle beschreibt Ronald Scholz einen wunden Punkt der Digitalisierung. Alle lesen von dieser einschneidenden Transformation, doch die Botschaft kommt zu selten an. »Viele brauchen ein Erlebnis, eine Begegnung, einen Impuls, ehe sie das Thema angehen«, sagt Ronald Scholz. Neben ihm nickt Nico Herzberg. Er verantwortet die Ausbildung bei SAP Dresden und war einer der Ersten, die Ronald Scholz’ Vision teilten: SAP will in der Halle 9 nach dem Umbau ein Innovations- und Ausbildungszentrum unterbringen. »Wir wollen hier überlegen und zeigen, wie die Arbeit der Zukunft aussieht«, sagt Nico Herzberg.

»Unternehmer brauchen Orte, an denen sie die Digitalisierung anfassen können.«

Das große Softwarehaus möchte sich öffnen. Die Halle 9 soll zum Schaufenster werden, zur Kontaktbörse, in der man mit der sächsischen Wirtschaft ins Gespräch kommt. Herzberg und Scholz folgen Frank Neuber in den vierten Stock, wo ein langes Oberlicht den Raum erhellt. Hier wird ein Konferenzraum entstehen, hier sollen in drei Jahren Ideen zum Leben erwachen. Herzberg und Scholz stecken ihre Köpfe zusammen und diskutieren den anstehenden Umbau. Sie sind mit ihrem Vorhaben nicht allein, weitere Partner haben dem Projekt ihre Partnerschaft versichert, darunter eine Bank und eine Krankenkasse. Der Bedarf ist einfach zu groß. »Wir haben in unserem Land viele 100-Mann-Firmen, die sich endlich der Digitalisierung widmen müssen«, setzt Ronald Scholz zu einem Plädoyer an. »Diese Unternehmen brauchen einen Ort, an dem sie sich möglichen Fachkräften vorstellen können. Diese Unternehmer brauchen einen Ort, an dem sie sich weiterentwickeln können.« Man darf annehmen, dass Piechnick und Reichelt diesen Satz sofort unterschreiben würden.

Hier stand einst ein Transformator neben dem anderen. Das Gebäude erinnert manche Besucher in ihrem derzeitigen Zustand an ein Gefängnis – im Scherz wird die Halle 9 dann schon mal Alcatraz genannt.

Hier stand einst ein Transformator neben dem anderen. Das Gebäude erinnert manche Besucher in ihrem derzeitigen Zustand an ein Gefängnis – im Scherz wird die Halle 9 dann schon mal Alcatraz genannt.

Mehr Informationen zum Smart Systems Hub Dresden und zu den angebotenen Trails für Besucher auf www.smart-systems-hub.de.

Text: Peter Wagner
Fotos: Lệmrich