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Von „Mirnix“ und „Dirnix“ – der Zaubertrank für die deutsche Einheit

„Hühm wie Drühm“ lautet der Titel der neuesten Asterix-Mundart-Reihe, die kürzlich im Egmont Ehapa Verlag erschienen ist, und die Comedian, Schauspieler und Synchronsprecher Thomas Nicolai „ins Säggs’sche iewerdraachn“ hat. Wie das Original „Der große Graben“ erzählt das mittlerweile 25. Asterix-Abenteuer – im 35. Jahr nach der Friedlichen Revolution – mit viel Wortwitz und Feingefühl für Sprache die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung. Das Besondere an dem mittlerweile zweiten Band, den Nicolai ins Sächsische übersetzt hat: Die Handlung spielt komplett in Sachsen, zwischen Dresda (Dresden), Lipsia (Leipzig und Gorl-Morgs-Stodt (Chemnitz), und aus den tapferen Galliern werden „muhtiche Saggsn“.

Thomas, den Galliern wird – wie auch den Sachsen- ein gewisser Diggnischl nachgesagt, ein Dickkopf. Ist es Dir deshalb vielleicht so leichtgefallen, den Asterix-Band ins Sächsische zu übersetzen, weil es so viele Gemeinsamkeiten zwischen den Sachsen und den Galliern gibt?

Also das mit dem „Diggnischl“ ist mir neu. Eigentlich gilt doch der Sachse allgemein als friedfertig, sehr gastfreundlich und hilfsbereit (schmunzelt)? Gemeinsamkeiten zwischen Sachsen und Galliern bestehen meiner Meinung nach darin, dass der Sachse ein Freund in der Not sein kann, gerne lebt und feiert.

Wie viel Freiraum hattest Du beim „Iewerdraachn“ des neuesten Asterix-Abenteuers?

Tatsächlich gibt es von Seiten der französischen Lizenzgeber Grenzen, die nicht verletzt werden dürfen. Das betrifft zum Beispiel, dass die Haupthelden, Asterix & Co., namentlich nicht verändert werden. Aber auch aktuelle politische Spitzen werden nicht zugelassen. Die Marke „Asterix“ soll unpolitisch sein und bleiben. Selbstverständlich darf auch in den Sprechblasen nichts komplett anderes oder Sinnverdrehendes stehen. Für mich war das aber kein Problem. Wo es möglich war, habe ich daher vorgegebene Witze und Gags verarbeitet. Und ganz pragmatisch: Ich habe die Worte gezählt, damit sie dann auch in die Sprechblase passen.

Beim Schmökern schmunzelt man über prominente Persönlichkeiten wie Schöbelix (Frank Schöbel), Paulix (Tom Pauls), Fröbius (Gert Fröbe) oder Schubertius (Olaf Schubert), die Dorfobersten betitelst Du als „Mirnix“ (links der Grenze) und „Dirnix“ (rechts davon). Welches ist Deine Lieblingsfigur, und warum?

Ach, das kann ich eigentlich gar nicht so genau sagen, weil mir alle diese Sachsen sehr am Herzen liegen. Gert Fröbe, Olaf Schubert, Frank Schöbel – alles tolle Künstler. Neulich habe ich mit dem Leipziger Kabarettisten Bernd-Lutz Lange telefoniert, den seine Freunde nur BELULA nennen, und der in meinem Band BELULALIX heißt. Er fand übrigens meinen neuen sächsischen Asterix sehr gelungen und fühlte sich geehrt. Das hat mich sehr gefreut, schließlich ist er eine Legende.

In der Geschichte geht es auch um einen Zaubertrank, der die deutsche Einheit ermöglicht hat. Wie lautet die Formel?

Ich glaube, die Zutaten sind Liebe, Toleranz, Humor und Leidenschaft. Und natürlich noch eine Geheimzutat. Aber die darf ich nicht verraten. Die weiß eigentlich nur Miraculix.

Warum kann Asterix‘ Wendegeschichte nur gut ausgehen? Was können die Deutschen von – in diesem Fall - den Saggsn lernen?
Ich finde, dass diese Geschichte wirklich sehr gut zu den Sachsen passt, denn der Autor Albert Uderzo meinte diesen Comic tatsächlich als Gleichnis auf die deutsch-deutsche Teilung. Was uns derzeit vielleicht als Gesellschaft gerade wegrutscht, ist das Miteinander, die Fähigkeit einander zuzuhören, andere Meinungen zuzulassen und auch auszuhalten. Meine „Hühm wie drühm“-Geschichte beweist, dass man solidarisch und mutig füreinander einstehen kann.

Du bist in Leipzig geboren, hast die Ereignisse rund um die Friedliche Revolution persönlich miterlebt. Hat diese Erfahrung die Annäherung an den Stoff erleichtert?

Das weiß ich nicht. Aber was mich generell geprägt hat, ist meine Zeit in der DDR. Ich war ja Mitte 20 als die Mauer fiel. Dieser vormundschaftliche Staat war nicht der meine. Ich konnte mich niemals damit anfreunden. Deshalb genieße ich das Leben in diesem wiedervereinten weltoffenen Deutschland jeden Tag aufs Neue. Dass jetzt immer mehr Menschen die DDR verklären und als „bessere Alternative“ zum gegenwärtigen Deutschland empfinden, ist für mich nicht nachvollziehbar, denn die historischen Fakten sprechen für sich. Bedauerlich, dass anscheinend so viele die Bevormundung, die Repressalien, die Zensur, die Bespitzelung vergessen haben.

Insgesamt gibt es mittlerweile vier Bände „off Sägg´sch“, zwei davon stammen aus Deiner Feder. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Egmont Ehapa Verlag?

Ganz einfach: Ich habe mich beworben. Mein Freund, der Comedian Hennes Bender, übersetzt Asterix auf Ruhrdeutsch und stellte den Kontakt zum Verlag her. Ich nahm mir ein paar Asterix-Seiten, füllte die Sprechblasen mit neuen sächsischen Sprüchen und schickte das an den Verlag. Erstaunlicherweise kam sehr schnell eine Rückmeldung mit den Worten ‘Sie schickt der Himmel!‘

Als gebürtiger Sachse haben Sie doch sicher ein sächsisches Lieblingswort?

Gulgsn! Damit ist schnelles und heftiges Trinken gemeint, wodurch im Hals ein „Glugger“-Geräusch entsteht, dass wie „Gulgsn“ klingt. Ich finde das sehr lustig und sprachlich schlichtweg genial!

Auch wenn Du mittlerweile in Berlin lebst, was schätzt Du an Deiner Heimat?

Ich habe in Leipzig immer noch viele Freunde, und meine Mutter lebt ja auch noch hier. Leipzig ist meine Heimatstadt. Hier sind meine Wurzeln. Mir gefällt die „säggs´sche Gemiedlischgeid“. Einerseits hat man den Eindruck, dass hier jeder jeden kennt, andererseits ist Leipzig ein „Hotspot“, wo sich die Welt trifft. Warmherzig, aber trotzdem weltoffen. Das soll uns mal jemand nachmachen.

Du stehst mit Deinen Programmen auf den Bühnen der ganzen Republik. Welche Klischees über die Sachsen begegnen Dir hier, welche regen Dich am meisten auf?

Was mich rasend macht, ist, dass jeder Nicht-Sachse „Ei verbibbsch!“ sagt, wenn er eines Sachsen ansichtig wird und tatsächlich glaubt, dass das sächsisch ist. Ich sage dann immer, dass das ein alter sächsischer Ausspruch ist, den kein Sachse mehr sagt. Statt mir zu glauben, wird dann auch noch mit mir gestritten und meine „Kompetenz“ angezweifelt. Das macht mich verrückt.

Gibt es einen Lieblingsort in Sachsen, an dem man Dich zuweilen antrifft?

Ich habe in Leipzig immer sehr die Kultur genossen, zeitweise waren das Schauspielhaus, die Moritzbastei oder das Gewandhaus mein zweites Zuhause. Vor ein paar Jahren war ich mit meinem Sohn im völlig neuen Leipziger Zoo, der mich komplett geflasht hat. Den „alten“ Zoo in Leipzig fand ich als Kind immer relativ öde und unspektakulär, da bin ich ungern gewesen. Aber was die da jetzt draus gemacht haben, ist ja der Hammer. Allein schon das „Gondwanaland“! Unglaublich! Oder die fantastischen Freigehege. Ich habe so was noch nie gesehen. Absolut großartig. Da muss ich auf jeden Fall noch mal hin.

Foto: BERND BRUNDERT