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Taiwan Hub Sachsen

Der Koordinator

Brückenbauen zwischen Dresden und Taipeh

Als Josef Goldberger Ende der 1990er Jahre zum ersten Mal nach Taiwan reiste, verstand er kein Wort Chinesisch. Selbst Busfahren wurde damals zur Herausforderung. „Die Linien waren nicht mit Zahlen, sondern mit chinesischen Schriftzeichen beschriftet. Ich war völlig hilflos“, erinnert er sich heute. Was als private Reise begann, entwickelte sich zu einer jahrzehntelangen, persönlich wie beruflich engen Verbindung mit Ostasien und schließlich zu einer Aufgabe, die heute auch für Sachsen von großer Bedeutung ist.

Seit September 2023 leitet Goldberger das Wissenschaftliche Koordinierungsbüro des Freistaates Sachsen in Taiwan. Das Büro mit Sitz in Taipeh wurde kurz nach der Entscheidung des taiwanischen Halbleiterkonzerns TSMC gegründet, in Dresden zu investieren. Organisatorisch ist es an die TU Dresden angebunden und unterstützt die sächsischen Hochschulen beim Ausbau ihrer Beziehungen zu Taiwan. Ziel ist es, wissenschaftliche Kooperationen zu stärken, neue Kontakte aufzubauen und den Austausch von Studierenden und Forschenden zu fördern. 

Goldberger, gebürtiger Österreicher, promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und beschäftigte sich wissenschaftlich mit der Internationalisierung des chinesischen Hochschulsystems. Mehr als zwölf Jahre lebte und arbeitete er in der Volksrepublik China, später leitete er das Informationszentrum des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Taipeh. 

Heute arbeitet Goldberger in Taipeh daran, die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Sachsen und Taiwan auszubauen. 

„Meine Aufgabe ist es, akademische und wissenschaftliche Kooperationen zwischen Sachsen und Taiwan zu intensivieren.”
Dr. Josef Goldberger
Leiter des wissenschaftlichen Koordinierungsbüro des Freistaats Sachsen in Taiwan

Besonders stark geprägt werde seine Arbeit derzeit durch die Halbleiterindustrie. Taiwan gilt als globales Zentrum der Chipfertigung. Viele der weltweit modernsten Halbleiter werden dort entwickelt und produziert.

Mit der Ansiedlung von ESMC (European Semiconductor Manufacturing Company) in Dresden – einem Gemeinschaftsunternehmen von TSMC, Bosch, Infineon und NXP – rückt Sachsen nun noch stärker in den Fokus der europäischen Halbleiterindustrie. Das Werk soll Ende 2027 die Produktion aufnehmen. Geplant ist eine Kapazität von bis zu 40.000 Wafern pro Monat; produziert vor allem für die Automobil- und Industriebranche. Rund zehn Milliarden Euro werden investiert, etwa 2.000 direkte Arbeitsplätze sollen entstehen.

Für Sachsen bedeutet das nicht nur wirtschaftliches Wachstum, sondern auch einen steigenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften. Genau hier setzt ein Schwerpunkt von Goldbergers Arbeit an.

Eines der wichtigsten Projekte des Büros ist das „Semiconductor Talent Incubation Program Taiwan“, kurz STIPT. Das Programm ermöglicht Studierenden aus Sachsen und Deutschland einen sechsmonatigen Studien- und Praxisaufenthalt in Taiwan. Sie besuchen Lehrveranstaltungen an renommierten Partneruniversitäten und absolvieren anschließend ein praktisches Training bei TSMC. 

„Die Studierenden bekommen einen direkten Einblick in die modernste Halbleiterproduktion weltweit“, betont Goldberger. Die Ausbildung findet unter anderem in der sogenannten „Fab 15A“ in der Stadt Taichung in Zentraltaiwan statt. Die Fabrik gilt als technische Blaupause für das künftige Werk in Dresden. 

Bis zu 100 Studierende pro Jahr können am Programm teilnehmen. Bewerben können sich Studierende aus ingenieur- und naturwissenschaftlichen Studiengängen wie Elektrotechnik, Mikro- und Nanoelektronik, Werkstoffkunde, Mechatronik, Maschinenbau, Robotik oder Chemie. Das Programm übernimmt die anfallenden Verwaltungsgebühren, gewährt einen monatlichen Zuschuss von 700 Euro sowie einen Reisekostenzuschuss von 1.500 Euro. 

Und die Nachfrage wächst. Viele Studierende kommen erstmals mit Taiwan in Berührung und erhalten Einblicke in eine Industrie, die für Europas technologische Zukunft zunehmend wichtiger wird.

Auch darüber hinaus hat sich der wissenschaftliche Austausch zwischen Sachsen und Taiwan in den vergangenen Jahren deutlich intensiviert. „Sachsen hatte im Vergleich zu Bayern oder Nordrhein-Westfalen bisher deutlich weniger wissenschaftliche Kontakte nach Taiwan“, sagt Goldberger. Das ändere sich inzwischen sehr schnell. Innerhalb von zwei Jahren habe sich die Zahl der Hochschulkooperationen zwischen Sachsen und Taiwan bereits verdoppelt. 

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Halbleiter. Kooperationen entstehen auch in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Medizintechnik, Nachhaltigkeit, Energie- und Materialforschung. Goldberger reist regelmäßig durch Sachsen, besucht Hochschulen in Dresden, Leipzig, Freiberg, Zwickau oder Görlitz und bringt Forschende auf beiden Seiten zusammen. Den größten Teil seiner Arbeitszeit verbringt er jedoch in Taiwan. „Ich bin praktisch permanent dort“, sagt er. 

An Taiwan selbst schätzt er vor allem die Menschen. „Taiwan hat eine sehr angenehme Form des Zusammenlebens entwickelt“, sagt er. Trotz politischer Spannungen erlebe er die Gesellschaft als offen, freundlich und pragmatisch. Besonders beeindruckt ihn die Serviceorientierung vieler staatlicher Einrichtungen und die konsequente Digitalisierung des Alltags. 

Dabei zieht Goldberger immer wieder Parallelen zwischen seiner Wahlheimat und Sachsen. Beide Regionen seien wirtschaftlich stark, technologisch innovativ und würden international oft unterschätzt.

„Taiwan und Sachsen sind beide so etwas wie Hidden Champions“, sagt er. Viele Menschen kennen Berlin oder München, hätten aber weder die Sächsische Schweiz noch das Erzgebirge besucht. Ähnlich sei es mit Taiwan, das häufig hinter seinen großen Nachbarn in Asien zurücktrete, obwohl es wirtschaftlich und technologisch weltweit eine Schlüsselrolle spiele. 

Persönliche Begegnungen hält er deshalb für besonders wichtig. Austauschprogramme, Forschungskooperationen und Studienaufenthalte würden nicht nur Fachwissen vermitteln, sondern auch neue Perspektiven eröffnen.

Wer sich für das STIPT-Programm interessiert, kann sich über Leonardo Sachsen informieren und bewerben. Die Bewerbungsphase für das Sommersemester 2027 läuft vom 15. Mai bis 15. Juni 2026. 

Und noch etwas ist Goldberger wichtig: Er hat in mehreren Ländern gelebt, viele Jahre in China gearbeitet und zahlreiche Regionen der Welt kennengelernt. Sein Urteil über Taiwan fällt dennoch eindeutig aus. „Von allen Ländern, in denen ich bisher gelebt habe, ist es das gastfreundlichste und offenste Land“, sagt er. 

Vielleicht ist das auch der Grund, warum er jungen Menschen aus Sachsen immer wieder empfiehlt, den Schritt nach Taiwan zu wagen. Nicht nur wegen der Universitäten, der Forschung oder der Halbleiterindustrie. Sondern auch, um ein Land kennenzulernen, das vielen noch unbekannt ist – und das bei denen, die dort einige Zeit verbringen, bestimmt einen bleibenden Eindruck hinterlässt.