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Gründen & Unternehmen

Markkleeberger Firma ACL

Markkleeberg. Vor der Fensterfront in seinem Büro steht ein Konzertflügel. »Das Gewandhaus wollte ihn austauschen, da habe ich ihn gekauft«, berichtet Thomas Wollesky. An den Wänden hängen unzählige Bilder, meist von Schülern der berühmten Leipziger Maler Neo Rauch und Arno Rink. Wer nun denkt, der 45-Jährige leite eine bedeutende Kultureinrichtung, der irrt. Er ist Geschäftsführer und Gesellschafter der ACL GmbH in Markkleeberg. Die Firma stellt Computer und Monitore hauptsächlich für hochsensible und hygienisch kritische Bereiche wie Operationssäle und Intensivstationen her.

Wollesky spielt gelegentlich auf dem Musikinstrument. »Ich bin musisch aufgewachsen, hatte zwölf Jahre Klavierunterricht.« Auch Geige und Trompete beherrscht er. Vor allem aber hat er bewiesen, dass er die Klaviatur des Managements furios zu bedienen vermag. Das belegen einige wenige Zahlen. Lag der Umsatz 2018 – in diesem Jahr erwarb der gebürtige Leipziger alle Anteile und bestimmt seitdem die Geschicke des Unternehmens – erst bei zehn Millionen Euro, so betrug er im vorigen Jahr bereits 22,8 Millionen Euro.

Ein rasantes Wachstum, das sich auch auf der Gehaltsliste widerspiegelt. Auf ihr stehen inzwischen 90 Mitarbeiter, 50 mehr als 2018. »Das ist schon eine wahnsinnige Entwicklung«, sagt der verheiratete Vater zweier Kinder.

Der Rundum-Sorglos-Dienstleister

Die Ursprünge von ACL gehen bis ins Jahr 1990 zurück. In jenen Auf-, Ab- und Umbruchzeiten nach der Wiedervereinigung eröffnete der Leipziger Holger Noffz ein Computergeschäft in der Messestadt. Mitte der Neunzigerjahre bekam er den Zuschlag für einen Auftrag des Universitätsklinikums Leipzig. Es ging um Computertechnik, die den besonderen Anforderungen eines Krankenhauses entsprechen sollte.

So dürfen die Rechner in sensiblen Bereichen nicht mit Lüftern gekühlt werden, müssen das ganze Jahr über ohne Unterbrechung in Betrieb sein. Aus diesem erfolgreichen Pilotprojekt heraus gründete Noffz 1997 den Allround (engl. rundum) Computerdienst Leipzig GmbH (ACL).

»Wir hatten Glück, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Nische gefunden zu haben«, erinnert sich Wollesky, der trotz seiner kulturellen Neigungen Zahnmedizin und Betriebswirtschaftslehre studierte. Dabei arbeitete er in einem Praxissemester für ein Berliner IT-Unternehmen. Das stellte die Software (also Programme) her, die für die Hardware (also Geräte) in Intensivstationen oder Operationssälen benötigt wird. Er blieb in dem Betrieb und kümmerte sich um den Vertrieb. »Die meisten Techniker können nicht verkaufen.« So kam es zum Kontakt zu ACL. Die Firma war auf Wolleskys verkäuferisches Talent aufmerksam geworden. »Das war für mich der Anlass, nach Leipzig zurückzukehren«, erzählt er. Er schloss sich 2011 der Firma als Vertriebsdirektor an, wurde sechs Jahre später zweiter Geschäftsführer.

Schicksalsschlag vor fünf Jahren

Die Firma wuchs und baute in Markkleeberg eine neue Zentrale mit Werk. Doch 2018 ereilte den Betrieb ein schwerer Schicksalsschlag. Gründer und Geschäftsführer Holger Noffz starb im Alter von 56 Jahren. Die Zukunft des Unternehmens war in Gefahr. Doch rasch zeichnete sich die Lösung ab. Wollesky überlegte nicht lange, ging ins finanzielle Risiko, erwarb sämtliche Anteile. Alle Angestellten blieben an Bord. »Ich habe das alles keine Sekunde bereut.« Die Bürgschaftsbank in Dresden zeichnete ihn für die gelungene firmeninterne Übernahme im vorigen Jahr mit dem Sächsischen Meilenstein aus.

ACL ist mittlerweile der größte inhabergeführte Hersteller von spezialisierter IT-Technik auf dem Kontinent. Dabei erfolgen Herstellung und Entwicklung vor Ort, Zulieferer kommen in der Regel aus der Region, abgesehen von Chips, die nur in Asien fabriziert werden. Die Produkte verkörpern somit das Qualitätssiegel Made in Germany. »Unsere hohe Fertigungstiefe bei medizinischen PCs hat niemand sonst in Europa.« Das ermögliche es, auch kleine Stückzahlen zu bauen. Der Betrieb hat eine Nische gesucht, gefunden und nutzt sie offenkundig erfolgreich. »Natürlich schreiben wir schwarze Zahlen«, sagt Wollesky.

»Dem Wettbewerb immer einen Schritt voraus«

Unter seiner Regie schritt die rasante Expansion voran. Die Fertigung ist hochspezialisiert, dünnes Glas etwa wird selbst geschnitten – ein Beleg für die permanente Weiterentwicklung in der Forschung. »Unsere Lösungen setzen Trends und sind dem Wettbewerb immer einen Schritt voraus«, sagt der Chef. Das Streben nach Innovationen auf höchstem technischem Standard und die Realisierung der individuellen Kundenwünsche »ist unser Ansporn, stets exzellente Produkte zu liefern«. Dabei wird nicht einfach so fürs Lager gefertigt: »Wir stellen erst nach der Bestellung her« – maßgeschneidert, mit gutem Service. Die Ansprüche steigen weiter. Sprachsteuerung, KI-Webcams, kabellose Telemedizin sind einige der Stichworte. Gearbeitet wird an neuen Produkten mit künstlicher Intelligenz, in der Visualisierung und in der Robotik für den Einsatz bei Operationen.

Zu den Kunden zählen heute etwa nahezu alle Universitätskliniken in der Bundesrepublik, aber auch Arztpraxen. Der Geschäftsführer hat sich vorgenommen, den internationalen Verkauf anzukurbeln. Niederlassungen gibt es inzwischen in den USA und in Hongkong. Neue Absatzkanäle sucht ACL auf wichtigen Branchenmessen und erweitert so auch permanent das Netzwerk. Um in der Weltsprache Englisch von vornherein Akzeptanz zu finden, nennt sich der Geschäftsführer, der seinen Besuchern persönlich die Tür öffnet (»ich habe keine Sekretärin«) Chief Executive Officer, CEO. So steht es auch auf seinen Visitenkarten.

Interesse am sächsischen Mittelständler wächst

Inzwischen hat die Medizintechnik-Branche ein Auge auf den kleinen, feinen Mittelständler aus Sachsen geworfen. »Wir haben eine eigene Marke, bauen aber auch für andere«, sagt Wollesky. 40 Prozent der Geräte, die hier montiert werden – 2013 waren es 7100 Stück –, gehen inzwischen an Fremdfirmen. Für den Lübecker Medizintechnikriesen Dräger beispielsweise »fertigen wir komplette Geräte nach Wunsch, von der Zeichnung bis zur finalen Klassifizierung«. ACL hat eben nicht nur eine Lösung.

Mit Blick auf den Wettbewerb schlägt Wollesky nachdenkliche Töne an. Seine Top-Waren konkurrieren mit günstigeren Angeboten aus Asien. Man sollte wissen, »ob man eine maßgeschneiderte Lösung mit gutem Service und Langlebigkeit haben möchte oder etwas Preiswertes von der Stange«.  Da Stillstand Rückschritt bedeutet, ist ACL auf der Suche nach weiteren Absatzgebieten. Und fündig geworden. Der Stahlriese ThyssenKrupp setzt die Markkleeberger Apparate in den Werken ein, die Achsen für BMW und Porsche herstellen.

Auch in Zukunft die Musik mitbestimmen

Im weltweiten Gesundheitswesen schreitet die Digitalisierung unaufhörlich voran. »Gute Aussichten für uns«, meint Wollesky, dessen Firma unter anderem das Gewandhaus und das Bachfest finanziell unterstützt und ein weiteres Lager plant, um noch unabhängiger von Lieferketten zu bleiben. »Wir suchen auch weitere Mitarbeiter.« Dabei ist erst im vorigen Jahr eine neue Halle dazugekommen. »Wir suchen neue Mitarbeiter.«

Ausgebildet wird ebenfalls. Er ist offenkundig davon überzeugt, dass sein Unternehmen in seinem Spezialgebiet auch weiterhin die Musik bestimmen wird. Auch wenn das alles bedeutet, dass die Zeit für das Spielen auf dem Konzertflügel im Büro immer knapper wird.

Der Preis ist eine Initiative von Sächsischer Zeitung, Freier Presse, Leipziger Volkszeitung, MDR sowie von Volkswagen Sachsen, LBBW, der Schneider+Partner Beratergruppe, der Gesundheitskasse AOK Plus und „So geht sächsisch“. www.unternehmerpreis.de

 Text: Ulrich Milde