Dieses Interview ist in Kooperation mit dem Leipziger Lichtfest und Viertelrausch entstanden. Das Lichtfest erinnert jedes Jahr am 9. Oktober an die Friedliche Revolution von 1989.

Nach außen schien es wie eine geschlossene Station für Geschlechtskranke. Doch tausende Frauen wurden in der DDR in diese venerologische Stationen zwangseingewiesen, um sie zu disziplinieren. Sexualisierte Gewalt galt zu DDR-Zeiten scheinbar als Erziehungsmaßnahme. ForscherInnen gehen davon aus, dass bis zur Wende jedes Jahr ungefähr 3000 Mädchen und Frauen aufgrund angeblicher Geschlechtskrankheiten in geschlossene Anstalten eingewiesen wurden, umgangssprachlich Tripperburgen genannt. Krank waren hier aber die Wenigsten. Eine Betroffene hat ihre Erfahrungen mit uns geteilt.

Wie kam es, dass Du in der Einrichtung Tripperburg gelandet bist?

Ich hatte mich damals in jemanden verliebt. Er war etwas älter als ich und mein erster Mann. Zu der Zeit war ich 15 Jahre alt. Er war mit seinen Kollegen auf Montage und musste am nächsten Tag schon nach Leipzig. Er fragte mich dann, ob ich mitkommen möchte, und so bin ich mit ihm nach Leipzig gefahren. Dort hat er mir gestanden, dass er verheiratet ist. So stand ich also in Leipzig – mit Angst nach Hause zu gehen und fünf Mark in der Tasche. Also bin ich da herumgelaufen. Und irgendjemanden hat man immer kennengelernt. Wir hatten alle einen Draht zueinander, wir sogenannten ‚Gammler‘. Acht Tage ging das so, bis ich von der Trapo (Transportpolizei) am Bahnhof aufgriffen wurde. Die haben mich mitgenommen und direkt in die Tripperburg geschafft wegen Herumtreiberei und asozialen Verhaltens.

Was kann man unter ‚Gammlern‘ verstehen?

‚Gammler‘ waren Leute, die nicht in das Schema des Sozialismus gepasst haben. Dabei hat es schon gereicht, lange Haare zu haben oder Jeans zu tragen. Du warst ein ‚Gammler‘, wenn du anders warst und anders aussahst. Asozial war ja damals eine Bezeichnung für fast alles, wenn du nicht mit dem Strom geschwommen bist.

Wie war das für Dich, als Du von der Trapo aufgegriffen wurdest?

Ich hatte Angst. Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt und es hat auch niemand darüber geredet. Ich sah auf dem Flur eine alte Frau mit langen weißen Haaren langlaufen und habe mich gefragt, wo ich gelandet bin. Da waren Gitter und ich dachte, ich wäre im Knast. Ich musste mich ausziehen und duschen und dann ging es auch schon auf den gynäkologischen Stuhl. Die Untersuchenden waren nicht zimperlich und ich hatte den Eindruck dass man bewußt quält.Die Schwester fuhr mich auch noch an. Ich musste jeden Morgen dort hin. Ich habe einen roten Kittel bekommen, so eine Art Anstaltskleidung. Und von da an war es jeden Morgen dieselbe Prozedur. Um herauszufinden, ob man nun geschlechtskrank war oder nicht, gab es sogenannte Fieberspritzen, auch als Provokationsspritzen bekannt. Ich habe fünf Einleitungen und auch Tabletten gekriegt. So stand es in meiner Akte die ich angefordert habe. Ich weiß noch, dass es mir davon wirklich schlecht ging und ich mich danach aufs Bett legen durfte. Aber man sprach nicht mit mir, was man so macht. Das Ganze ging vier Wochen lang so. Vor den Fenstern waren Gitter und du hast da den ganzen Tag rumgegammelt. Die Schwester Margarethe schrieb, ich sei anständig und fleißig gewesen, aber ich bilde mir ein, ich habe da rein gar nichts gemacht. Ich saß immer auf dem Fensterbrett und habe vor mich hin geschaut. Meine Mutter hat mich nach den vier Wochen dann abgeholt. Ich habe aber nie dort erfahren, ob ich geschlechtskrank war oder nicht. Ich war nicht geschlechtskrank, das weiß ich heute, so stand es in meiner Akte.

Du meintest, Du durftest Dich nach den Fieberspritzen aufs Bett legen. Durftet Ihr das sonst nicht?

Nein. Da gab es strenge Regeln. Das war wie im Knast, Du konntest auch nicht raus, alles war abgeschlossen mit Gittern vor den Fenstern.  Es gab einen Schlafsaal, da musstest du dein Bett ordentlich verlassen und dann ging es in den Aufenthaltsraum. Ich habe diese Spritzen und zusätzlich Tabletten als Provokationen bekommen, damit die Geschlechtskrankheiten herauskommen. Aber das war eine reine Erziehungssache dort. Man wollte dich beugen. Das hat man bei mir auch teilweise geschafft. Wenn du als Jugendliche dort eingesperrt bist und nichts machen kannst, dann nimmst du dich zusammen, um nicht noch einmal dort zu landen. Das sollte einen erzieherischen Effekt haben. Deshalb hat man das gemacht, komischerweise aber nur mit Frauen. Männer konnten im Anschluss an ihre Behandlung wieder gehen das weiß ich heute, warum?

Wie ist unter diesen Umständen Dein Frauenbild von der DDR?

Fürchterlich. Wenn du mit dem Strom geschwommen bist, hattest du eine gute Karriere. Wenn du dem Frauenbild entsprachst und in der Partei warst, hattest du ideale Verhältnisse. Aber ich habe damals in Vollzeit gearbeitet und wollte verkürzt arbeiten, als meine Tochter in die Schule kam um für sie in der ersten Zeit da zu sein. Das ging aber nicht. Erst nach einem Betriebswechsel war dies möglich. Ich war in keiner Partei und habe auch nichts unterschrieben, aber dafür kann ich heute in den Spiegel gucken. Und ich bin trotzdem durchs Leben gekommen, zwar immer auf der unteren Ebene, aber das war mir egal. Ich bin meinen Weg gegangen, musste dafür aber Stärke zeigen. Entweder du kämpfst und bleibst oben oder du bist eben nicht so willensstark.

Nochmal zurück zu dem Tag, als Du in die Tripperburg gebracht wurdest. Was dachtest Du, wo Du hingebracht worden bist?

Verstanden habe ich gar nichts. Ich habe es einfach gemacht, ganz mechanisch. Ich dachte, das wäre meine Strafe dafür, dass ich mich herumgetrieben und asozial verhalten habe. Ich habe mich der Sache hingegeben und mich angepasst. Aber ich wusste nie, wie es weitergeht. Man hat mir nicht gesagt, du bleibst jetzt hier für vier Wochen. Ich habe dann eine Frau gefragt, wo ich bin, und die sagte dann: „Du bist jetzt hier auf der Tripperburg.“ Eine Frau kam völlig aufgelöst in den Raum und meinte, sie wäre gekippt. Ich musste erst einmal nachfragen, was das bedeutet. Es bedeutet, dass bei ihr eine Geschlechtskrankheit ausgebrochen war. Aber ich war nicht die Jüngste, da gab es noch Jüngere, die waren vielleicht 12. Ich war auch noch mitten in der Entwicklung und fühlte mich total unverstanden und zerrissen. Und so bin ich dort im Strom mit geschwommen, um einfach diese Zeit dort zu überleben. Jeden Morgen bin ich zur Untersuchung angetreten und sagte mir, ich müsse lockerlassen, damit es nicht so schmerzt. Das waren meine Gedankengänge damals mit 15 Jahren. Im Nachhinein ist mir bewusst, wie ich dadurch gelitten habe.

Wann hast Du festgestellt, dass das, was dort geschah, nicht richtig war?

Das habe ich von Anfang an gedacht. Ich wusste, was die hier machen, kann nicht normal sein. Aber was sollte ich machen? Ich habe es dann einfach so hingenommen. Hätte ich mich gewehrt, wäre das vielleicht noch ganz anders ausgegangen und sicher nicht gut. Das war dort schlimmer als im Jugendwerkhof. Du warst auf dieser Station völlig isoliert und ausgeliefert. Man hat versucht, dich dort mürbe zu machen!

Wie lange haben die Untersuchungen gedauert?

Das ging ruck, zuck. Das hat nicht länger als zwei Minuten gedauert. Man war nicht zimperlich!

Wann hast Du deinen Kampfgeist entdeckt und Dich dazu entschieden einen Antrag auf Rehabilitation zu stellen?

Meinen Kampfesgeist musste ich dann nach Thonberg im Jugendwerkhof entwickeln. Und Ich wurde noch kämpferischer, als ich meine Tochter zur Welt gebracht habe. Ich musste damals kämpfen, denn mein erster Mann, war zu der Zeit ständig unterwegs und nie für uns da. Das Kind gab mir die Kraft, zu kämpfen. Es gab Situationen, da dachte ich, wenn ich das Kind nicht hätte, würde ich mich jetzt aus dem Fenster stürzen. Da war ich 21 und niemand an meiner Seite und ich völlig überfordert und allein gelassen. Zuerst wollte ich diesen Antrag überhaupt nicht machen und wollte mich damit auch nicht beschäftigen. Ich habe mich vorerst im Internet informiert. Mein Mann wusste das alles gar nicht. Ich musste Unterlagen einreichen und habe aus einem Fond Geld bekommen. Das hat mich sehr viel Überwindung gekostet und ich habe beim Telefonat mit der zuständigen Bearbeiterin sehr geweint. Das hatte natürlich an mir genagt die ganzen Jahre. Zuerst wurde mein Antrag auf Rehabilitation abgeschmettert. Ich habe es dann noch einmal probiert. Insgesamt hat es mich drei Anläufe gekostet und danach wollte ich es aufgeben. Dann wurde mir eine gute Anwältin empfohlen. Und die Anwältin hat das für mich durchgeboxt am Oberlandesgericht in Dresden. Ohne diese Frau wäre mir das nicht gelungen. Ich hätte mich ja nicht an einen alten DDR-Rechtsanwalt wenden können, da ich ja nicht wusste wie er zu dieser Situation steht. Aber das Geld ist zweitrangig, der Mensch dem dieses Unrecht widerfuhr ist rehabilitiert und das zählt erstens..!

Eine der sogenannten "Tripperburgen" in Leipzig Thonberg.

Eine der sogenannten ‚Tripperburgen‘ in Leipzig Thonberg.

Stehst Du in Kontakt mit anderen Frauen, die auch dort waren?

Nein. Ich wurde gefragt, ob ich in einen Verein eintreten möchte, aber das mache ich nicht. Ich wollte zwar meine Aufarbeitung, aber ich will nicht ständig an dieses Thema erinnert werden. Dieses Interview hier ist noch eine Ausnahme, aber ansonsten wühlt mich das immer noch zu sehr auf. Ich muss Ruhe finden.

Wie war damals das Verhältnis unter den Frauen, die dort waren?

Jede war sich selbst die Nächste. Da musste jede für sich kämpfen. Wenn es gegen irgendwelche Erzieher ging, waren wir uns schon einig, aber ansonsten musste jede sehen, wo sie blieb. Zusammenhalt gab es wirklich nur, wenn es gegen die Erzieher ging. Dafür waren wir auch alle viel zu unterschiedlich. Es gab mal ein, zwei Frauen, mit denen man sich näher unterhalten hat und auf einer Wellenlänge war, aber ansonsten waren wir Frauen unterschiedlicher Klassen und unterschiedlichen Alters.

Wie hat Deine Mutter erfahren, dass Du dort warst?

Sie wurde von der Jugendhilfe des Kreises Karl-Marx-Stadt informiert und gebeten mich abzuholen. Das rechne ich meiner Mutter bis heute hoch an, dass sie mich abgeholt hat. Sie hat zu mir gehalten. Ich war sehr froh, sie zu sehen. Und ich war froh, dass ich endlich da raus kam. Ich habe mit ihr aber nie richtig über meine Erlebnisse dort gesprochen. Das wollte gar keiner wissen. Meine Eltern haben sich dafür eher geschämt. Sie waren spießig. Schon in meiner Schulzeit meinte meine Mutter zu mir, ich solle später mal Stewardess werden, weil das immer ihr Traum war. Das waren ihre Ideale, in die ich nicht mehr hineinpasste.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe meine 10. Klasse gemacht . Und von der Jugendhilfe kam dann die Verfügung , dass ich aufgrund meines Lebenswandels einer sozialistischen Persönlichkeit nicht entspreche und ich trotz Psychopharmaka nicht diesen Weg eingeschlagen habe. So wurde verfügt, dass ich in den Jugendwerkhof zur Umerziehung komme. Meine Mutter musste das unterschreiben und dafür zahlen. Ich kann meine Mutter heute verstehen. Sie war sicher froh, dass zuhause Ruhe einkehrte.

Was bedeutete für Dich damals Freiheit?

Freiheit bedeutete für mich nicht, mit irgendwelchen Männern zu schlafen. Freiheit bedeutete für mich, frei ohne Doktrin zu leben, Musik, die ich wollte zu hören, mich zu kleiden, wie ich das wollte, eben frei zu sein. Ich war damals oft in der Bücherei und habe viel gelesen. Meine Mutter wollte mich überreden, doch lieber Fernsehen zu schauen. Die haben mich nicht verstanden. Zu der Zeit 1968/69 kam eben dieser gesellschaftliche Umbruch, denke ich. Ich musste damals vom Fahnenappell nach Hause, weil ich eine Jeans anhatte. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen.

Wie sah Deine Situation zur Wendezeit aus?

Zur Wendezeit habe ich in der Verwaltung in einem Betrieb gearbeitet. Im September 1989 habe ich begonnen mich in einem Forum zu engagieren, als ich in der Zeitung las, dass Leute nach Ungarn und in die Tschechei geschleust wurden. Das war mir zu viel, die haben doch gedacht man ist doof…! Da musste etwas passieren…

Was bedeutete für Dich der Mauerfall?

Viel. Viele sagen, dass es schön war in der DDR und vor allem der Zusammenhalt. Der Zusammenhalt war da, weil wir alle gleich waren. Es ist ja klar, dass der Zusammenhalt schwindet, wenn sich jeder weiterentwickeln kann oder auch nicht. Aber das ist kein Grund, den alten Zeiten hinterher zu trauern. Jedenfalls tue ich das nicht. Ich war damals und bin auch heute noch froh, dass die Wende gekommen ist, trotz aller Begleiterscheinungen. Wenn die Leute dachten, die kriegen die D-Mark und ansonsten bleibt alles beim Alten, dann tut mir das leid. Sicher gibt es Leute, die früher auf der Sonnenseite standen und heute vielleicht im Regen…! Aber was wir heute sagen können, dafür biste früher abgewandert..!

Das diesjährige Motto des Lichtfestes lautet „ich. die. wir.“. Wer war das damals für Dich, als Du in der Tripperburg warst?

‚Ich‘ war ich, ‚die‘ war der Staat bzw. die Vertreter des Staates. Das waren für mich die ausführenden Organe. Und ‚wir‘ waren die Frauen dort, obwohl wir unterschiedliche Auffassungen hatten, aber ein gemeinsames Schicksal. Heute sind ‚die‘ für mich die Menschen die der Vergangenheit nachtrauern und ‚wir‘ sind immer noch die Frauen, die  sich ihrer Vergangenheit stellen. Heute bin ‚ich‘ eine ältere Frau, die viel erlebt hat, Höhen und Tiefen, aber die Gott immer gehalten hat und dafür bin ich dankbar.

Möchtest Du noch etwas sagen?

Ich hab dieses Interview hier gemacht, damit die betroffenen Frauen sich angesprochen fühlen und sich vielleicht melden. Sie können gern anrufen und ich vermittle ihnen die Anwältin, damit diese Frauen endlich zu ihrem Recht kommen oder einfach darüber reden, denn das reinigt die Seele. Ich weiß, es gibt viele, die darüber nicht reden können oder es aus Scham verdrängen.

Hast Du ein paar ermutigende Worte für diese Frauen?

Sie sollten sich der Vergangenheit stellen. Ich weiß, dass das schwer fällt, weil uns eingetrichtert wurde, wir wären Asoziale, aber so war es nicht. Das System hat uns diesen Stempel aufgedrückt, weil wir nicht systemtreu funktionierten.

Was gibt Dir Stabilität und Halt?

Meine Familie. Mein Mann er hat mir immer den Rücken gestärkt. Meine Familie ist mein Halt.

Wie leidest Du heute noch unter den Erlebnissen?

Ich hatte keine Jugend und besitze auch wenige Bilder aus meiner Jugendzeit. Von 15 bis 18 war ich quasi verschwunden. Das war die Zeit, wo meine Jugend stehenblieb. Ich war früher Fan von Che Guevara und habe mir deshalb dieses Jahr den Traum erfüllt allein nach Kuba zu reisen. Es war mir auch wichtig, das alleine zu tun nur für mich und mit mir!

Was würdest Du Jugendlichen heute mit auf den Weg geben wollen?

In der heutigen Zeit steht den jungen Menschen alles offen. Heutzutage hat man Organisationen und Vereine, an die man sich wenden kann, wenn man Rat und Hilfe braucht und es einem schlecht geht. Die jungen Leute sollten diese Freiheit nutzen. Ich hätte mir das damals gewünscht, dass es solche Einrichtungen gibt, an die man sich wenden kann, da wäre mir Vieles erspart geblieben.

Vervollständige bitte folgende Sätze:

  1. Meine Träume … lebe ich heute.
  2. Mit Leipzig … verbinde ich gemischte Gefühle.
  3. Mein Leben … war eine Berg- und Talfahrt, woraus ich allerdings viel gelernt habe und nach jeder Talfahrt gestärkt hervorgegangen bin.

Auf Wunsch der Interviewten wurde im Interview der Name Christina als Pseudonym verwendet.