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Leben & Arbeiten

"Mutterland" - virtuelle Ausstellung im Görlitzer Hotherturm

Interview mit Sabine Euler, Karikaturistin von "Mutterland"

Sabine Euler lebt mit Mann, drei Kindern, Hühnern und Katze in Görlitz. Sie zeichnet und schreibt freiberuflich und findet, dass Mamalachen die schönste Musik ist. Das hat sie zu ihrer neuen Ausstellung bewogen, "Mutterland", mit Karikaturen, die normalerweise im Görlitzer Hotherturm bewundert werden hätten können. Wenn da nicht die Pandemie dazwischen gekommen wäre. Uns hat sie nun zu einem Ausstellungsrundgang eingeladen - in Pandemiezeiten natürlich rein virtuell, jedoch nicht minder authentisch und erfrischend. Nicht nur für Mamas ein Genuss.

Du bist ja schon länger kreativ am Start. Aber was machen Cartoons/Karikaturen für dich zu einer besonderen Kunstform?

Sabine Euler: "Ich habe erst als Schauspielerin, dann als Werbetexterin gearbeitet. Was es dabei zu lernen gab, steckt jetzt in den Cartoons: ich erzähle darin von Alltagsmomenten, in denen elterliche Wunschvorstellungen eine Pause einlegen. Kleine, platte Geschichten, die fast jede/r kennt, manchmal ein bisschen tragisch - gezeichnet entfalten sie eine Komik, die durch den Austausch mit anderen Eltern noch lustiger wird. Mich überrascht und motiviert es, mit anderen über Dinge zu lachen, über die ich kurz zuvor vielleicht selbst geweint oder gewütet habe: es passiert auch woanders! Am meisten freue ich mich, wenn sich meine Kinder nach dem ersten „ORRR, MAMAAA, DU BIST SO LOST!“ wiedererkennen, wir laut über uns alle lachen und danach die Welt für eine ganze Weile in Ordnung ist."

Deine Cartoons sind nicht nur lustig. Welche Erfahrungen haben zu den bissigeren Botschaften geführt?

Sabine Euler: "Manchmal stelle ich mir vor, meine eigene Mutter würde in eine Zeitmaschine steigen und auf einem ästhetisch ansprechenden Spielplatz landen, in dessen Klettergerüsten engagierte Erwachsene ihrem Nachwuchs hinterherhangeln. Da säße sie im Chill-Out-Bereich zwischen anderen Müttern mit aufgeklappten Apfelschnitzdosen und würde mit leuchtenden Augen und einer Zigarette im Mundwinkel fragen, ob jemand ein Zuckerbrot will...wahrscheinlich würde man sie mit einem Betäubungspfeil niederstrecken. Zuckerbrote sind ungesund, Zigaretten auch, und wer will, kann meinetwegen „möchte“ sagen, aber optimierungsbemühte Unlustigkeit lässt mich manchmal verzweifelt aufgrunzen. Besonders, weil mir die Gründe für diese Entwicklung ja selbst bekannt sind: viel Leistungsdruck bei wenig Anerkennung, der Abgleich untereinander, um irgendeinen Krümel Bestätigung abzukriegen. Sagt man ja nicht, aber das ist doch Sche...."

Sind Kinder eine krasse Belastung? In den Medien entsteht manchmal der Eindruck...

Sabine Euler: "Es sind nicht die Kids, die uns mürbe und müde machen. Ein paar Dinge stimmen nicht mit dem Dorf, das es braucht, um Elternschaft als freudvolle, geachtete Aufgabe zu empfinden."

Im wahrsten Sinne des Wortes möchtest du dazu beitragen, ein verändertes Mutterbild zu zeichnen. Welches?

Sabine Euler: "Ein Gruppenmutterbild! Mit vielen unterschiedlichen Müttern, die für eine neue Ehrlichkeit untereinander gerne auf Masken verzichten. Die wissen, wie bescheuert es aussieht, wenn man abfällig auf andere schielt. Und wie schön, wenn man bestärkt für sich steht, inmitten der anderen, gerne mit zahlreichen Vätern im Hintergrund."

Wie geht es weiter für dich? Welche Projekte stehen an?

Sabine Euler: "Auf laufende Ausstellungen folgen spannende Anfragen und Ideen. Es gibt noch eine ganze Menge zu erzählen!"

Bist du eine glückliche Mama?

Sabine Euler: "An Mutterglück haben viele unmittelbar teil, es ist das wertvollste aller Glücke. Und zerbrechlich. Mutterunglück ist so viel leichter zu haben! Wir müssen aufpassen, nicht als robuste Aufsitztraktoren für Versagensängste, falsche Ideale, chronisches Unbehagen und schlechtes Gewissen herzuhalten. Raus mit Hochglanzerwartungen aus der Erstausstattung – wir haben ein Recht darauf, aus vollem Herzen unser eigenes, manchmal unperfektes Mamading zu machen. Es ist unsere Einladung an das Leben: seit ich meine schwachen Momente mit anderen teile und den Zusammenhalt unter Gleichgesinnten erlebe, seit ich mir sicher bin, nicht allein zu sein, bin ich eine glückliche Mama."

Zur 360°-Panorama-Ausstellung

mit Cartoons von Sabine Euler