Karl Friedrich Aust und Klaus Zimmerling sind Freunde seit der ersten Winzerstunde

Klaus Zimmerling und Karl Friedrich Aust haben in den 90er-Jahren als Winzer angefangen und erfolgreiche Weingüter aufgebaut. Sie eint noch immer vieles, auch die Liebe zur Region. 

Einen Vorteil hat es, in einem der kleinsten Anbaugebiete Deutschlands hauptberuflich Winzer zu sein: Auf der Sächsischen Weinstraße zwischen Diesbar-Seußlitz und Pillnitz kennt jeder jeden. Einige Anbauflächen sind ein paar Dutzend Kilometer voneinander entfernt, aber das Verhältnis unter den meisten Winzern ist mindestens nachbarschaftlich. Manche sind schon lange befreundet, so wie Karl Friedrich Aust und Klaus Zimmerling. Beide treffen sich meist nur ein paarmal im Jahr, mehr Zeit bleibt neben der Arbeit nicht, aber wenn, dann wird schnell gefachsimpelt. Auch an diesem Vormittag, Karl Friedrich Aust besucht mal wieder seinen Kollegen Zimmerling in Pillnitz, und schnell purzeln Fragen hin und her. Welche Rebsorten hast du frisch gepflanzt? Bist du zufrieden mit der neuen Bewässerungsanlage? Wie schmecken die neuesten Weine? Letzteres wird im kühlen Keller erörtert, in Zimmerlings Genuss-Zentrum. Er steigt auf eines der riesigen Weinfässer und füllt für seinen Gast ein Glas Rosé ab, neuestes Sortiment. Karl Friedrich Aust ist begeistert: „Man kann fast blind in ein Glas hineinriechen und erkennt sofort einen Zimmerling-Wein.“

Blick vom Weinhang herunter ins Tal

Die Arbeit eines Winzers ist hart. Doch dieser Blick entschädigt so einiges.

Inzwischen sind beide angesehene Winzer: Der 40-jährige Karl-Friedrich Aust hat das elterliche Weingut in der Radebeuler Oberlößnitz, direkt unterhalb des Bismarckturms, wiederaufgebaut und bewirtschaftet es erfolgreich. Klaus Zimmerling, 58 Jahre, produziert auf seinem Pillnitzer Winzerhof preisgekrönte Weine. Sie tauschen sich regelmäßig als Kollegen aus. „Man redet über Probleme im Weinberg. Oder fragt sich während der Lese, ob man die Trauben noch ein bisschen hängen lässt oder schon erntet“, erzählt Zimmerling. „Dieser Punkt ist für jeden Winzer wichtig“, sagt Aust. „Da geht es um das ganz individuelle Zusammenspiel zwischen rationaler Ertragssicherheit und Risiko, um die bestmögliche Qualität zu bekommen.“

Oft geht es bei ihren Treffen auch um Erinnerungen, denn sie kennen sich aus der Zeit, als Anfang der 90er-Jahre in Ostdeutschland vieles im Umbruch war, auch im Weinbau. „Ich habe schönste Erinnerungen daran, es herrschte Aufbruchstimmung“, sagt Klaus Zimmerling. Für Karl Friedrich Aust waren es ebenfalls markante Jahre: „Eine gigantische Zeit der Freiheit. Man hatte das Gefühl, alles ist möglich.“ Mit dieser Dynamik starteten sie damals.

Auch wenn sie sich nur wenige Male im Jahr treffen: Eine Weinprobe muss immer drin sein.

Klaus Zimmerling (li.) und Karl Friedrich Aust probieren ihre Eigenproduktionen.

Karl Friedrich Aust ist in Radebeul zwischen Weinreben groß geworden. Seine Eltern hatten am familiären Gut schon einiges saniert, aber es war längst noch nicht das prächtige Anwesen, zu dem es Karl Friedrich Aust heute wieder gemacht hat. Die Weinhänge hinter dem Haus waren zu DDR-Zeiten weitestgehend verpachtet, nur ein schmaler Streifen blieb für den Eigenbedarf. Aber in alldem lag Potential. „Ich wollte diesen Ort wieder mit Energie füllen, das Familienerbe neu beleben“, sagt Aust. Er begann in den Steilterrassen einen Quadratmeter nach dem anderen zu sanieren und immer mehr Weinflächen zu bewirtschaften. Heute sind es insgesamt sechs Hektar, verteilt auf drei verschiedene Lagen, darunter typisch sächsische Weißweinböden mit hohen mineralischen Anteilen.

Aust hat inzwischen aber auch hervorragende Spätburgunder im Sortiment. Zu den Steilterrassen gehören bei ihm, wie bei vielen Kollegen, unzählige Trockenmauern. Ein wichtiger Faktor im regionalen Weinbau, die Mauern dienen als Wärmespeicher und für die Befestigung der Hänge. Im Laufe der Jahre hat Karl Friedrich Aust viele hundert Meter sanieren lassen, ein teures und aufwendiges Verfahren, die letzten Mauern auf seinem elterlichen Weinberg sollen in diesem Sommer fertig werden. Nebenbei hat er sein Gut in einen Genuss-Treffpunkt verwandelt. „Mit Hang zur Lebensfreude“ ist das Motto seines Hauses. Hier trifft man sich zu Konzerten, bei Künstlergesprächen, beim Essen im hauseigenen Restaurant. Aust ist ein akribischer Winzer, zugleich steckt in ihm eine Künstlerseele. In seinem Keller steht neben den Holzfässern eine Musikanlage. Manchmal sitzt er dort unten und hört Klassik – zusammen mit seinen Weinen.

Sächsisch-Mediterran: Das Weingut Zimmerling

Ist das noch Sachsen? Absolut! Der Eingang zum Weinkeller der Familie Zimmerling.

Auch Klaus Zimmerling ist mit der Kunst verbunden. Sein Hof ist einer von zwei sächsischen VDP-Prädikatsweingütern, seine charakterstarken, vollmundigen Weißweine gehören zu den Spitzenprodukten in Sachsen. Die vier Hektar direkt hinter dem Gut, Steillagen auf verwittertem Granit, die zum Pillnitzer Königlichen Weinberg gehören, bewirtschaftet Zimmerling mit absoluter Perfektion und Risikobereitschaft. Immer wartet er auf den optimalen Moment zur Lese, wacht manchmal Stunde um Stunde über die Werte in den Trauben. „Das hat schon mit einem gewissen Wahnsinn zu tun“, sagt er. „Dann steht man eben auch mal um drei nachts an der Presse, weil genau das der beste Augenblick ist.“

Auf dem Pillnitzer Weingut arbeitet Zimmerling im Team mit seiner Frau Malgorzata Chodakowska, die als Künstlerin ebenfalls erfolgreich ist. Bekannt wurde sie mit Skulpturen, filigranen Frauenkörpern, aus Holz und bronzenen Brunnen-Gestalten. Fotos ihrer Werke sind seit Jahren das Markenzeichen auf den Weinetiketten von Klaus Zimmerling – ein zweifaches Gütesiegel für Kunst und Wein.

Malgorzata Chodakowska ist bekannt für ihre Brunnenfiguren

Zimmerlings Frau ist die Bildhauerin Malgorzata Chodakowska. Auf dem Weingut finden sich viele ihrer Werke.

„Wir Winzer haben ganz verschiedene Mentalitäten“, sagt sein Kollege Karl Friedrich Aust. „Es existiert nicht nur eine Wahrheit, sondern es gibt viele Perspektiven.“ Mit Klaus Zimmerling eint ihn die gemeinsame Geschichte und die Liebe zur sächsischen Weinlandschaft. Jeder habe seinen eigenen Weg gefunden und verfolgt, ergänzt Zimmerling. „Unsere Gemeinsamkeit ist, dass wir alle die Leidenschaft für Weine und die Region im Blick haben.“

Mein besonderer Gegenstand – Karl Friedrich Aust:

Ein Familienerbstück der Famile Aust: eine Porzellan-Kachel aus dem 19. Jahrhundert.

Diese geschichtsträchtige Kachel befindet sich seit dem 19. Jahrhundert im Familienbesitz der Austs.

„Die Kachel aus Porzellan zeigt die lange Geschichte unseres Guts. Im Hintergrund sieht man das Turmhaus aus der Zeit von 1844, das Herzstück unseres Weinguts. Immer, wenn ich die Kachel anschaue, sehe ich darin, dass dieser Fleck in Radebeul zu allen Jahrhunderten geschätzt wurde und die Menschen hier schon immer gern gefeiert haben. Ich habe mich entschieden, das Haus weiterzuführen, das ist meine Aufgabe. Ich schätze die lange Tradition und kombiniere sie mit Neuem, denn man muss verändern, um nicht auf der Stelle stehenzubleiben.“

Mein besonderer Gegenstand – Klaus Zimmerling:

Bronzebüste von Malgorzata Chodakowska

Auch diese Büste stammt aus der Hand von Malgorzata Chodakowska. Drei Jahre lang zierte sie auch das Etikett der Zimmerling-Weine.

„Das ist eine Büste von mir, die meine Frau, die Bildhauerin Malgorzata Chodakowska, in den Anfangsjahren unseres Guts von mir gemacht hat. Damals haben wir überlegt, welches Bild wir für die Weinetiketten verwenden, und dachten an mein Konterfei. Wir haben dieses Logo drei Jahre benutzt und uns dann umentschieden. Seither sind jedes Jahr andere Skulpturen von meiner Frau auf den Etiketten. Aber es ist eine schöne Erinnerung. So hat mich meine Frau vor 26 Jahren gesehen, als wir hier zusammen alles aufgebaut haben.“

Text: in Kooperation mit Frankfurter Allgemeine Zeitung

Fotos: Franz Grünewald