Gaubln
Die sächsische Kunst der Diplomatie
Die Jury für das sächsische Wort des Jahres feiert einen Begriff, der seit Jahren zwischen Dialekt, Erinnerung und Gesellschaftssystemen wandelt. Es ist ein Ausdruck, den niemand ins Hochdeutsche übersetzen kann und sollte. Wer es dennoch versucht, der riskiert den Verlust eines erheblichen Teils seines heimatlichen Charakters.
Denn es geht um den Austausch miteinander, um das gemeinsame Reden. Das gehört in die Fibel des friedlichen Miteinanders. Geben und geben heißt die Devise. Das weiß jedes Kind. Viele Erwachsene haben das inzwischen vergessen. Vor allem alte kriegstüchtige Männer, die unter einer Machtphobie leiden, können mit diesem Terminus des feinen sächsischen Kompromisses nichts anfangen. Das ist Innen- und Außenpolitik mit einer Kiste voller Zeug.
Nicht in der Schule, sondern auf dem Schulhof lernten schon zu DDR-Zeiten junge Sachsen die Kunst des fischelanden Dialogs. Jenseits der Klassenzimmer befand sich der konspirative Basar hochbegehrter Konsumgüter. Kinder schulten ihre Fähigkeit zur Neuverteilung von Privateigentum. Es begann mit Fußballbildern und Kaugummis, also Gadschrn. Es wechselten Mosaikhefte, Filzer, Tintenkiller und leere Bierbüchsen aus dem Westen die Besitzer. Bücher mit Titeln wie „Lady Chatterley“ oder „On the Road“, Zigaretten, spezielle Briefmarken, Indianerfiguren, Matchbox, also Mädschies, oder Schallplatten standen hoch im Kurs.
Nach dem Schulabschluss wechselten die Schauplätze des Naturalienverkehrs auf Flohmärkte, in Kneipen, in Keller, Garagen oder in Datschen. Jetzt wurden andere Sachen verhökert: Auspuffanlagen gegen Fliesen, Fleisch- und Wurstpakete gegen Arzttermine, Tomaten gegen Tulpen, geflickte Levi´s-Jeans gegen die Gesamtausgabe von Nietzsche, Rehkeulen gegen Feuerholz oder Theaterkarten gegen das Reparaturversprechen eines Klempners. Mit der sozialen Schattenwirtschaft stemmten sich die Sachsen gegen den Fünfjahrplan des staatlich organisierten Mangels.
Gut, dass die Sachsen dieses Handschlag-Geschäft zum gegenseitigen Vorteil nie vergessen, sondern immer weiter trainiert haben. Der Kenner weiß sofort, worum es geht. Dieser Ausdruck ist ein sächsisches Vermächtnis, eine kulturelle Leistung, ein Versprechen, eine Herzensangelegenheit. Es geht um ein Wort, das auf gesundem Sachsenverstand und gegenseitigem Vertrauen beruht. Es heißt: Gaubln, was im Dresdner Raum vorzugsweise als kaubln gesprochen wird.
Giege
Sonderkategorie: Sächsisches Handwerk-Wort
Als Sonderkategorie kürte der Ausschuss in diesem Jahr aus den Einsendungen noch ein Wort, das ein handwerkliches Werkzeug beschreibt. Schon beim Aussprechen dieses Ausdrucks merken alle: Das Wort tituliert sich lautmalerisch selbst. Ein akustischer Purzelbaum. Vielleicht liegt es irgendwo in der Ecke im Gartenhäuschen, in der Latzhose, im Pilzkorb oder in der Besteckschublade der Küche. Der Begriff erinnert daran, dass Sächsisch nicht immer zu verstehen sein muss. Manchmal reicht es, etwas anzudeuten, um zum Ziel zu kommen. Ein Wort braucht nicht zwingend eine Definition, um ein Lächeln hervorzurufen. Oft reicht ein sprachliches Schulterzucken wie beim Allzweckmesser Giege, dem kleinen spitzen, aber letztlich stumpfen Messer, das jegliches Verbot stichhaltig umgeht.
Die Suche nach dem Wort der Wörter
Über 2.000 Wortvorschläge kamen in diesem Jahr bei der Jury an. Zu dem Gremium gehören unter anderem der Schauspieler Tom Pauls, MDR-Moderator Andreas Berger, die Dresdner Geschäftsführerin Kerstin Kochan und der Leipziger Kunstexperte Frank Berger. Das sächsische Wort des Jahres wird seit 2008 gekürt. Diese Auszeichnung rief die Ilse-Bähnert-Stiftung ins Leben, sie immer am 3. Oktober vergeben und gemeinsam mit MDR-Sachsen und der SZ organisiert, um den Dialekt in besonderer Weise zu fördern.
