Marie-Elisabeth Hecker und ihr Cello passen nicht wirklich gut zusammen. Hier das schwermütige, melancholische Streichinstrument, dort die junge, lebensfrohe, ja beinahe quirlige Ausnahmevirtuosin. Und doch sind sie gemeinsam ein absolutes Erfolgsduo. Kaum eine andere deutsche Cellistin spielt die Nomenklatur der Melancholie so gut, so gefühlvoll wie die 30-jährige Zwickauerin. Sie gehört zur absoluten Weltspitze, spätestens, seit sie 2005 beim wohl bedeutendsten Wettbewerb für Cellisten, dem Rostropowitsch-Wettbewerb, gleich mehrere Preise abräumte.

Das hat auch Jan Vogler erkannt, Deutschlands „Vorzeige-Cellist“ und Intendant der Dresdner Musikfestspiele. Jüngst kündigte er für 2018 ein „Festival im Festival“ im Rahmen der Musikfestspiele (10. Mai bis 10. Juni) an: „Cellomania“. Seine wichtigste Protagonistin: Marie-Elisabeth Hecker. Wir wollten mehr über die junge Musikerin erfahren und haben sie über die Liebe zu ihrem Instrument befragt, ihre Inspiration und Motivation – und viel über ein außergewöhnliches Talent erfahren.

Welchen Stellenwert hat die Musik in Ihrem Leben?

Einen sehr großen, denn sie ist Beruf und Hobby zugleich. Oberste Priorität hat aber die Familie – mein Mann und vor allem meine dreijährige Tochter.

Sie haben ja bereits sehr früh, im Alter von fünf Jahren, mit dem Cellospielen begonnen. Können Sie sich noch an Ihr erstes Konzert erinnern?

Nicht so ganz, aber es muss in der Musikschule gewesen sein. Die großen Konzerte kamen bei mir erst relativ spät. Begonnen hat das mit dem Rostropowitsch-Wettbewerb 2005, den ich gewonnen habe. Dort habe ich auch zum ersten Mal mit großem Orchester gespielt.

Ihre Geschwister sind ebenfalls musikalisch begabt, spielen verschiedene Instrumente. Weshalb haben Sie sich für das Cello entschieden?

Das hatte vor allem praktische Gründe. Ich selbst wollte zuerst lieber Klavier lernen, sofern man das mit drei Jahren schon sagen kann. Aufgrund eines Unfalls, bei dem mein Fingergelenk beschädigt wurde, war das jedoch nicht mehr möglich, und ich benötigte eine Alternative, bei der die rechte Hand nicht übermäßig belastet wird. So bin ich zum Cello gekommen. Und das passte auch ganz gut, denn wir waren zu Hause acht Geschwister, darunter bereits zwei Pianisten, ein Geiger und ein Bläser. Um Gruppenbesetzungen spielen zu können, fehlte einfach noch ein Cello.

Sie und Ihr Mann, der Pianist Martin Helmchen, sind gefragte Profi-Musiker und treten auch oft gemeinsam auf. Harmoniert man musikalisch besser mit Menschen, mit denen man sich auch privat versteht?

Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten, denn es gibt hier tatsächlich beide Extreme. Oft ist es aber tatsächlich so, dass sich die Chemie im Privaten auf die Musik überträgt. Bei uns war das so, wir spielen sehr gern zusammen und harmonieren gut.

Hören Sie privat ausschließlich klassische Musik?

Im Moment höre ich hauptsächlich Kindermusik, da unsere Tochter eine CD nach der anderen abspielen möchte. Davon abgesehen höre ich aber zu Hause alles quer durch den Gemüsegarten. Klassische Musik begeistert mich tatsächlich in erster Linie live.

Haben Sie einen Lieblingskomponisten?

Oh, schwierige Frage. Meist gefallen mir die Stücke, die ich gerade spiele, auch am besten. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen, dass mir die gesamte Kammermusik von Franz Schubert besonders nahe steht.

Neben Ihrer Konzerttätigkeit und Ihrer Professur am Landesgymnasium Carl Maria von Weber unterstützen Sie eine Musikschule in Ruanda. Wie kam es dazu?

Ganz einfach: Es war mir ein inneres Bedürfnis. Ich wollte gern etwas für Menschen tun, die die Musik wirklich brauchen. In unserer westlichen Welt sind wir oft übersättigt. Es gibt unzählige Künstler, die auf höchstem Niveau spielen. Das ist ein wertvolles Privileg,  führt aber auch dazu, dass viele Konzertgänger ein sehr kritisches Ohr haben. Ich denke, die Musik verliert dadurch ein Stück ihrer heilenden Wirkung. Mir selbst hat dieses kritische Publikum eine Zeit lang Angst gemacht, und ich wollte wieder den grundlegenden Sinn von Musik verstehen. Das kann man am besten, wenn man zu Menschen geht, die die Musik wirklich brauchen und in deren Leben sie tatsächlich etwas verändern kann. In Ruanda ist das der Fall.

Sie selbst sind ja in Sachsen geboren und aufgewachsen. Was bedeutet Ihnen Heimat?

Zu allererst fällt mir da Weihnachten ein. Ich komme ja aus dem Erzgebirge und fühle mich der Erzgebirgischen Weihnachtstradition sehr verbunden. In der Weihnachtszeit dekoriere ich gern das ganze Haus. Besonders die schneebedeckten Häuschen mit Schwibbögen in den Fenstern geben mir ein Gefühl von Heimat, da man sie in dieser Form nur in Sachsen so findet.

Was verbinden Sie ganz allgemein mit Ihrer Heimat Sachsen?

Ich empfinde die Menschen hier als sehr herzlich und vor allem bodenständig. Das schätze ich an meinen Landsleuten sehr.

Über Marie-Elisabeth Hecker:

Die Musik wurde Marie-Elisabeth Hecker quasi in die Wiege gelegt. 1987 als fünftes von acht Kindern einer Pfarrersfamilie in Zwickau geboren, kommt sie durch ihre ebenfalls sehr musikalischen Geschwister früh in Kontakt mit verschiedensten Instrumenten. Mit fünf Jahren begann sie das Cellospielen, ab 1992 studierte sie das Instrument bei Wieland Pörner am Robert-Schumann-Konservatorium. Seit 1999 gewann sie mehrere „Jugend-musiziert“-Wettbewerbe sowie einen Sonderpreis beim Dotzauer-Wettbewerb und den Rostropowitsch-Wettbewerb im Jahre 2005, der ihr den internationalen Durchbruch bescherte. Dank Konzerten mit Orchestern wie dem Deutschen Symphonieorchester Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim, der Filarmonica della Scala oder dem Orchestre National de la France, zählt sie zu den gefragtesten Solistinnen und Kammermusikerinnen der jungen Generation. Auch gemeinsam mit ihrem Mann, dem Pianisten Martin Helmchen, musiziert sie erfolgreich. So fand beispielsweise ihre 2016 veröffentlichte Einspielung von Brahms‘ Cellosonaten beim Label Alpha Classics große Beachtung. Seit August 2017 hat Hecker eine Professur für Violoncello am Landesgymnasium für Musik Carl Maria von Weber in Dresden inne. Darüber hinaus unterstützt sie in Zusammenarbeit mit Musik Road Rwanda eine Musikschule in Ruanda und ist regelmäßig vor Ort, um musikalische Projekte zu begleiten. Die 30-jährige Musikerin lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Alle Fotos von Anke Wolten-Thom.