Ein Interview mit Fang Yun Lo und Felix Chang
Fang Yun Lo und Felix Chang eint ihre Liebe zum Tanz und zu ihrer Heimat Taiwan. Sie 1982 in Taiwan geboren, seit ihrem Studium in Essen in Deutschland und mittlerweile in Dresden zuhause. Er ebenfalls in Taiwan geboren, zum Tanzstudium an der Folkwang Universität der Künste nach Deutschland gekommen und seitdem an verschiedenen Spielstätten als Choreograf tätig. 2011 gründete Fang Yun Lo das interdisziplinäre Kollektiv Polymer DMT, das sich mit Themen wie Identität, Migration und Herkunft auseinandersetzt. Ihre Arbeiten sind sehr politisch und binden oft dokumentarisches Material ein. Themen, mit denen sich auch Felix Chang beschäftigt. Dabei verbindet er klassische chinesische Tanztechniken und -ästhetik mit zeitgenössischem Tanz, geprägt von taoistischer Philosophie und Tempelritualen aus Taiwan. Beider Wege kreuzen sich nun im Kontext der Gastspielserie TAIWAN MOVES in HELLERAU. Ein Gespräch über Brücken von Taiwan nach Sachsen, tänzerisch betrachtet.
Sie sind in Taiwan künstlerisch sozialisiert und arbeiten heute in Deutschland. Warum gerade Deutschland, warum Sachsen?
Fang Yun Lo: Eine frühe Begegnung mit dem Werk von Pina Bausch hat mich dazu gebracht, nach Deutschland zu kommen und hier zu studieren. Ihr Tanztheater setzt sich intensiv mit der menschlichen Erfahrung auseinander, das hat mich fasziniert.
Wie haben Ihre taiwanesische Herkunft und Ihr Leben in Deutschland Ihre Sicht auf Identität geprägt?
Fang Yun Lo: Zuhause in Taiwan fühlte sich Identität immer sehr klar, sehr stabil an. In Deutschland hingegen werde ich oft als „die Andere“ wahrgenommen. Am häufigsten höre ich die Frage: „Woher kommst du?“ – eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt und mich Identität nicht als etwas Feststehendes begreifen lässt, sondern als einen fließenden Prozess.
Felix Chang: Ich bin in einem familiären Umfeld aufgewachsen, das eng mit Tempelkultur verbunden ist. Über Generationen hinweg war meine Familie am Bau und an der Pflege von Tempeln beteiligt. Daoistische und buddhistische Denkweisen haben daher meinen Alltag geprägt. In diesem Kontext ist Identität nichts, was man besitzt, sondern etwas, das sich in Beziehungen bildet, ein dynamischer Prozess.
Fang Yun Lo's Lable Polymer DMT in Bildern
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich aktuell am intensivsten?
Felix Chang: Mit dem Körper als Träger von Geschichte und kultureller Erinnerung. Ich verstehe ihn als ein „living archive“, in dem sich individuelle Erfahrungen und kollektive Prägungen überlagern. Letztlich kreise ich um die Frage, welche Zukunft aus einem Körper entsteht, der Vergangenheit in sich trägt.
Fang Yun Lo: Genau! Körper tragen Spuren von Geschichte, Erinnerung und Politik in sich. Mich interessiert, wie diese durch Bewegung wahrnehmbar werden, insbesondere mit Blick auf Migration, Mobilität und Heimat.
Wie gelingt es Ihnen, diese ernsten und bedeutungsgeladenen Themen mit der Freude an der Bewegung und am Tanz des Publikums auszubalancieren?
Fang Yun Lo: Ernsthaftigkeit und Vergnügen sind für mich keine Gegensätze. Selbst bei der Auseinandersetzung mit komplexen oder ernsten Themen kann das Publikum durch Bewegung, Rhythmus und Energie eine sinnliche Verbindung herstellen.
Felix Chang: Der Körper ist nicht nur Träger von Erinnerung oder Trauma, sondern besitzt auch eine unbändige Lebenskraft. Tanz bedeutet für mich nicht, Emotionen darzustellen, sondern sie zu transformieren. Selbst im Umgang mit schwierigen historischen Inhalten bleibt Bewegung ein Ausdruck von Präsenz. Ein Körper, der sich bewegt, widerspricht der Erstarrung.
Felix Chang in Bewegung
Wie ist Ihre Verbindung zu Taiwan? Sind Sie dort auch heute noch künstlerisch aktiv?
Felix Chang: Aber ja! Ich werde noch in diesem Jahr im Rahmen eines Artist-in-Residence-Programms nach Taiwan zurückkehren. Es ist mein erster Auftritt dort seit zehn Jahren. Meine Beziehung zu Taiwan ist nicht statisch, sondern in Bewegung. Sie verlangt keine Rückkehr, sondern immer wieder neue Annäherung.
Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede erleben Sie zwischen der taiwanesischen und der sächsischen Tanzszene?
Felix Chang: Institutionen wie die renommierte taiwanesische Tanzcompany „Cloud Gate“ arbeiten häufig innerhalb einer klar definierten ästhetischen Handschrift und Ensemble-Struktur. In Sachsen hingegen wird Tanz oft als offenes Feld verstanden, das interdisziplinäre Ansätze fördert. Die eine Struktur verdichtet, die andere öffnet.
Wie politisch kann, wie politisch muss Tanz als Kunstform sein?
Felix Chang: Tanz kann politisch sein, muss es aber nicht. Für mich ist entscheidend, ob eine Notwendigkeit dahintersteht. Kunst wird nicht politisch, weil sie es will, sondern weil sie nicht anders kann. Alles andere bleibt Oberfläche.
Wie reagiert das Publikum auf Ihre Arbeiten – in Taiwan und in Sachsen?
Fang Yun Lo: Oh, gar nicht so unterschiedlich. In Taiwan setzen sich die Zuschauer oft aufgrund kultureller und emotionaler Nähe mit den Werken auseinander. Projekte, die sich auf reale Geschichten über Migration und Identität stützen, finden großen Anklang. In Deutschland und Sachsen spielt für viele eher der ästhetische Rahmen eine Rolle.
Sie beide leben und arbeiten in Dresden. Was schätzen Sie besonders an der Stadt? Was vermissen Sie?
Felix Chang: Dresden ist für mich ein Ort mit einer starken historischen Präsenz. Gleichzeitig bietet die Stadt eine Ruhe, die es mir ermöglicht, mich zu konzentrieren. Mit der Zeit ist daraus eine Form von Stabilität entstanden, und ich möchte allen Menschen danken, die ich hier in Dresden getroffen habe. Was ich vermisse, ist kein Ort, sondern ein Gefühl von Nähe – etwas, das sich nicht in Worte fassen lässt. Und das finde ich nur in meiner Heimat: Taiwan.
Sie wirken bei TAIWAN MOVES mit. Was erhoffen Sie sich davon?
Fang Yun Lo: Mehr Sichtbarkeit für taiwanesische Künstlerinnen und Künstler. Ein langfristiger Dialog zwischen den Kulturen. Die Verbindungen zwischen Taiwan und Deutschland werden sich weiter vertiefen. Umso wichtiger ist nach der wirtschaftlichen Annäherung die kulturelle und die soziale. TAIWAN MOVES schafft Orte der Begegnung. Das bringt uns alle gemeinsam voran.
Felix Chang: Sehr viel. Solche Projekte schaffen Räume, in denen Unterschiede nicht aufgelöst, sondern erfahrbar werden. Verständigung bedeutet für mich nicht Übereinstimmung, sondern die Fähigkeit, Differenzen auszuhalten. Gerade darin liegt ihre Relevanz.

