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Reisen & Entdecken

Bach & Leipzig - eine perfekte Symbiose

Interview mit Prof. Dr.
Michael Maul, Intendant des Bachfestes Leipzig

Seit 2018 ist Prof. Dr. Michael Maul Intendant des Bachfestes Leipzig. Der 43-jährige Musikwissenschaftler arbeitet seit 2002 beim Bach-Archiv. Doch Leipzigs wichtigstes Klassik-Festival trägt schon länger Mauls Handschrift, verantwortete er doch bereits seit 2016 die künstlerische Planung der Leipziger Bachfeste als Dramaturg. Wir haben mit ihm über das diesjährige Bachfest gesprochen, seinen persönlichen Bezug zu Bach und darüber, wie Festivals wie diese auch in Pandemie-Zeiten erfolgreich sein können.

Was macht das diesjährige Bachfest besonders? 

Prof. Dr. Maul: "Das inhaltliche Konzept. Wir haben bereits im Jahr 2018 begonnen, daran zu arbeiten. Damals war nicht absehbar, welche Bedeutung das Motto „Erlösung“ gerade auch im Kontext der Pandemie entwickeln kann. Bach bildet damit eine Brücke, zeigt zeitlose Themen auf und erreicht auch Menschen, die nicht konfessionell gebunden sind. Wir bauen mit den Werken des Kirchenmusikers, der unglaublich viele musikalische Bilder geschaffen hat, einen Flügelaltar. Im Mittelpunkt steht dabei der Bach-Zyklus „Messias“, an dem über 300 Musiker und ein prominenter Cast – der Schauspieler Ulrich Noethen - als Evangelist beteiligt sind."

Welche Bedeutung kommt dem emeritierten Papst Benedikt XVI zu? 

Prof. Dr. Maul: "Ich bin kein Theologe. Das Buch des emeritierten Papstes Benedikt XVI war mir bei der Konzeptionierung deshalb ein wichtiger Wegweiser. Ich habe ihn angeschrieben, und letztlich hat er nach einem Briefwechsel wunderschöne Geleitworte gefunden. Er spricht darin davon, dass die Botschaft des Glaubens im heutigen Leben oft keine Rolle mehr spiele, und wir deshalb umso dankbarer für die Werke von Bach sein müssen, die uns das Leben von Jesus vermitteln. Ich weiß, dass er auch unser Auftaktkonzert im Stream verfolgt hat."

Bach und Leipzig: Was bedeutet das für Sie ganz persönlich?

Prof. Dr. Maul: "Es ist eine perfekte Symbiose, weil die Werke von Bach, die auf der ganzen Welt bekannt sind, hier und für Leipzig entstanden sind. Viele Orte, an denen er gewirkt hat, existieren noch heute. Dieser Fakt allein ist ein unglaubliches Geschenk, das wohl nur mit Richard Wagner und seiner Verbindung zu Bayreuth verglichen werden kann. Was für die Wagnerianer das Festspielhaus in Bayreuth ist, sind für die Bachianer die Thomas- und die Nikolaikirche. Diese Aura der Authentizität ist selten und setzt große Emotionen frei, denn man ist ganz nah am Ursprung. Dieser Standortvorteil erfüllt uns mit Stolz, ist aber auch ein Auftrag, sich immer neu zu erfinden."

Alle Konzerte werden auch als Streamingangebote zur Verfügung gestellt. Was meinen Sie, wie würde Bach die Digitalisierung in diesem Bereich bewerten?

Prof. Dr. Maul: "Bach wäre erstaunt, aber sicher auch begeistert. Als er seiner Zeit seine Kantaten im Gottesdienst aufgeführt hat, war jeder Platz in der Kirche gefüllt mit Menschen aus Leipzig. Ich bin überzeugt, dass ein Musiker vom Schlage Bachs ein großes Bedürfnis gehabt hätte, dass seine Werke von möglichst vielen Menschen konsumiert werden können. Er wollte sich musikalisch der Welt mitteilen. Naturgemäß kann der Schall den Raum nicht überwinden. Doch durch unsere Übertragungen gelingt es uns, Bach nun auch in die Wohnstuben der Menschen zu bringen, die nicht bei uns in Leipzig sein können. Das ist die richtige Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit."

Werden Sie an der hybriden Umsetzung auch in der Zukunft festhalten?

Prof. Dr. Maul: "Wir haben in den letzten Monaten quasi ein Praktikum gemacht. Wir waren gezwungen, neue Möglichkeiten auszuloten und immer wieder auf neue Entwicklungen zu reagieren. Wir haben während der Pandemie auch gezeigt, dass man über Kontinente miteinander singen kann. Das sind Aktionen, bei denen uns die virtuelle Welt eine neue Bühne bietet. Fakt ist, dass wir die Streamingangebote auch in der Zukunft als ein Instrument betrachten werden, das uns neue Möglichkeiten eröffnet. Etwa auch im Bereich der Vermarktung. Unsere Gäste kommen aus über 40 Ländern. Nicht selten sind Konzerte des Bachfestes schon Monate im Voraus ausgebucht. Durch die Streams können wir Alternativen schaffen."

Mit der Aktion „Bach am Bach“ verbindet „So geht sächsisch.“ in diesem Jahr erstmals den Kanu-Slalom-Weltcup und das Bachfest. Die Idee ist bei Ihnen direkt auf offene Ohren gestoßen.

Prof. Dr. Maul: "Bei beiden Ereignissen geht es um Höchstleistungen von internationalen Spitzensportlern und -künstlern. Die Substanz von Bachs Musik ist zeitlos und stark, sodass Crossover-Projekte dieses Formates großes Potenzial haben. Nur zu gern haben wir deshalb geholfen, mit der Leipziger Band ‘Stilbruch‘ eine klangvolle und spritzige Brücke zwischen Bachfest und Weltcup zu bauen. Denn ‘Stilbruch‘ liefert den besten Beweis, dass Musik auf klassischen Instrumenten echt (ba)rockt!"