Es ist kurz nach sieben, der moderne Campus des Landesgymnasium Sankt Afra liegt noch ruhig in der Morgensonne. Gleich wird hier das Leben und Lernen erwachen. Reporterin und Fotograf laufen langsam zur Aula. Wir dürfen an diesem Donnerstag Ende April einen Tag in Sankt Afra verbringen und zwei Schülerinnen der achten Klasse, Charlotte und Kira, begleiten. Die beiden kommen zusammen mit uns 7.24 Uhr in der Aula an, hier beginnt 7.25 Uhr der Afra-Tag mit dem Frühkonzil. Nachdem ein Mädchen vier selbst ausgewählte Nachrichten des Tages vorgestellt hat, skizziert ein anderes die Grundsätze der Aussagelogik – ein Thema zwischen Mathematik, Philosophie und Linguistik – das historisch auf Aristoteles zurückgeht. …Um kurz nach halb acht. Das ist Sankt Afra. Die rund 300 Schülerinnen und Schüler sitzen noch ziemlich verschlafen in der Aula, auch Charlotte und Kira. Aufmerksam sind sie trotzdem. 7.40 Uhr ist das Frühkonzil zu Ende und die erste Unterrichtseinheit beginnt. Wir begleiten die beiden Teenager ins Physikzimmer.

Mit ein bisschen Physik kann man Wetten gewinnen

Dort wartet bereits Physiklehrer Otmar Winkler. Agil und engagiert steht der 51-Jährige im roten kurzärmligen T-Shirt vor der Klasse und beginnt mit einem Experiment. Es folgt eine kurze Wiederholung des Stoffes aus der vergangenen Woche, der von einem unangekündigten Test abgelöst wird. Ein kurzes Raunen geht durch die Klasse, danach konzentriertes Arbeiten. 20 Minuten später geht es weiter. Eine Textaufgabe verpackt als Wette für „Wetten dass“, an der die Schüler mit Winklers Hilfe ackern. Schließlich werden die Ergebnisse verglichen und Winkler sagt: „Seht Ihr, mit ein bisschen Physik kann man Wetten gewinnen.“ Reporterin und Fotograf sind inhaltlich zu diesem Zeitpunkt schon ausgestiegen. Zu kompliziert. Zu lange her. Für uns ist nicht zu erkennen, wer nun in der Klasse ein absolutes Physik-Genie ist. Spürbar ist allerdings die besondere Lernatmosphäre. Die Jugendlichen sind aufmerksam, sie arbeiten mit, keiner meckert. Die wollen offenbar wirklich. Und munter sind sie jetzt auch.

Zwei ganz normale, sehr kluge Mädchen

Nach dem ersten Block laufen Schüler und Lehrer zum Frühstück in die Cafeteria. Hier haben wir das erste Mal die Gelegenheit, mit Kira Brendel und Charlotte Sigel zu sprechen. Die beiden Mädchen sitzen zusammen mit ihren Klassenkameradinnen am Tisch, es gibt Brötchen mit Nutella. Kira ist 13 und stammt aus dem Vogtland. Zusammen mit Charlotte lebt sie in einem der modernen zweistöckigen Wohnhäuser, die pro Etage aus vier Zimmern plus Gemeinschaftsraum bestehen. Charlotte stammt aus Dresden und findet „es einfach großartig hier“. Die beiden jungen Mädchen sind unterschiedlich: Kira ein wenig verschlossener mit trockenem Humor, Charlotte sehr offen mit dem Herz auf der Zunge. Gefragt, was sie denn hier am meisten mag, sagt Charlotte: „Och, eigentlich macht mir alles Spaß. Und wenn ich mal zu etwas keinen Bock habe, erledige ich es einfach schnell und kann dann wieder was machen, was mir Spaß macht.“

 Eine Klasse übersprungen und keine Lust auf den Dauerzickenkrieg

Warum seid Ihr denn nach Afra gewechselt? Kira: „Ich habe in der Schule eine Klasse übersprungen, mir fiel das Lernen sehr leicht. Weil ich von dem Dauerzickenkrieg in meiner Klasse genervt war, habe ich mich zusammen mit meinen Eltern umgeschaut, was es sonst noch so gibt. Dann waren wir hier zum Tag der offenen Tür und es hat mir so gut gefallen, dass ich mich beworben habe. Mein Vater hat dann die ganze Zeit gehofft, dass ich nicht angenommen werde, aber es hat geklappt und ich habe mich echt gefreut. Ich fühle mich wirklich wohl hier.“ Ihre Freundin Charlotte hat sich auf Empfehlung ihrer Lehrerin in Sankt Afra beworben. Diese hatte erkannt, dass das Mädchen mehr Wissen als andere Schüler in kürzerer Zeit aufnehmen kann – also überdurchschnittlich begabt ist.

Lehrer in Sankt Afra: Das ist eine Aufgabe, nicht nur ein Job.

Danach geht es für die Mädchen wieder weiter. Der zweite Unterrichtsblock steht an. Wir dürfen den Campus kennenlernen, geführt von Jakob Polak, Geografie- und Geschichtslehrer. Als Mentor ist er zuständig für elf Jungen zwischen 13 und 16 Jahren. Auf dem mediterran anmutenden Gelände leben Lehrer und Schüler gemeinsam. „Das muss man schon mögen“, sagt Polak, „Job und Freizeit gehen da fließend ineinander über. Denn Probleme oder Krisen halten sich eben nicht an offizielle Arbeitszeiten.“ Polak liebt seinen Job und er mag seine Schützlinge. Er begreift seine Arbeit als Chance, Sparringspartner für junge Menschen zu sein, sie zu begleiten, für sie da zu sein. Auch wenn es manchmal anstrengend sei. „Das weiß jeder, der eigene Kinder hat, die durch die Pubertät gehen. Da braucht es klare Regeln, viel Verständnis und Geduld.“

Auch die Eltern müssen es aushalten, ihr Kind im Internat lernen zu lassen

Polak zeigt uns die moderne Sporthalle, in der eine Gruppe Jungen gerade Fußball spielt. Just in dem Moment stürzt ein Junge unglücklich und bleibt am Boden liegen. Wie Polak am Nachmittag erzählt, hat sich der Schüler das Handgelenk gebrochen, muss ins Krankenhaus und operiert werden. Das alles regelt ein Lehrer, die Eltern sind weit weg, sie werden telefonisch informiert. Auch das ist Afra. Als Eltern muss man es aushalten können, in solchen Situationen nicht bei seinem Kind zu sein. „Diesen frühen Ablösungsprozess meistern nicht alle Eltern. Manchmal haben wir hier Kinder, die wegen ihrer Eltern wieder zurück in ihren Heimatort gehen“, erzählt Jakob Polak.

Mittagessen mit System

Inzwischen ist es 13.15 Uhr, die dritte Doppelstunde ist zu Ende – eine Stunde Mittagspause. Auch beim Mittagsessen gibt’s ein System: Wer sich wann anstellt und wer wie zusammensitzt. Die Grundidee ist immer, dass sich die Schüler untereinander helfen, die Älteren die Jüngeren stützen und Gemeinschaft gelebt wird. Zusammen mit Charlotte und Kira haben wir Mittag gegessen und sind danach zu ihrem Haus gegangen. Eigentlich ist jetzt Studienzeit, in der die Schülerinnen und Schüler allein arbeiten. Wir dürfen die Mädchen heute davon abhalten und in dem gemütlichen und hell eingerichteten Gemeinschaftsraum ein wenig ausfragen.

Auf Tuchfühlung mit der Venusfliegenfalle

Die Beiden erzählen uns von den Projekten, die sie schon zusammen gerockt haben. Die Achtklässlerinnen besuchen gemeinsam den naturwissenschaftlichen Vertiefungsunterricht (Additum). Im Fach Biologie untersuchen sie eine fleischfressende Pflanze, die Venusfliegenfalle. Charlotte erzählt, was sie da genau machen: „Wir wollen untersuchen, wie sich die Pflanze schließt, woher sie weiß, ob etwas essbar für sie ist und wie die Verdauung der Venusfliegenfalle funktioniert. Dazu haben wir beobachtet, wie lange die Klappen nach der Nahrungszufuhr geschlossen bleiben und den äußeren Bau unter die Lupe genommen.“ Mit den ersten Ergebnissen haben die Mädchen dieses Jahr aus dem Stand den dritten Platz im Regionalwettbewerb Dresden von „jugend forscht“, einem naturwissenschaftlichen Nachwuchswettbewerb, gewonnen. Im ersten Schulhalbjahr der 8. Klasse haben sie zusammen bei der First Lego League gepunktet. Das ist ein Wettbewerb, bei dem Kinder und Jugendlichen wie echte Ingenieure eine gestellte Aufgabe lösen. In einem Team planen, programmieren und testen sie einen vollautomatischen Roboter aus Legosteinen, der eine knifflige Mission meistern soll. Im Falle von Charlotte und Kira musste der Roboter Müll beiseite räumen und sortieren. Es war knifflig, doch die Mädels fanden eine Lösung. „Eigentlich haben wir die Sache gar nicht so richtig ernst genommen, wir hatten einfach viel Spaß“, grinst Kira. 2. Platz – Bingo.

Ein großartiger Tag an einem besonderen Ort

Und zack ist es viertel vor Vier, die Studienzeit ist vorüber, für die Mädchen steht Vertiefungsunterricht, das so genannte Additum nature, auf dem Plan. Wir laufen gemeinsam zum Schulgebäude, machen einen Abstecher in die wunderschöne Bibliothek in der es herrlich nach Büchern riecht und laufen weiter zum Biologiezimmer. Dort treffen wir Dr. Jens Viehweg, Chemielehrer in Afra. Der studierte Biologe begleitet das Venusfliegenfallenprojekt. Kira und Charlotte ziehen sich ihre weißen Arbeitskittel an, besprechen kurz die nächsten Arbeitsschritte mit ihrem Lehrer und legen los: Venusfliegenfalle füttern. Wir dürfen noch ein paar Fotos machen und verabschieden uns dann voller Eindrücke von einem tollen Tag an einem besonderen Ort.

Für die Mädchen steht nach dem Additum das Abendessen auf dem Plan, danach können sie Sport machen und haben Freizeit. Ab 21.00 Uhr müssen alle zu Hause sein, 21.30 Uhr ist Nachtruhe. „Zumindest machen wir das Licht aus“, lacht Charlotte. Für ein paar Stunden wird es dann still in Sankt Afra.