Von Kinderträumen und einer Stadt in der Wüste Ägyptens
Kurt Völtzke gilt als Pionier der Bastelkunst. Ganze Welten ließ der Grafiker, Illustrator und Designer in seinem Atelier in Wittgensdorf nördlich von Chemnitz durch Falten, Stecken und Kleben entstehen, und das seit mehr als einem halben Jahrhundert. Seine Bastelbögen aus Karton haben den umtriebigen Endsiebziger bekannt gemacht, und sie erleben derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Zuletzt entwickelte Völtzke eine ganz besondere Auflage: das Chemnitzer Wahrzeichen „Roter Turm.“
Die Bastelbögen sind aber nur eine Facette von Völtzkes künstlerischem Schaffen. So arbeitete er seit 1975 als freiberuflicher Dipl.-Designer für die renommiertesten Verlage der DDR, darunter der Kinderbuchverlag Berlin, der Planet-Verlag und die Kinderzeitschrift FRÖSI. Darüber hinaus entwickelte er Spielzeug für zahlreiche Spielwarenbetriebe der DDR (u.a. VERO, Spika-Spiele) und gestaltete Verpackungen und Kataloge. Doch die Bastelbögen aus Karton verlor Völtzke nie ganz aus dem Blick.
Herr Völtzke, können Sie sich noch an den Tag erinnern, als Sie den Bastelbogen erfanden?
Das kann ich, in der Tat. Es gab eine Schlüsselsituation: Der damalige Direktor des Spika-Spieleverlags zeigte mir Mitte der 1970er Jahre einen kleinen Spielzeugindianer und bat mich darum, eine passende bespielbare Kulisse aus Karton dafür zu entwickeln. Das war sozusagen die Geburtsstunde des Bastelbogens.
Welche Modelle waren die beliebtesten?
Zu allererst die Märchen-Klassiker „Hänsel und Gretel“, „Der kleine Muck“, „Die Bremer Stadtmusikanten“ und dann natürlich das Modell „Zirkus“. Dank dieses Modells wurde ich 1981 als Preisträger „Junger Künstler der DDR" des Verbandes Bildender Künstler der DDR ausgezeichnet.
Wie erklären Sie sich die große Beliebtheit Ihrer dreidimensionalen Bastelbögen?
Sie waren einfach etwas völlig Neues: farbenfroh, lustig, kindgerecht in der Gestaltung und einfach aufzubauen. Damit besetzten sie eine Marktlücke und bereicherten zugleich sehr preiswert die Kinderzimmer. Und ganz nebenbei lehrten sie die Kinder so wichtige Fähigkeiten wie Geduld, Phantasie und Kreativität und schulten die Feinmotorik. Der Aufbau der Bastelbögen bescherte den Kindern Erfolgserlebnisse und lehrte sie, die eigene Arbeit wertzuschätzen. Es waren ja beinahe kleine Kunstwerke, die sorgsam behütet und nicht selten als Kindheitserinnerung im Regal sichtbar aufgehoben wurden.
Nach der Wende wurde anderes Spielzeug interessant, die Bastelbögen verschwanden langsam aus den deutschen Kinderzimmern. Für Sie aber kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen, richtig?
Keineswegs. Natürlich war es zunächst bitter, dass nach 1990 keiner mehr Bastelbögen haben wollte. Wichtig wurden stattdessen piepsende kleine Maschinchen. Doch dann erreichten mich ab 2010 immer wieder Mails mit Nachfragen wie „Wann gibt es denn wieder mal den Zirkus?
Wie ging es nach der Wende für Sie weiter?
Mit einem kompletten Neustart. Ich gründete meine eigene Werbeagentur in Chemnitz, die IGEL Werbeagentur GmbH, die damals größte Werbeagentur in Chemnitz und hatte gut zu tun. Anfang der 1990er Jahre gab es viele Firmenneugründungen, für die es Markenzeichen und CI -Konzepte zu gestalten galt. 1998 war das Kapitel Werbeagentur dann vorbei. Zwei Jahre später, zur Jahrtausendwende, gründete meine Frau Kerstin das Atelier Color, später den Bastelbogenverlag, in dem wir beide heute noch arbeiten und die Bastelbögen verlegen.
Neben Ihrer Arbeit als Grafiker und Illustrator haben Sie auch als Designer gearbeitet. Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz?
Auf meine Bauwerke in der ägyptischen Wüstenstadt El Gouna, die ich im Auftrag des ägyptischen Unternehmers Samih Sawiris erschaffen durfte, insbesondere das „Turtle House“ und das „Kids Fish House“. Das war eine enorme gestalterische Chance für mich. Ich habe sie ergriffen und damit den Traum einer autarken Stadt mitten in der Wüste ein stückweit mitgestalten können. Für die, die es nicht wissen: El Gouna ist eine Lagunenstadt und wird auch das „Venedig Ägyptens“ genannt. Sie liegt am Roten Meer nördlich von Hurghada und wurde 1989 vom ägyptischen Milliardär Sawiris erbaut. Neben den beiden genannten Bauwerken durfte ich weitere fantasievolle Skulpturen designen und habe mich dabei Naturformen wie Meerestieren und Wüstenlandschaften inspirieren lassen. Ich bin wirklich stolz darauf, hier meine Handschrift hinterlassen zu haben.
Herr Völtzke, wir danken Ihnen für das Gespräch!
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Titelbild: Kurt Völtzke in seinem Atelier, Foto: Foto: Andreas Wetzel
