Die Winzer Martin Schwarz und Matthias Schuh haben eigene Handschriften. Sie eint die Suche nach Perfektion. Und die Nachbarschaft am Meißner Kapitelberg, eine der besten Weinlagen in Sachsen.

Martin Schwarz und Matthias Schuh sind Nachbarn, ihre Weinhänge am Meißner Kapitelberg grenzen aneinander. Oft sehen sie ihre Arbeit im Spiegelbild – zwei Winzer, die vom Morgengrauen bis zur Dämmerung schwer schuften, gerade jetzt in der Saison. Eigentlich ist kaum Zeit, um miteinander entspannt ein Glas Wein zu trinken, aber manchmal müssen solche Auszeiten sein. An einem perfekten Nachmittag sitzen sie im Grün des Weinbergs, auf einer knorrigen Holzbank, angelehnt an eine alte Steinmauer. Strahlender Sonnenschein, hellblauer Himmel, die beiden genießen die Aussicht hinüber zum Meißner Burgberg, die Hügel mit Weinreben, die sich unter ihnen ausbreiten. Und die Flasche Weißburgunder, die sie sich teilen.

Die beiden Winzer schätzen sich. Sie beobachten sich, den Werdegang des anderen – mit großem Respekt. „Wir helfen uns auch mal, wenn es Probleme im Weinberg gibt“, sagt Martin Schwarz. „Aber jeder hat seine Handschrift, seinen eigenen Stil.“ In manchen Punkten sind sie vollkommen unterschiedlich, und doch einen sie viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel der Meißner Kapitelberg, diese Arbeitsgrundlage kennen beide bis ins letzte Detail. Einer der besten Lagen in Sachsen, hier sind schon viele Spitzenweine entstanden, auch von Schuh und Schwarz. Granitböden mit hohen Verwitterungsanteilen sorgen für besondere Aromen. Außerdem das typische „Cool Climate“ in den Steillagen am Elbufer, mit raschen Temperaturwechseln zwischen kühlen Nächten und warmen Tagen. „Unter diesen Bedingungen gelingen sehr klar strukturierte, lebendige Weine, die nie zu schwer sind“, sagt Martin Schwarz. Für beide ist der Weinberg ein wichtiges Fundament. „Der Wein entsteht am Rebstock. Wenn man im Weinberg vieles richtig gemacht hat, ist das eine gute Voraussetzung. Man kann und sollte im Keller nicht mehr so viel reparieren“, sagt Matthias Schuh. Sein Kollege stimmt zu: „Im Keller muss man auch sorgfältig arbeiten, aber ohne zu viel Schnickschnack.“

Prüfen der Traubenqualität: Martin Schwarz und Matthias Schuh

Martin Schwarz (li.) und Matthias Schuh begutachten den Reifestand ihrer Reben.

Hohe Qualität streben beide an. Das ist ihr Markenzeichen, damit haben sie sich einen Namen gemacht. Der 30-jährige Matthias Schuh als junges Talent mit vielversprechender Entwicklung. Und der 55-jährige Martin Schwarz als Perfektionist, der schon lange als sächsischer Edelwinzer gilt. Ist Wein ihre Bestimmung? Zuerst sah es gar nicht danach aus, stellen sie vergnügt beim Plausch fest. Beide hatten sich zunächst für technische Laufbahnen interessiert, nicht für Handarbeit an der frischen Luft.

Wein statt Elektrotechnik: Martin Schwarz folgte seiner Leidenschaft.

Martin Schwarz studierte Elektrotechnik, brach aber kurz vor dem Diplom ab und wurde Winzer.

Martin Schwarz stammt aus Kassel und studierte dort Elektrotechnik. Erfüllung fand er nicht und brach kurz vor dem Diplom ab. Die Krise führte ihn zu seiner eigentlichen Leidenschaft: Wein. Es folgte ein Praktikum auf einem Gut in Baden, um sicher zu sein, danach studierte er Weinbau und Önologie in Geisenheim. Als fertiger Ingenieur las Schwarz Mitte der 90er Jahre eine vielversprechende Anzeige: Auf dem Weingut Schloss Proschwitz, das damals vom Prinzen zur Lippe aufgebaut wurde, suchte man so einen Spezialisten wie ihn. 16 Jahre war Martin Schwarz Kellermeister in Proschwitz, bekam viele Gelegenheiten, zu experimentieren, und prägte die ausgezeichneten Produkte mit. „Ich habe viel gelernt in dieser Zeit“, sagt er. „Zugleich ist der Plan gereift, mir etwas Eigenes aufzubauen.“ 2013 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und bewirtschaftet heute Flächen von insgesamt gut zwei Hektar. Immer an seiner Seite ist seine Lebensgefährtin Grit Geißler, beide verbindet die Suche nach kompromissloser Qualität, sowohl im Weinberg als auch in der Kelterei. Dort reift die Ernte in neuen und alten Barriquefässern. Schwarz setzt konsequent auf Holz. Seine Aromen kennt man mittlerweile in der obersten Winzer-Liga, in Fachkreisen, etwa vom Gault Millau, wird er regelmäßig für seine Weine prämiert und gelobt, mal für „den perfekten Holzeinsatz seiner Burgunder“, mal für „seinen Chardonnay, der zu den Besten aus Sachsen im Jahrgang 2016 gehört“.

Von Trier nach Sachsen.

Als Sprössling einer Winzerfamilie stand für Matthias Schuh recht bald fest, was seine wahre Bestimmung ist.

Matthias Schuh dagegen ist unter Winzern groß geworden. Seine Familie stammt aus Trier und kam kurz nach dem Mauerfall nach Sachsen, kaufte einen Dreiseitenhof in der Nähe von Meißen und baute ihn aus. Der Winzersohn, der von klein auf zwischen Reben stand, wollte die Tradition zuerst gar nicht aufnehmen. „Ein Informatikstudium war eigentlich meine erste Wahl, das hätte ich mir gut vorstellen können“, erzählt er. Dann bog Matthias Schuh doch noch in den Familienberuf ab, zog dafür aber erst mal in die Ferne, ließ sich auf einem Winzerhof in Franken ausbilden und schaute sich im Ausland um, bevor er nach Sachsen zurückkehrte. „Heute kann ich mir keinen anderen Beruf vorstellen“, sagt er. 2016 übergab Schuhsenior den Weinbau an seine beiden Kinder. Die Tochter Katharina Pollmer kümmert sich auf dem Hof um alles Organisatorische, ihr Bruder Matthias Schuh ist für den Wein zuständig.

Der Ausblick vom Weingut Schuh ins Elbtal.

Lädt zum Träumen ein: Der Blick vom Weingut herunter ins Tal.

Schon jetzt haben sie dem Familiennamen eine neue, lässige Frische verpasst und Auszeichnungen bekommen. Erst kürzlich wurde Matthias Schuh vom Weinmagazin „Vinum“ unter die besten 25 Nachwuchswinzer gewählt, als einziger Vertreter aus Sachsen. Auch das Journal „Falstaff“ stellt ihn 2018 als bemerkenswerten Newcomer vor, schwärmt unter anderem von seinem „Riesling mit Spiel und Mineralität“ und seinem „Grauburgunder aus dem Holzfass, der Fülle und Spannkraft zusammenbringt“. Ein Ansporn, aber die Schuhs sind noch am Anfang mit vielen Ideen. Wenn der junge Winzer von seinen Plänen erzählt, geht es viel um nachhaltige Bewirtschaftung und Schonung von Ressourcen. Um maximale Anforderungen an sich selbst und die Qualität der Weine, aber immer auch um Zeit für Genuss. Winzer haben selten Urlaub, aber wenn, dann verbringen ihn Matthias Schuh und Martin Schwarz höchst unterschiedlich – auch das stellen sie bei ihrem Treffen fest. „Wenn wir mal ein paar Tage frei haben, fahren wir immer in eine Weinbauregion“, sagt Martin Schwarz. „Diese Kultur, diese Lebensart fasziniert mich auch im Urlaub.“ Nein, das könne er sich nicht vorstellen, sagt Matthias Schuh und schüttelt den Kopf. „Es muss nicht immer und überall Wein sein. Ich trinke zwischendurch auch gern mal ein Bier.“

Mein besonderer Gegenstand – Matthias Schuh:

Das Kellerbuch der Familie Schuh.

Ein Sanktum für Matthias Schuh: Das Kellerbuch seines Großvaters aus dem Jahr 1920.

„Das Kellerbuch von meinem Großvater aus dem Jahr 1920 liegt bei uns zu Hause in der Vitrine. Es ist eine Art Familienschatz und steht für die lange Winzergeschichte unserer Familie, die in Trier wurzelt. Ich kann nicht alles entziffern, aber man sieht in dem Buch, welchen Wein mein Opa damals für wen produziert hat. Es gibt zwar immer mal Trends unter Winzern, aber so viel hat sich an unserem Beruf nicht verändert.“

Mein besonderer Gegenstand – Martin Schwarz:

Die Muschel ist das Erkennungssymbol der Weinflaschen von Martin Schwarz.

Dieser versteinerte Muscheleinschluss inspirierte Martin Schwarz zum Logo auf seinen Weinflaschen.

„Den Stein habe ich in Merbitz gefunden, dort bearbeite ich auch eine Weinfläche. Er hat einen interessanten Muscheleinschluss im Kalk. Für mich ist er ein Symbol für vieles: Für das Granitgestein, auf dem wir arbeiten, ein prägendes Element für den Wein. Für die aufwendigen Trockenmauern, die in den Steillagen stehen. Und für die steinerne Schnecke, die das Logo auf meinen Weinetiketten ist.“

Text: in Kooperation mit Frankfurter Allgemeine Zeitung

Fotos: Franz Grünewald