Wer Integration wirklich will, muss sein Haus öffnen. Im übertragenen Sinne – indem er sich einlässt auf Neues, andere Menschen sowie fremde Sicht- und Lebensweisen. Und ganz praktisch, indem er beispielsweise mit Flüchtlingskindern und deutschen Kindern zusammen kocht.

Silvia Stumpf und ihr Mann haben ihr Herz geöffnet. Und ihr Haus. Gemeinsam mit 50 anderen Stolpenern engagieren sich die Stumpfs, beide Wissenschaftler, seit einem Jahr im Willkommensbündnis – eine private Initiative, die Flüchtlingen das Ankommen in Deutschland erleichtern will. Zupackend, mit Herz und ohne großes Getöse. Einfach so. Bei gemeinsamen Kochabenden mit Flüchtlingskindern und deutschen Kindern beispielsweise. Oder im Sommer, als Silvia Stumpf mit einigen Mitstreitern aus dem Willkommensbündnis für deutsche Kinder aus sozial schwachen Familien und für Flüchtlingskinder Skateboards organisierte. Ihnen war aufgefallen, dass die Kinder in der Flüchtlingsunterkunft wenig Bewegung bekamen. „So geht sächsisch“ und andere Partner hatten ihr Engagement unterstützt, die Boards gesponsert und einen Crashkurs für deutsche und ausländische Kinder organisiert. Hier hatten wir darüber berichtet.

Seitdem haben die Kinder die Boards ordentlich genutzt, man sieht es ihnen an.

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Dem Crashkurs folgten weitere Ausflüge nach Dresden. Es gab ein Spätsommer-Grillfest, zu dem auch die Eltern der Kinder kamen. Nun, im Herbst, haben die Stumpfs zum Kochen mit den Kindern eingeladen. Selbstverständlich ist für Silvia Stumpf auch an diesem Nachmittag, dass nicht „nur“ Flüchtlingskinder, sondern auch Freunde und Nachbarskinder da sind. „Kinder sind sehr unkompliziert – ob beim Skaten, Spielen oder Kochen, da passiert Integration von ganz allein“, so die 40-Jährige.

Und so treffen sich an einem Samstag 16 Stolpener und Neustolpener zum „Kinder-Kochen“. Als Erste trifft Gerda Tuschling ein. Sie ist mit ihrem Mann ebenfalls im Willkommensbündnis engagiert. Danach klingelt es gleich wieder und Sahen (5), Helian (9), Khattab (12) und Ayman (8) stehen vor der Tür, außerdem eine Freundin der Familie mit ihren Kids sowie eine Nachbarin mit ihrer kleinen Tochter. Das Haus der Stumpfs, es füllt sich mit Kinderlachen, Lärm und ein bisschen Chaos. So, wie das eben ist mit Kindern.

Selbst gemachte Pizza soll es geben, danach Apfelmus mit Vanilleeis – natürlich auch selbst gekocht.

Während die Großen sofort begeistert helfen, Gemüse schnippeln und die Pizza belegen, wuseln die Kleineren in der Spielecke.

Das örtliche Döner- und Kebabhaus hat den Hefeteig gesponsert, Freundin und Nachbarin steuern einen Teil der Zutaten bei, den Rest bezahlen die Stumpfs aus eigener Tasche. Gerda Tuschling sitzt neben Helian und hilft ihr beim Gemüseschneiden.

Sie erzählt, wie es den Familien der Kinder seit dem Sommer ergangen ist. Ein Mädchen ist mit ihrer Mutter zurück in den Irak gereist. Die Mama von Sahen und Helian hat ihr drittes Kind gesund entbunden. Zusammen mit einer anderen Familie haben sie den sogenannten Anerkennungsstatus als Flüchtlinge. Die fitte 70-Jährige erzählt fernab jeglicher Sozialromantik, wie die vergangenen Monate waren, dass die Unterstützung manchmal anstrengend ist, dass die Sprachbarriere nervt und eben immer wieder Kulturen aufeinanderprallen. So ist das eben. „Manchmal brauche ich auch ein paar Tage Ruhe und muss Kraft schöpfen. Doch dann geht’s wieder“, sagt sie.

Nun sind die ersten Pizzen im Ofen. Die Kinder stürmen raus und skaten eine Runde vor dem Haus.

Die Nachbarn gucken, was denn da los ist – logisch in so einer kleinen Stadt – und grüßen freundlich. „Pizza ist fertig!“, ruft es von drinnen und alle rennen rein und setzen sich um den großen Tisch. „Hhhhm, lecker“, sagt der 12-jährige Khattab begeistert und lässt sich seine selbst gemachte Pizza schmecken.

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Auch den anderen Kindern schmeckt es, alle reden durcheinander – was für ein leckerer und wilder Kindernachmittag!

Bald wird Khattab mit seiner Familie umziehen in eine eigene Wohnung. Seine Eltern haben sich entschieden, aus Stolpen wegzuziehen. Dass sie diesen Schritt wagen wollen, ist auch ein Verdienst der aktiven Truppe des Willkommensbündnisses. Es bedeutet nämlich, dass die Familie es sich zutraut, es allein zu schaffen.

Khattab freut sich darauf. Und sein Skateboard kommt natürlich mit.