Ein Interview mit Prof. Shu-Chen Li
Prof. Shu-Chen Li ist das Gesicht der taiwanischen Community in Sachsen. Und sie ist ihre stärkste Stimme. Als Präsidentin der Sächsisch-Taiwanesischen Gesellschaft e.V. (STAGE e.V.) hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, den Austausch zwischen Sachsen und Taiwan auf wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und kultureller Ebene zu fördern. Ganz nebenbei ist Shu-Chen Li übrigens auch Neurowissenschaftlerin, hat an der TU Dresden die Professur für Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaft der Lebensspanne inne und ist mittlerweile Co-Sprecherin des Exzellenzclusters CeTI (Centre for Tactile Internet with Humans-in-the-Loop). Die Powerfrau im Gespräch.
Frau Prof. Li, Sie erforschen die menschliche Entwicklung über die gesamte Lebensspanne, insbesondere mit Blick auf die kognitive und emotionale Entwicklung, und wie sich Motivation oder Stress darauf auswirken. Was können wir von Ihnen lernen?
Dass der Mensch sehr anpassungsfähig ist, in seinem Verhalten und in seiner Gehirnleistung. Und dass die Entwicklung eines Individuums in hohem Maße durch seine Erfahrungen geprägt wird, die es in verschiedenen soziokulturellen Kontexten macht.
Was hat Sie persönlich motiviert, sich über Ihre wissenschaftliche Arbeit hinaus gesellschaftlich zu engagieren und die Sächsisch-Taiwanesische Gesellschaft e.V. zu gründen?
Der Impuls für die Vereinsgründung kam von Staatsminister Sebastian Gemkow im April 2024. Damals rechneten wir bereits mit der Ansiedlung der European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC) in Dresden. Mit der verstärkten Entwicklung der Halbleiterindustrie sind seitdem immer mehr taiwanische Ingenieure und junge Akademiker nach Dresden gekommen, und es werden viele weitere erwartet. Wir möchten ihnen und ihren Familienangehörigen das Ankommen so leicht wie möglich machen.
Was erhoffen Sie sich von der ESMC-Ansiedlung?
Aus unserer Sicht bietet sie nicht nur neue Chancen für lokale Unternehmen und Institutionen, sondern auch die Gelegenheit für die Einheimischen, die taiwanesische Kultur und Bevölkerung intensiver kennenzulernen. Interkultureller Austausch bereichert die regionale Entwicklung der Partner und eröffnet globale Perspektiven.
Wie sieht die Arbeit des Vereins konkret aus?
Wir möchten den Austausch zwischen Sachsen und Taiwan auf verschiedenen Ebenen fördern. So organisieren wir Veranstaltungen zu traditionellen deutschen und taiwanischen Festen (Mondneujahr, Drachenbootfest, Pfingsten, Advent). Dabei spielt die Esskultur eine große Rolle. Unsere Vereinsmitglieder laden zu „Eat-with-Locals“ ein, sind Gastgeber und bieten der jeweils anderen Kultur Kaffee, Tee oder ein Abendessen an. Darüber hinaus unterstützen wir Studierende, die für Kurzaufenthalte oder Praktika nach Taiwan reisen, in sozialen, kulturellen und behördlichen Fragen. Oder wir unterstützen Kulturveranstaltungen und Konzerte mit taiwanesischen und deutschen Musikern. Und wir organisieren drei- bis viermal pro Jahr Diskussionsrunden (meist auf dem Campus der TU Dresden) zu Themen wie interkulturelles Verständnis, die Geschichte der Mikroelektronik in Dresden oder aktuelle politische Entwicklungen in Deutschland und Taiwan.
Wie groß ist die taiwanische Community in Dresden?
Derzeit leben etwa 300 Taiwaner in Dresden, einschließlich Studierender. Weitere rund 50 sind derzeit in der Halbleiterindustrie. Diese Zahl wird rapide steigen, sobald ESMC 2027/2028 den Betrieb aufnimmt.
Welche Themen beschäftigen die Community am häufigsten?
Wie finde ich eine Wohnung, eine Krankenversicherung, einen Kinderarzt? Wie gründe ich ein Unternehmen? Oft geht es auch um die Schulbildung der Kinder oder auch Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Familienangehörige, die aufgrund der beruflichen Tätigkeit des Ehemanns oder der Ehefrau in Sachsen mit nach Dresden ziehen.
Was wünschen Sie sich von Politik und Verwaltung in Sachsen, um die taiwanische Community noch besser zu unterstützen?
In den letzten zwei Jahren wurde ich aktiv von vielen Stellen der lokalen Verwaltung kontaktiert, darunter das Dresden Welcome Center, der Wirtschaftsservice – Stabsstelle Internationale Märkte, die IHK Dresden, verschiedene Ministerien, das Büro des Oberbürgermeisters. Ich spüre hier ein sehr starkes Engagement und bin dafür sehr dankbar. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre es die Unterstützung bei der Suche nach Hausärzten, Kinderärzten, Zahnärzten und anderen Fachärzten. Das taiwanesische Gesundheitssystem ist sehr gut und effizient. An lange Wartezeiten für einen Arzttermin und langwierige Abläufe sind Taiwaner in der Regel nicht gewöhnt.
Was möchten Sie den Sachsen mit auf den Weg geben, die zum ersten Mal mit der taiwanischen Community zu tun habe – in der Nachbarschaft, auf Arbeit oder an der Universität?
Sowohl Sachsen als auch Taiwan verfügen über ein reiches kulturelles Erbe. Sachsen und Taiwaner sind fleißige und ambitionierte Menschen. Der Austausch zwischen diesen beiden Gesellschaften wird meiner Meinung nach spannende neue Horizonte eröffnen. Die Taiwaner sind meist sehr freundlich, warmherzig und fleißig. Lächeln Sie sie an und gehen Sie auf sie zu – dann werden das Lächeln und die Herzlichkeit neue Türen öffnen.