Ich heb‘ ab, nichts hält mich am Boden, alles blass und grau. Bin zu lange nicht geflogen, wie ein Astronaut.“ Der Song von Sido feat. Andreas Bourani dröhnt durch die Boxen im Kraftraum der Arena Leipzig.

Die Spielerinnen des Handballclubs Leipzig (HCL) absolvieren ihr vormittägliches Trainingsprogramm. Schweiß glänzt auf durchtrainierten Beinen, positive Energie liegt in der Luft. Die Sportlerinnen arbeiten konzentriert die anspruchsvollen Übungen des Kreistrainings ab. Co-Trainer Max Berthold gibt das Signal, an die nächste Station zu wechseln. Alle Sportlerinnen arbeiten intensiv, nichts lenkt sie ab. Auch Kapitänin Karolina Kudlacz-Gloc trainiert hart, das Gesicht hoch konzentriert. Dann: erneut der Pfiff. Das Training ist zu Ende, Abklatschen mit den Mannschaftskameradinnen, rauf auf die Physiobank.

Geht alles, wenn man will: Profisportkarriere plus Studium

Eine Stunde später treffen wir die Ausnahmesportlerin in einem Leipziger Café ganz in der Nähe der Arena. Die 30-Jährige kommt mit dem Rad und wirkt nun ganz anders. Entspannt und offen plaudert sie mit uns, ihre stahlblauen Augen strahlen. Kudlacz-Gloc stammt aus Polen, aus einem kleinen Ort nahe Danzig an der polnischen Ostsee. Seit 2007 spielt sie in Leipzig, hat mit dem HCL viel erreicht. Deutscher Meister ist sie geworden, Pokal- und Supercupsiegerin. Sie ist Kapitänin der polnischen Handballnationalmannschaft. Parallel zu ihrer Profikarriere hat sie Psychologie studiert, derzeit promoviert sie an der Uni Leipzig. Ein unglaubliches Pensum, das ihre Arbeitseinstellung zeigt. Dabei war das mit dem Handball eher ein Zufall. „Ich habe vorher Leichtathletik trainiert. Erst durch einen Schulwechsel habe ich in der 4. Klasse begonnen, Handball zu trainieren, weil es da eben nur Handball gab“, erzählt sie. Und dann sei sie sehr schnell sehr gut geworden, hätte immer zwei Altersklassen höher gespielt. Woher hat sie die Kraft genommen? Kudlacz-Gloc:

„Handball war alles, was ich machen wollte. Und ich wollte immer die Beste sein, mehr als 100 Prozent geben, über meine Grenzen gehen.“

Familienersatz: HC Leipzig

Nach dem Abitur bekommt sie das Angebot, in der stärksten europäischen Frauenhandballliga, in Dänemark, zu spielen. Sie lehnt ab, es fühlt sich zu früh an. Sie beherrscht die Sprache nicht, hat gerade in Danzig begonnen, zu studieren. „Eine ordentliche Ausbildung zu haben neben dem Sport, das war meinen Eltern und mir immer sehr wichtig“, so Kudlacz-Gloc. Als der dänische Trainer Morton Arvedson nach Leipzig wechselt und sie 2007 erneut fragt, sagt sie zu. Es ist die Summe der Möglichkeiten: „In Leipzig Profihandball zu spielen, mich weiter zu entwickeln und weiter studieren zu können.“ Der HCL wird ihre neue Familie.

An Krisen wachsen und einfach nie aufgeben

Natürlich macht Kudlacz-Gloc auch Krisen durch. 2012 ist sie verletzt, ihr Körper macht nicht mehr mit. Sie nimmt 25 Kilogramm ab. Erfolge bleiben aus, eine schwere Zeit. Sie kämpft sich zurück „in ganz kleinen Schritten, einfach nur den Tag sehen, nicht zu viel vornehmen.“ Sie schafft es, wieder zu ihrer Form zu finden. Heute spürt man, dass Zeiten wie diese sie reifer und reflektierter gemacht haben. „Ich bin meinem Körper dankbar, dass er dieses Pensum seit fast 20 Jahren mitmacht“, sagt die praktizierende Christin. Was ist wichtiger für sie – die Niederlagen oder die Siege? Sie überlegt kurz und sagt dann: „Von Niederlagen lerne ich am meisten, aus den Siegen ziehe ich meine Motivation.“ Dieses Jahr hat die 30-Jährige geheiratet. Ihr Mann lebt mit ihr in Leipzig. Deutsche Staatsbürgerin ist sie auch geworden, „weil es ihr wichtig ist“. Nun ist es amtlich, dass Sachsen ihre zweite Heimat geworden ist. Parallel dazu rückt ganz die Herausforderung näher, vom Profisport in ein „normales Leben zu finden“, wie sie sagt. Das irgendwann zu meistern, ist eines ihrer größten persönlichen Ziele. Bis dahin ist es natürlich noch Zeit, ihr Vertrag in Leipzig läuft bis 2019.

Und schon ist er wieder da, der beeindruckende Fokus auf ihren Job als Sportlerin. Am Abend fahre sie zum Spiel der polnischen Nationalmannschaft, ihre Tasche sei schon gepackt. Als wir zum Nachmittagstraining noch einmal in der Arena Leipzig vorbeischauen, sehen wir wieder die Profisportlerin. Eine erfahrene Kämpferin, die mit ihrem schnellen, kraftvollen und aggressiven Spiel fasziniert.