Das Leipziger Startup Jymmin verwandelt Bewegungen in Musik. Über empfindliche Sensoren an Sportgeräten wie aus dem Fitnesscenter wird die Arbeit von Beinen und Armen in harmonische Rhythmen und Melodien übersetzt. Eine komplexe Software sorgt dafür, das Jymmin immer gut klingt. In der Gruppe fühlt es sich sogar fast so an, wie das Musizieren in einer Band. Nicht umsonst steht Jymmin für Gym, wie Fitnessraum, und Jammen, wie gemeinsam Musik improvisieren.

Trotzdem sind für Jymmin weder Vorkenntnis noch musikalisches Talent von Nöten. Profi-Athleten und Reha-Patienten schwören bereits auf das neue Trainingsprinzip. Die Fitness-Methode aus dem Herzen von Sachsen setzt besondere Glücksgefühle frei und hat nachweislich viele positive Effekte auf Körper und Geist. Wir haben den Erfinder, Prof. Tom Fritz, in seiner Leipziger Werkstatt besucht und selbst ausprobiert, wie es funktioniert.

Prof. Fritz, beim Jymmin verbinden Sie Sport und Musik auf eine völlig neue Art. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich selbst bin schon so etwas wie ein Musik-Junkie. Ich spiele leidenschaftlich gern alle möglichen Instrumente – auch wenn ich kein großartiger Virtuose bin. Bei Jymmin wird die Verbindung von Musik und Bewegung als geradezu euphorisches Erlebnis spürbar. Ich persönlich kann mir nichts Schöneres denken!

Tom Fritz hat Jymmin nicht nur erfunden, sondern praktiziert es auch regelmäßig selbst – am liebsten natürlich in guter Gesellschaft!

Das klingt wirklich toll! Wie muss man sich diesen Effekt als Laie vorstellen?

Das Gefühl ist vergleichbar mit dem sogenannten „Runners High“. Geübte Athleten erleben es beim Rennen gewöhnlich nach etwa einer halben Stunde. Durch Jymmin kann jeder diesen Glückszustand innerhalb von nur zehn Minuten erreichen.

Jymmin sorgt für Glücksgefühle, die auch nach dem Training noch eine ganze Weile anhalten.

Wie wir schon erfahren haben, ist die Entstehungsgeschichte dahinter ziemlich abenteuerlich.

Ja, die Idee entstand im Anschluss an ein musikethnologisches Feldforschungsprojekt vor etwa zehn Jahren. Ich war zu Besuch bei den Mafa, von denen einige im Mandara-Gebirge im Norden Kameruns nahe der Grenzen zu Nigeria und Tschad sehr zurückgezogen leben – noch ähnlich wie in der Eisenzeit. Mein Ziel war es, Musikwahrnehmung bei Menschen zu untersuchen, die noch nie zuvor westliche Instrumente gehört hatten.

Dirk Gummel kümmert sich Jymmin um die Entwicklung der Sensoren, die die Übertragung von Bewegungen in Musik ermöglichen.

Dabei stellte ich fest, dass die Mafa selbst über ganz archaische Methoden verfügen, um durch eine Kombination von Musik und körperliche Verausgabung Zustände zu erreichen, die wir als musikalische Trance oder Ektase klassifizieren würden. Zurück in Deutschland habe ich nach einem Weg gesucht, diese wahrscheinlich Jahrtausende alte Traditionen in etwas zu übertragen, das man in unserem westlichen Raum versteht und ohne Gesundheitsrisiken anwenden kann.

Welche Zielgruppen können von Jymmin besonders profitieren?

Wir setzen Jymmin seit etwa drei Jahren gemeinsam mit Hochleistungsathleten und verschiedenen Patientengruppen ein. Wir haben z.B. festgestellt, dass Menschen, die nach einem Schlaganfall mit Jymmin trainieren, bereits nach zwei Wochen eine viel bessere motorische Leistung als bei herkömmlichem Training zeigen.

Für Jymmin ist weder musikalisches noch sportliches Talent notwendig. Jeder kann sofort mitmachen.

Selbst Alzheimer- und Wachkoma-Patienten reagieren auf einem ganz instinktiven Niveau auf Jymmin. Zudem arbeiten wir in Leipzig mit traumatisierten Flüchtlingen zusammen. Nach der offiziellen Firmengründung können wir jetzt eine größere Anzahl an Kunden in Deutschland, aber auch im Ausland bedienen.

Welche positiven Entwicklungen konnten Sie dabei mit Ihrem Forschungsteam feststellen?

Das Training wird durch die Kombination von Musik und Bewegung als nur etwa halb so anstrengend empfunden. Die Teilnehmer erleben eine gehobene Stimmung, die länger anhält, und sind weniger schmerzempfindlich. Zudem beobachten wir eine angstsenkende Wirkung. Kinder mit Lernstörung können sich direkt nach dem Jymmin besser konzentrieren. In einer Reha-Einrichtung für ehemals Drogenabhängige haben wir außerdem viele positive soziale Effekte festgestellt, die selbst die zuständigen Betreuer überraschten.

Und dann wäre da noch der „Bandeffekt“…

Genau! Wenn man selbst am Jymmin teilnimmt, also die Musik selbst kreiert, erlebt man sie als viel schöner, als wenn man sie nur passiv hört. Das passiert immer, wenn Menschen zusammenkommen, um Musik zu machen. Beim Jymmin kann z.B. ein Opi mit seinem Enkel DrumnBass spielen und beide finden das total schön!

Techno, Reggea oder Volksmusik – bei Jymmin haben die Teilnehmer die Auswahl zwischen verschiedenen Musikstilen für Jung und Alt.

Aber waren denn die Vertreter von Gesundheits- und Reha-Einrichtungen dafür überhaupt offen?

Unsere Art des Musik-Sport-Machens ist komplett neuartig. Es ist verblüffend, wie interessiert potentielle Partner aus dem Gesundheits- und Sportbereich daran sind. Schließlich brechen wir bewusst mit dem Prinzip, dass eine gute Sportbewegung eine exakte, von vorne bis hinten kontrollierte Bewegung sein muss, bei der man mitzählen kann.

Wie erklären Sie sich, dass Jymmin so gut funktioniert?

Das liegt aus meiner Sicht vor allem an der Erfahrung, sich selbst emotional ausdrücken zu können und gleichzeitig in einem körperlichen Erregungszustand zu sein. So etwas erlebt man sonst nur in besonders intensiven sozialen Interaktionen und emotionalen Situationen, die auch überlebenswichtig sein können. Dabei haben wir Zugriff auf mehr Ressourcen motorischer Kontrolle – die sogenannte emotional-motorische Kontrolle, die auch besonders effektiv und präzise sein kann. Man denke zum Beispiel an unsere motorische Höchstleistung beim Steuern der Sprachmelodie! Das kommt uns einfach vor. Es ist jedoch, wenn in einem Sprecherstudio für ein Hörbuch vorgetäuscht, nur extrem schwer glaubwürdig zu reproduzieren.

Inzwischen konnte Prof. Fritz zahlreiche Partner und Kunden aus dem Gesundheits- und Rehabereich für Jymmin begeistern.

Sie hatten mehrere Angebote, Ihre Firma im Ausland aufzubauen. Trotzdem haben Sie sich für Leipzig entschieden. Was hat Sie überzeugt?

Ich muss gestehen, dass mein geniales Team an Miterfindern, mit dem ich hier in Leipzig arbeiten darf, ein echter Beweggrund ist, diese Stadt für immer zu meinem Zuhause zu machen.

Gemeinsam macht Jymmin besonders Spaß und fühlt sich tatsächlich fast wie eine Jam-Session mit verschiedenen Musikinstrumenten an.

Hinzu kommt, dass wir unser Unternehmen an diesem Standort mit wenig Geld wahnsinnig weit gebracht haben. Dafür hätte man woanders unverhältnismäßig mehr Mittel benötigt und wahrscheinlich würde einem die Firma schon gar nicht mehr gehören. Wir arbeiten in Sachsen übrigens unter anderem mit der Leipziger Tagesklinik für kognitive Neurologie, dem Verein Mosaik, dem Sächsisches Krankenhaus Arnsdorf und der Uniklinik Dresden zusammen.

Alles über Jymmin hier.

 Fotos©Anne Schwerin