Im sächsischen Schmilka sahen die meisten nur ein verschlafenes Dorf. Sven-Erik Hitzer sah darin die Chance, ein Bio-Refugium zu schaffen.

Zwischen den Felsen der Sächsischen Schweiz entdeckte Sven-Erik Hitzer einst die Freiheit, nach der er sich sehnte. Hier fand er außerdem seine große Liebe. Damals hätte er sicher nicht daran gedacht, dass er hier auch einmal die Grundlagen seines unternehmerischen Erfolgs schaffen würde.
Wer heute durch Schmilka läuft, sieht ein idyllisches Örtchen: freundliche Häuser in Gelb, Grün und Rot, die sich um ein Mühlrad drängen, darunter fließt breit und gemächlich die Elbe entlang, vom Ort aus erblickt man die schroffen Felsformationen des Elbsandsteingebirges, das in diesem Abschnitt Sächsische Schweiz genannt wird. Es sieht aus, als sei der Ortskern jahrhundertealt. Tatsächlich war vor ein paar Jahren fast nichts davon da.

 

Eine Stadt mit Gesamtkonzept

Wie kommt ein Einzelner dazu, einen ganzen Ort umzukrempeln? Die Sächsische Schweiz hat für Hitzer immer eine besondere Bedeutung gehabt. Schon als Jugendlicher kam er mit dem Zug aus Cottbus hierher. „Das Klettern war eine der wenigen Möglichkeiten der Freiheit, die man sich damals nehmen konnte“, sagt er. Nach der Wende kauft er in Schmilka ein altes Ferienheim, um einen Anlaufpunkt zu haben, wenn er in die Region kommt.

Schmilka, das direkt an der Grenze zu Tschechien liegt, war damals noch ein grauer Grenzort. Wo heute im Sommer Live-Musik über den Mühlenhof schallt, standen Garagen auf schiefen Betonplatten. Hitzer ließ sich nicht abschrecken. Er war fasziniert von der Umgebung:

Die Landschaft ist auf engem Raum so vielfältig: Canyons, Tafelberge, Felsen, alles findet man hier konzentriert. Das hat mich stark inspiriert …

sagt er. Hitzer ist jemand, der Ideen und Eindrücke sammelt wie andere Briefmarken. Dazu kommt ein starker unternehmerischer Geist. Schon als Jugendlicher verkaufte er selbstgezüchtete Osterglocken und handgemachte Gestecke an seine Lehrer. „Hummelflug“ nennt er es, wenn sich die Ideen in seinem Kopf mal wieder überschlagen. Die Landschaft der Sächsischen Schweiz hat einen Schwarm freigesetzt. In Schmilka sah er damals nicht den grauen Grenzort, sondern was daraus entstehen könnte. „Ich hatte hier sofort Kopfkino.“

Heute hat Hitzer seine Vision zum großen Teil wahr gemacht. Er ist nicht mehr nur Vermieter von ein paar Betten. Er ist Arbeitgeber von knapp 200 Menschen. Er betreibt im Ort eine Mühle, eine Bäckerei, eine Brauerei, ein Café mit Konditorei, drei Gaststätten, ein Badehaus, einen Fahrrad- und Bootsverleih und einen Gemüse- und Kräutergarten.

Ich habe eine komplette touristische Destinationerschaffen …

sagt er. Zu Beginn hatte er gar nicht vor, alles selbst in die Hand zu nehmen. Er strich sein Ferienhaus bunt, pflanzte ein paar Blumen. „Ich wollte inspirierend wirken.“ Doch einige der heute noch knapp 100 Einwohner zogen weg, andere wurden älter, das Dorfleben kam immer weiter zum Erliegen. Das verheerende Hochwasser von 2002 tat ihr Übriges. „Die Leute haben aufgegeben, viele Häuser standen zum Verkauf“, sagt Hitzer. „Ich dachte, da wird schon jemand kommen, mit dem man sich touristisch zusammenschließen kann. Aber es hat sich keiner getraut.

Die Natur, die Hitzers unternehmerischen Geist beflügelt hat, ist auch seine größte Herausforderung. 2006 und 2010 erwischte ihn das Hochwasser, 2013 kam ein weiteres Extremhochwasser dazu. Das Hotel „Helvetia“, das er inzwischen übernommen hatte, der sorgsam gestaltete Garten und fünf weitere seiner Gebäude entlang der Elbe standen zehn Tage lang unter Wasser. Er verlor damals nicht nur viel Geld, sondern auch gute Mitarbeiter. Sie konnten sich einfach nicht vorstellen, dass man alles wieder aufbauen könnte. Auch Hitzer hatte damals Momente des Zweifels. Doch er machte weiter. „Ich lasse mich nicht so schnell entmutigen“, sagt er.

Hitzer hatte so viel geschafft. Er konnte es nicht aufgeben. Das „Helvetia“ ist das erste Bio-Hotel Sachsens. Er ist inzwischen zum Vorreiter geworden, denn „Bio“ hört für ihn nicht beim Essen auf. Im Bad liegt eine Seife mit 100 Prozent Fairtrade-Avocadoöl, die Holzböden sind nur geseift, nicht gewachst oder geölt. Auch beim Bauen und Restaurieren achtet er auf ökologische Kriterien zum Beispiel durch Lehmbauweise oder bei der Dämmung, die aus Flachs und Papierschnipseln statt Kunststoff besteht. Es gibt außerdem kein W-LAN und alle elektrischen Kabel sind speziell isoliert, um den Elektrosmog zu reduzieren. Elektroautos surren durch das Dorf, der Strom kommt von den Dächern. „Ich will die Standards über das Essen hinaus nach oben drücken“, sagt er.

Nachhaltigkeit in allen Dingen

Die Lokalzeitung nannte ihn „Bionier“, weil er so konsequent voranschreitet. Und versucht, andere anzustecken. Das Angebot eines sächsischen Weinlieferanten lehnte er so lange ab, bis dieser sich entschloss, einen Teil seines Weins nach Bio-Kriterien zu produzieren. Sven-Erik Hitzer und seine Frau achten selbst schon lange darauf. Der Auslöser war ein Besuch beim Arzt, der bedenkliche Werte beschied. Seitdem schaut Hitzer bewusster hin, was er isst – und was er den Gästen serviert. Man solle darauf vertrauen können, alles „rückstandsfrei verzehren“ zu können, sagt Hitzer.

Alle seine Betriebe in Schmilka produzieren Bio, von den Brötchen bis zum Bier. Sein Ziel ist es, den Ort irgendwann einmal nur durch nachwachsende Rohstoffe mit Energie versorgen zu können. Wenn man mit Hitzer durch Schmilka läuft, sprudeln an jeder Ecke die Ideen aus ihm heraus, wie er das Biorefugium ausbauen will. In Sachsen stößt er mit seinen Einfällen dabei auf offene Ohren.

Das Land hat mir von Anfang an die Türen offengehalten …

sagt Hitzer. „Ob bei der Gewerbeanmeldung, beim Ordnungsamt oder bei anderen Behörden, ich habe nie eine negative Erfahrung gemacht. Ich bin Sachsen sehr dankbar für seine unternehmerische Willkommenskultur.“

Für ihn ist die Vision von Schmilka noch lange nicht zu Ende. Da sind noch der freie Hang, auf dem das Saunadorf entstehen soll, die ehemalige Gaststätte in der Ortsmitte, die er zur zentralen Informationsstelle für alle Gäste machen will. Und natürlich das Elbufer, wo Hitzer einen Wasserwanderplatz und eine Badeinsel sieht. Anregung bieten Hitzer neben der Natur auch alte Postkarten und Ansichten der Region. Er hat eine ganze Sammlung. Die Quellen der Inspiration sind noch lange nicht erschöpft.