Ein Haus zieht um in Görlitz

Eine der Besonderheiten des Stahlhauses in Görlitz ist sein völlig normaler Anblick: ein mintfarbenes Einfamilienhaus, mit zwei Stockwerken und einem Satteldach.

Doch das Haus birgt eine Überraschung. Die Außenwände bestehen aus Stahlträgern und Stahlplatten. Sie zeugen von einer Zeit, in der Industriestahl als innovativer Baustoff entdeckt wurde.

Nach dem 1. Weltkrieg herrschte Wohnungsnot. Gleich mehrere Unternehmen bekämpften das Problem zu Beginn der 1920er Jahre mit Häusern und Siedlungen aus Stahl. Eine von ihnen war die Firma Braune & Roth, die neben Geldschränken und Tresoren auch Fertighäuser anboten. In einem 1927er Prospekt wurden typisierte Bauten vorgestellt, benannt nach Körpern unseres Sonnensystems. Im selben Jahr hat Bauherr Konrad Bielke sein Fertigteilhaus des Typs „Sonne“ in Görlitz genehmigen lassen.

Bis auf Keller und Kamin kommt das Haus ohne Mauerwerk aus. Dass es ansonsten unspektakulär wirkt, war gewollt. Braune & Roth machten Werbung damit, dass ihr Haus nicht wie ein Stahlhaus wirke, sondern dem „Charakter der üblichen deutschen Wohnungen“ entspreche. Durchaus spektakulär war dagegen die Geschwindigkeit. Der Hersteller warb mit einer Bauzeit von nur 24 Tagen für das Typenhaus. Damit steht das Stahlhaus beispielhaft für moderne Ansätze der Serienfertigung und Standardisierung im Bauwesen.

Bis in die 1990er Jahre war das Stahlhaus bewohnt, dann stand es leer und drohte, zu zerfallen. Seine bemerkenswerte Rettung wurde durch die Bauweise erst ermöglicht. Ein Görlitzer entdeckte und kaufte das Stahlhaus nicht nur, er zerlegte es auch in seine Einzelteile und baute es auf dem eigenen Grundstück wieder auf. Dort leuchtet es nach seiner denkmalgerechten Sanierung wieder in frischem Mintgrün.

Alle Fotos im Beitrag @Till Schuster