Gründer Richard Friedrich hat ein Näschen für Gewürfe

Kennen Sie Narnia? Die Geschichte, in der die Kinder durch einen Schrank in eine andere Welt geraten? Es muss so ähnlich sein, wie wenn man den Gründer Richard Friedrich in der Zentrale seines Onlineshops „Direkt vom Feld“ in Flöha besucht. Man steigt eine rumpelige Bautreppe hinauf, öffnet eine unscheinbare Tür und gerät in das Universum der Gerüche: Wir schließen die Augen, denn unsere Nase umfangen die Düfte von Berg-Oregano, Urwaldpfeffer und indischen Nelken. Der 28-Jährige ist hier Geschäftsführer, Geschmacksexperte, Gesundheitsberater und Reiseführer in einem: Im Interview nimmt er uns mit auf die Berge Griechenlands, in den Urwald Indiens und auf eine Finca auf Mallorca. Der Yoga-Lehrer und studierte Maschinenbauer Richard verbindet Welten, sieht sich als Vermittler zwischen kleinen Bauern und dem Verbraucher. Wir können gar nicht anders und lassen uns von ihm entführen.

„Direkt vom Feld“ ist ein Onlineshop nur für Gewürze. Wie kamst Du auf die Idee?

In meinem Studium habe ich ein sehr gutes Praktikum gemacht. Ich durfte als Ingenieur arbeiten, hatte einen Dienstwagen, eigene Aufträge und Kunden. So bekam ich eine Ahnung davon, wie es die nächsten 40 Jahre weitergeht, das war absehbar und damit nicht mehr so spannend. Ich wollte mich weiterentwickeln und mein eigener Chef sein. Essen hat für mich schon immer zum Leben dazu gehört. Als Kind habe ich viel Zeit auf dem Bauernhof meines Opas verbracht. Später ist mir aufgefallen, dass das eine ganz zentrale Erfahrung für mich war: Zu wissen, wo das herkommt, was ich esse. Aber im Supermarkt hatte ich das nicht mehr. Ich wollte also die Sachen, die ich täglich in der Küche nutze – Gewürze –, wieder greifbar machen. Ich hatte den Wunsch, einem Pfefferbauern einmal die Hand zu schütteln und zu sehen, wie diese Pflanze überhaupt aussieht. Und dann habe ich Urlaub auf verschiedenen Gewürzfeldern gemacht, hab mich anstecken lassen von der Leidenschaft der Bauern und hatte die Idee im Kopf, eine saubere Lieferkette vom Erzeuger zum Konsumenten aufzubauen, mit meiner Firma als einzigen Schritt dazwischen.

Zusammen arbeiten, reisen, kochen – Richard lebt eine nachhaltige und verantwortungsvolle Unternehmenskultur vor.

Die Auswahl Deiner Zulieferer übernimmst Du also selbst? Wie kann man sich das vorstellen?

Ich habe bei „Null“ angefangen, im Kopf als auch praktisch. Ich wusste nicht so richtig, wonach ich suchen soll, auch Bücher bringen da nichts. Also bin ich nach Indien geflogen, weil ich wusste, da gibt’s Pfeffer. Es ist ja nicht so, dass indische Bauern ihre Webseite pflegen und bei Google stehen. Also habe ich geschaut, welche Lieferanten in Deutschland schon indischen Pfeffer anbieten, hab mir Kooperativen in Indien gesucht und mir dann ganz viele Bauern angeschaut. So habe ich Schritt für Schritt herausgefunden, wer wirklich gut ist, wer begeistert über sein Produkt spricht. Und so ähnlich ist das auch bei meinen anderen Erzeugern. Ilias aus Griechenland zum Beispiel habe ich an einem Messestand kennengelernt. Ich hatte gerade darüber gemeckert, dass ich keine kleinen Kräuterproduzenten aus der Mittelmeerregion finde. Da guckte er mich an und bekam leuchtende Augen. Er hätte vor einem Jahr Felder in Griechenland gepachtet und würde auf 1.200 Meter Berg-Oregano anbauen. Also fuhr ich im nächsten Sommer hin und habe gesehen: Das stimmt ja wirklich. Anderes Beispiel: Unsere Paprika habe ich über einen Tipp gefunden, da hatte ein Fotograf Bauern auf Mallorca begleitet. Ich schrieb dem Fotografen und kam so an die Leute. Wenn wir uns dann einmal gefunden haben, bezahle ich gute Preise, auch weil wir keinen Zwischenhändler brauchen, und pflege die Beziehungen langfristig. Mittlerweile haben wir so ca. 12 Erzeuger aus acht Ländern und bieten rund 30 verschiedene Gewürze und Tees an.

Riechen, schmecken, fühlen – das alles geht online schwierig. Warum bestellen die Leute dennoch?

Am Anfang strecken uns die Kunden Vertrauen vor. Wir versuchen, das über die Beschreibungen und Bilder zu unseren Produkten aufzubauen. Wir geben Infos, wie es auf den Feldern wirklich aussieht und damit bieten wir mehr als andere Shops. Ich will beweisen: Wir hätten es nicht im Angebot, wenn es nicht geil wäre. Wenn die Leute dann ein Gewürz zuhause haben und mit ihren eigenen Sinnen den Unterschied schmecken, ist das eine rückwirkende Bestätigung. Dann wird es im Freundeskreis erzählt und dem Besuch hältst Du mal die Tüte unter die Nase. Außerdem haben wir Probiersets, kleine Probepackungen und Rezepte, die wir mitschicken. Die Kunden merken auch, dass sie mehr fürs Geld bekommen: Wir bieten größere Verpackungen an und mit intensiveren Gewürzen hast Du auch weniger Verbrauch.

Sich die Finger schmutzig zu machen gehört für Richard zu Arbeit. Hier bei der Paprika-Ernte.

Direkt aufm Feld: Die Paprika-Sorte „Tap de Corti“ wurde auf Mallorca rekultiviert, Richard hilft selbst mehrmals im Jahr bei der Ernte.

Aber Ihr habt doch auch Veranstaltungen?

Das kommt noch dazu. Ich habe schon immer gern mit Freunden an einem langen Tisch zusammengesessen und gegessen. Da kam die Erkenntnis, dass Essen doch mehr ist als Nahrungsaufnahme, es ist auch Gesellschaft. Diesen Gedanken transportierte ich in die Veranstaltung „Am Tisch mit Freunden“. Hier kochen wir selbst oder laden Berufsköche ein. Alles passiert sichtbar, sodass Du zuschauen kannst, aber nichts schnippeln musst. Du sitzt da mit Leuten zusammen, die Du noch gar nicht kennst, was anders ist als im Restaurant. Wir bieten in unregelmäßigen Abständen solche Abende zu bestimmten Themen an. Seit letztem Jahr organisieren wir auch eine Gewürzreise nach Mallorca. Dann miete ich eine Finca, die Kunden können mitkommen und wir ernten zusammen die Paprika, um ein Gefühl für ihren Wert zu bekommen. Wir gehen zusammen auf dem Markt einkaufen und kochen abends gemeinsam, besuchen gute Restaurants oder ein Bio-Weingut.

Du kochst auch mittags mit Deinen Kollegen und wirkst sehr entspannt. So stellt man sich einen Gründer nicht unbedingt vor. Was machst Du anders, woher nimmst Du die Ruhe?

Ich muss immer alle Regler in mir gleichmäßig nach oben schieben. Wenn ich nur aufs Geschäftliche gucke, aber dann merke, ich habe keine Freunde oder keine Kraft mehr, nützt das nichts. Häufig lernen wir nur über Krisen, aber wir Menschen haben ja die Möglichkeiten zu reflektieren und vorauszuschauen. Ich beschäftige mich jetzt schon mit Sachen, die mich später vielleicht einholen, die ich aber jetzt noch lösen kann. Ein gemeinsames, gesundes Mittagessen gehört dazu, damit wir danach wieder fit sind statt ab 13 Uhr eigentlich keinen Bock mehr zu haben. Bei uns ist quasi keiner krank! Wenn wir weiterwachsen, muss ich solche Systeme schon implementiert haben. Wir alle werden uns mehr mit unserem Essen auseinandersetzen müssen, denn es gibt einen Zusammenhang zwischen dem, was ich esse und wie ich mich fühle. Wir machen diese Erfahrungen am eigenen Leib und wenn wir das unseren Kunden glaubhaft erzählen wollen, müssen wir das selbst erlebt haben.

Die Veranstaltungen sind wie ein Blind Date. Die Gäste sind einander unbekannt. Erst beim köstlichen Essen lernen sie sich kennen.

Richards Veranstaltungen sind oft bereits seit Wochen ausgebucht. Seine Gäste kennen sich nicht und kommen sich an langen Tischen und bei gutem Essen näher.

Wir gehen durch die Regale und spüren es bald selbst. Durch die Gerüche und den Geschmack fühlen wir uns anders und beginnen, anders übers Essen zu denken. Richard, was machen Deine Gewürze mit uns?

Gewürze sind nicht nur dafür da, damit das Essen anders schmeckt. Gute Gewürze haben eine Auswirkung auf unseren Organismus. Pfeffer zum Beispiel erleichtert die Nährstoffaufnahme extrem. Gewürze sind wie Katalysatoren, die die Reaktionen in Deinem Körper begünstigen. Manche unserer Kunden aus Flöha werden von ihrem Heilpraktiker zu uns geschickt und bekommen gesagt, dass sie anders essen sollen. Dann weiß ich, ich gebe Pfeffer mit, Zimt und Kurkuma. Nicht alles, was im Internet zu den Heilwirkungen steht, stimmt, aber es ist etwas Wahres dran. Auch die Medizin macht am Ende nichts Anderes: Das Thymol im Nasenspray ist der Wirkstoff des Thymians. Aber im echten Gewürz hast Du noch viele weitere Wirkstoffe in einer gewissen Konzentration und dieses Gleichgewicht braucht Dein Körper. Vorausschauendes Kochen, Prävention und Gleichgewicht sind viel wirksamer, als bei Schnupfen nur den einen Regler hochzuschieben. Das geht akut, aber nicht nachhaltig. Da helfen Gewürze, denn die sind konzentrierte Sonnenenergie mit einem sauberen Informationsgehalt.

Die Farbe der Gewürze allein machen Appetit auf mehr.

Aus mallorquinischer Paprika wird orange-rotes Gewürz: Allein die Farbe weckt schon den Appetit.

Kochst Du selbst nur mit Deinen eigenen Gewürzen?

Ja. Es ist wie bei Rotwein: Wenn Du einmal einen guten getrunken hast, wenn Du einmal weißt, wie es schmecken kann, schraubst Du Deine Ansprüche nicht wieder zurück.

 

Interview: Marcus Lehmann (Vorlautes Netzwerk)

Fotos: Magda Lehnert (wanderfolk.de), Fabian Thüroff und Unternehmensfotos