Über eine herzerfrischende Freundschaft zwischen einer jungen Frau und einer alten Dame

Lya Ullmanns Augen leuchten, als sie am Leipziger Zoo ankommt. Auf diesen Besuch hat sie sich lange gefreut. 15 Jahre ist es her, seitdem sie das letzte Mal hier war. Die 82-Jährige ist nicht so gut zu Fuß, an ihren Krücken kann sie nur kurze Strecken laufen. Dass sie heute in einen der wohl schönsten deutschen Zoos kommen kann, hat sie Anja Gomoll zu verdanken. Die junge Frau kümmert sich seit einem Dreivierteljahr als Patin um Lya Ullmann. An diesem Februarsonntag hat die 29-Jährige einen Rollstuhl organisiert und schiebt die alte Dame geduldig durch den Zoo. Sie kennt sie inzwischen genau, stellt sich darauf ein, etwas lauter zu sprechen.

Der Wunsch, sich zu engagieren und etwas Sinnvolles zu tun

Angefangen hat alles, als Anja Gomoll im Sommer 2014 an der Abschlussarbeit ihres Bauingenieurstudiums saß und sich Tag für Tag durch Zahlen und Theorie wühlte. Sie wusste, sie muss sich da durchbeißen, um mit dem Abschluss in der Tasche einen guten Job zu finden. Dennoch hatte sie das sichere Gefühl, etwas Sinnvolles tun zu wollen. Also überlegte sie, vielleicht ein Ehrenamt zu übernehmen, um jemandem ganz konkret zu helfen. Sie googelte und landete bei den Maltesern. Der Malteser Hilfsdienst ist einer der großen deutschen Sozialverbände, der verschiedene Dienste anbietet. Unter anderem vermittelt er in einem Projekt soziale Patenschaften zwischen ehrenamtlichen Helfern und Menschen, die viel allein sind und Gesellschaft möchten. „Ich habe dann dort angerufen und schon im August Frau Ullmann zum ersten Mal getroffen. Wir fanden uns beide gleich sympathisch.“

Zuhören, erzählen, stricken lernen, ins Kino gehen

Seitdem geht Anja Gomoll einmal pro Woche bei Lya Ullmann vorbei, bringt ein Stück Kuchen mit und sie plaudern. „Ich genieße es total, ihr zuzuhören, und bin immer wieder erstaunt, was Lya Ullmann alles weiß. Sie erzählt einfach drauflos, wie das früher in Leipzig war, wie alte Straßen hießen, was zu DDR-Zeiten anders war.“ Kürzlich hat die alte Dame der jungen Frau das Stricken beigebracht. „Das ist total großartig. Inzwischen habe ich meine erste Mütze fertig gestrickt“, lächelt Anja Gomoll stolz. Und die beiden waren im Kino – für die alte Dame etwas ganz Besonderes. „Das letzte Mal war ich vor der Wende – also vor 26 Jahren – im Kino. Ich war total überrascht, wie das heutzutage aussieht, wie bequem die Sitze sind“, erzählt Lya Ullmann. Die Tierliebhaberin lebt bescheiden und muss mit einer kleinen Rente zurechtkommen. Da sind „große Sprünge“ nicht drin. Außerdem macht ihr von jeher ein Hüftleiden zu schaffen, das Laufen fällt ihr auch an Krücken schwer. Was für Menschen mit gesunden Beinen ganz normal ist, mal fix einzukaufen und volle Einkaufstaschen zu tragen oder eben auch ins Kino zu gehen, bedeutet für Lya Ullmann oft ein unüberwindbares Hindernis. Deshalb sind Fernsehen und Zeitung sonst ihre Fenster zur Welt. Und die Treffen mit Anja Gomoll.

Generationenübergreifende Freundschaft

Zwischen den beiden Frauen ist durch die Malteser-Patenschaft eine herzliche generationenübergreifende Freundschaft entstanden – praktisch und lebensbejahend. „Ich profitiere sehr von unseren Treffen“, erzählt Gomoll. „Denn ich habe angefangen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ich achte viel mehr darauf, ob Gebäude behinderten- und seniorengerecht sind.“ Lya Ullmann ergänzt: „Bevor ich Anja Gomoll kannte, ging es mir lange Zeit nicht so gut. Seitdem wir uns treffen, habe ich richtig aufgelebt.“ Dann zieht sie einen Flyer aus ihrer Handtasche, auf der eine Lesung mit einem Leipziger Kabarettisten angekündigt wird. Anja Gomoll schaut erst fragend, dann lächelt sie und sagt: „Ach, da wollen Sie wohl gern hingehen?“ Nach dem intensiven Zooerlebnis die nächste Ausflugsidee.