Klingt wie ein Witz: Was passiert, wenn Ingenieure Langeweile haben? Sie nehmen sich ein Fahrrad und ersetzen hartes Metall durch weiches Textil. Doch auch wenn die drei Gründer des Chemnitzer Start-ups „Bowbike“ – Sven Gläser, Hendrik Berthel und Hannes Wittig – immer ein kleines Lächeln auf den Lippen haben, ist es ihnen mit ihrem Fahrrad ernst. Seit 2017 entwickeln der Wirtschaftsingenieur, der Sportgerätetechniker und der Industriedesigner ein Citybike, das man so noch nicht gesehen hat: Unterrohr und Kettenstreben haben sie durch zwei Fäden ersetzt, was ein völlig neues Design ermöglicht. In wenigen Monaten sollen die ersten Exemplare via Crowdfunding zu kaufen sein. Das Motto der Gründer: „Das Fahrrad neu erfinden.“ Klar, dass sowas nur aus der Textil-Hochburg und Stadt der Tüftler Chemnitz kommen kann! Wir haben Vertriebler Sven und Entwickler Hendrik getroffen und ein paar Fragen unter den Nägeln mitgebracht.

Ein Fahrrad, das in Teilen aus Textil besteht. Da hört Ihr die Frage bestimmt öfters: Hält das überhaupt?

Hendrik: Aber klar! Wir nutzen ein Hochleistungstextil namens Vectran. Das hat bessere Eigenschaften als Stahl. Der Rahmen ist so konzipiert, dass dieses Textil eingespannt wird, vergleichbar mit einem Pfeilbogen. Wer so ein Ding schon mal in der Hand hatte, kennt das Gefühl der Spannung, wenn man die Sehne nach hinten zieht. Diesen Druck nutzen wir für die Stabilität unseres Rahmens.

Sven: Du kannst Dir das auch so vorstellen: Wenn Du Dich auf Dein Fahrrad setzt, werden die unteren Teile, also das Unterrohr und die Kettenstreben, auseinandergezogen. In unserem Studium haben wir gelernt: Alles, was auf Zug belastet wird, kannst Du durch Textil ersetzen. So konnten wir viel Gewicht am Rahmen sparen und ein ganz neues Design realisieren – ohne Abstriche bei der Haltbarkeit.

Beim Rahmen fallen auch die zwei Rohre oben auf. Warum muss das gerade so aussehen?

Hendrik: Zu unserem Konzept gehört neben dem Textil eine weitere Innovation. Die zwei Kohlefaser- bzw. Carbon-Bögen können in einem vollautomatisierten Verfahren hergestellt werden. Klassische Fahrräder aus Carbon werden in Asien in Handarbeit produziert, nur so können die Margen erzielt werden. Mit unserer Forschung und dem Verfahren wollen wir beweisen, dass wir ein hochwertiges Carbon-Rad in Deutschland zum gleichen Preis herstellen können.

Sven: Unter uns gesagt, die Rahmen von neuen Fahrrädern werden immer hässlicher, auch gerade bei E-Bikes. Mit unserem Mitgründer Hannes wollten wir ein Statement schaffen, ein Fahrrad, das am Maximum des technisch Machbaren operiert. In Computermodellen haben wir simuliert, welches Material wir benötigen, wie das ausgerichtet werden muss, wie viele Streben und Seile wir brauchen und vieles mehr, um ein tolles Design und ein gutes Fahrgefühl zu erzielen. Dazu nutzen wir die besonderen Eigenschaften des Carbons: Kohlefaser kannst Du um 90 Grad drehen und damit bei den Eigenschaften um 100 Prozent gewinnen oder verlieren. Im Fahrradladen siehst Du den Unterschied zwischen einem Alu-Rad und einem Carbon-Bike gar nicht, die sehen alle gleich aus. Wir denken, das ist Schwachsinn. Die Kohlefaser hat das Potential, ein Fahrrad ganz neu denken zu können. Im Bowbike steckt sehr viel Ingenieurswissen.

Hendrik: Wir vergleichen das gerne mit dem E-Auto: Warum hat das eigentlich noch eine Motorhaube? Könnte man weglassen, denn einen Motor gibt es da nicht mehr. Aber die Leute sind das Aussehen halt gewohnt. Wir wollen bei unserem Fahrrad den anderen, den konsequenteren Weg gehen und die Möglichkeiten neuer Technologien voll ausschöpfen. Darin sind wir uns auch mit unseren Start-up-Kollegen von Pirope einig, mit denen wir kooperieren.

Ein Hingucker ist das Bowbike auf jeden Fall. Wen seht Ihr als potentielle Käufer?

Hendrik: Eigentlich ist unser Kunde ein „Nichtradfahrer“: Das Bowbike spricht Leute an, die sich eben nicht hunderte Kilometer am Wochenende quälen, sondern für die das Fahrrad ebenso ein wertvolles Designstück wie ein Premium-Auto ist, mit dem man schick zur Arbeit fahren kann. Die Performance ist nicht besser als bei der sehr guten Konkurrenz, aber wir sehen auf jeden Fall besser aus.

Sven: Unser Zielkunde will bei neuen Technologien vorn dabei sein. Das Bowbike ist für ihn ein Statement, ein Bekenntnis zu einem extremen und progressiven Konzept. Unser Kunde nimmt sein Fahrrad bewusst mit in die Wohnung, nicht aus Angst vor Diebstahl, sondern weil es an der Wand neben vielen anderen schönen Dingen einfach gut aussieht. Damit Du es die Treppe bequem hochtragen kannst, muss es leicht sein: Mit allem Zubehör wie Beleuchtung oder Schutzblech wird es unter 10 Kilogramm wiegen. Wir sprechen also Menschen an, die nicht zuerst auf der Suche nach einem Fahrrad sind, sondern nach Einzigartigkeit, nach technischer Finesse, nach Design. Entsprechend exklusiv werden wir den Vertrieb gestalten. Wir sehen das Bowbike in naher Zukunft eher bei ausgewählten Herrenausstattern, Nobelautohäusern oder hochwertigen Uhrengeschäften. Wir werden das Fahrrad aber auch direkt vertreiben.

Klingt nach Statusobjekt und nach gehobenem Preis. Wie viel soll das Bowbike kosten?

Sven: Wir legen großen Wert auf Transparenz. Nach dem offiziellen Marktstart wird es deshalb drei verschiedene Ausstattungslinien geben. Das beginnt bei einem Fixie für den schmaleren Geldbeutel und endet beim vollausgestatteten Highend-Bike mit elektronischer Schaltung und iPad-Halter am Lenker. Diese Version wird dann ungefähr 3.500 Euro kosten. Wir werden den Rahmen aber auch einzeln verkaufen, sodass jeder unsere Preisstrukturen nachvollziehen und sich für die passendste Lösung für die eigenen Bedürfnisse entscheiden kann.

Der Fahrradmarkt bietet gefühlt bereits für Jeden etwas – vom Billig-Bike bis zum Luxus-Rennrad. Wo seht Ihr da Eure Lücke?

Hendrik: Der Fahrradmarkt ist ziemlich verrückt und erstaunlich offen für Neues. Kennst Du die Fatbikes? Diese Fahrräder mit den besonders breiten Reifen? Vor wenigen Jahren hatten die einen Stand ganz hinten in der Ecke bei einer Fahrradmesse. Heute hat jeder Hersteller so ein Ding im Sortiment. Der Markt ist wandlungsfähig und die Kunden bereit für neue Ideen.

Sven: Bei Performance-Produkten, beispielsweise Rennrädern, sind die Leute bereit für jedes Gramm weniger Gewicht richtig viel Geld in die Hand zu nehmen. Ein befreundetes Unternehmen aus Bayern stellt federleichte Speichenräder aus Carbon her, ein Set davon kostet 3.000 Euro. Es ist also Platz für ungewöhnliche Konzepte und es gibt viele Kunden, die für ein exklusives Fahrrad auch gerne mehr bezahlen.

Euer Prototyp hat bereits bewiesen, dass es technisch geht. Wie kommt das Fahrrad bei den Leuten an? Was sind Eure nächsten Schritte?

Sven: Auf einer Messe passiert häufig folgendes: Die Besucher fragen nach dem „Warum“ und ob das hält. Die erste Frage beantworten sie sich schon selbst: Sie stehen ja davor und staunen, das ist der Grund. Die zweite Frage lässt sich mit einer Probefahrt beantworten. Skeptische Kunden können wir meistens überzeugen. Der Großteil der Leute ist aber begeistert.

Hendrik: Aktuell warten wir auf die ersten fahrbaren Muster. Diese werden wir ausgiebig im Feldversuch und im Labor testen und von unabhängigen Prüfinstituten zertifizieren lassen. Ende des Jahres starten wir eine Kickstarter-Kampagne für die ersten fünf bis zehn Exemplare. Diese Bowbikes sind dann nummerierte Unikate und gehen im Frühjahr 2019 als Dankeschön an diejenigen, die bereits frühzeitig an uns glauben.

Sven: Das ist der sogenannte „Proof of Concept“: Wir wollen sehen, in welcher Größenordnung der Markt nach unserem Fahrrad verlangt. Wenn die Resonanz gut ist, suchen wir Investoren für das Fertigungsverfahren. Später sollen dann, wenn alles gut läuft, im ersten Geschäftsjahr ungefähr 100 Bowbikes produziert werden. Aber nach oben wäre natürlich noch Platz.

Interview: Marcus Lehmann (Vorlautes Netzwerk)

Fotos: Pierre Graupner (sazinc.)