Manchmal ist es so einfach. Da ist die Chemikerin, die sich als Patin um eine Familie aus dem Irak kümmert und spürt, dass die Kinder gerne raus und aktiv sein wollen. Da ist der stellvertretende Bürgermeister, der sich privat wie beruflich für eine echte Willkommenskultur engagiert. Da ist der pensionierte Ingenieur, der arabisch spricht, weil er mal in Syrien gearbeitet hat und jetzt hilft, wo er kann. Drei von 50 Menschen in Stolpen, die sich im dortigen Willkommensbündnis engagieren. Drei von Vielen, die Willkommenskultur in Sachsen leben. In einem Land, das Schlagzeilen gemacht hat wegen fremdenfeindlicher Übergriffe. In einer Medienkultur, in der die leisen und zupackenden Menschen zumeist weniger Beachtung finden. Deshalb richten wir heute den Spot ganz bewusst auf sie.

Nicht lange reden, einfach machen.

Mittwochnachmittag Mitte Mai im Skaterpark Lignerallee in Dresden. Zehn deutsche und ausländische Kinder zwischen fünf und 16 Jahren sitzen am Rand des Asphalts. Ein bisschen schüchtern sind sie und ziemlich aufgeregt. Sie freuen sich auf einen Crashkurs, in dem sie die Grundbegriffe des Skateboardens lernen. Neben den Kindern steht Silvia Stumpf, sie hat das Ganze initiiert. Die 40-Jährige betreut als Patin eine irakische Flüchtlingsfamilie in Stolpen. Vor ein paar Wochen fiel ihr auf, dass den Kindern Bewegung und Bewegungsmöglichkeiten fehlen. Skaten wäre eine prima Variante, denkt sie und legt los.

Gemeinsam Spaß haben

Heute, einige Wochen später, hat sie Unterstützer und Sponsoren gefunden und steht froh neben den Kindern und hört Sophie Menzel zu. Die 27-Jährige vom Dresdner Verein „248 wheels“ leitet den Workshop und stellt sich und die anderen Skaterlehrer zuerst vor: „Hi ich bin Sophie, das sind Miri und Corny. Wir werden jetzt gemeinsam Spaß haben.“ Vor jedem Kind liegt ein niegelnagelneues Skateboard. Aufmerksam hören die Kinder zu, was Sophie Menzel erklärt. Für die Flüchtlingskinder, die noch nicht fließend Deutsch sprechen, übersetzt Christian Tuschling, ein pensionierter Ingenieur und Sprachmittler für Arabisch. Nach der kurzen Einführung geht es los, rauf auf die Boards und losfahren. Inzwischen sind die Kinder aufgetaut und mit Feuereifer bei der Sache. Schüchtern ist hier Keine(r).

Mit einem Affenzahn über die Piste rasen – Hand in Hand.              

Auch Sahen nicht. Die Augen des fünfjährigen leuchten. Er ist der Jüngste beim Workshop. Mit zwei Schokokeksen in der Hand steht er auf dem wackeligen Board und ist kaum zu bremsen. Corny, der Skateboardlehrer, hilft ihm. Mit einem Affenzahn sausen die beiden quer über den Platz. Hand in Hand. Auch die anderen Kinder sind mit Feuereifer dabei. Im Minutentakt werden die Kids mutiger, lernen, fahren schneller, fallen mal hin. Stehen wieder auf. Wer war jetzt gleich noch mal ein Neuankömmling, wer ein deutsches Kind? Keine Ahnung. Und das ist ja auch gar nicht wichtig.

Skateboarden verbindet: Wir sind eine große Community.

Der Vater des kleinen Sahens, Nawzad, sitzt mit seiner Frau Sura am Rand und sieht den Kindern zu. Die jungen Eltern, 30 und 26 Jahre alt, stammen aus dem Nordirak. Vor einem halben Jahr haben sie es mit ihren zwei Kindern via Boot nach Griechenland und dann zu Fuß über die Balkanroute nach Deutschland geschafft. Ein paar Brocken spricht Nawzad schon Deutsch, den Rest übersetzt Christian Tuschling. Stolz zeigt der Nordiraker die Vereinsjacke des Fußballvereins Blau-Gelb Stolpen, bei dem er seit ein paar Wochen regelmäßig kickt. Nach zwei Stunden ist der Crashkurs vorbei. Sophie Menzel und die anderen Skatlehrer räumen zusammen. Alle sind glücklich – die Kinder, die die Boards behalten dürfen. Die Erwachsenen über den wunderbar entspannten Nachmittag. „Skaten verbindet einfach. Wir sind wie eine Familie, so ist das immer bei uns. Bei all den Workshops, die ich gebe, funktioniert das bestens. Es ist völlig egal, woher die Kinder kommen. Lasst uns das gern wiedermachen, mir hat es total Spaß gemacht“, sagt Sophie.

Fünf Fragen an Silvia Stumpf, Initiatorin des Skateboard-Workshops

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Seit Januar 2016 betreue ich eine irakische Familie mit zwei Kindern. So ungefähr ein Mal pro Woche besuche ich sie und helfe, wo ich kann. Vor einigen Wochen ist mir aufgefallen, dass den Jungs und Mädchen gut tun würde, wenn sie mobiler wären.  Und da habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich mit wenig Aufwand helfen kann. Da ich selbst früher Skateboard gefahren bin, dachte ich, vielleicht könnte ich ja Skateboards organisieren, das kann man leicht lernen und es ist ein toller Sport bei dem man viel Spaß mit anderen haben kann, wie z.B. mit Kindern aus Stolpen.

Und wie ging es dann weiter?

Ich habe geschaut, wie ich an Sponsoren komme und habe erst einmal Titus Dresden, den Skatershop, kontaktiert. Die haben uns zehn Boards zum absoluten Sonderpreis verkauft. Außerdem haben wir von „So geht sächsisch.“ Unterstützung beim Kauf der Boards und bei der Organisation bekommen. Darüber kam auch der Kontakt zum Verein „248 weehls“, der die drei Trainer sowie Schutzausrüstung beigesteuert hat.

Gab es auch Hilfe von der Stadt Stolpen?

Roman Lesch, der stellvertretende Bürgermeister, engagiert sich zusammen mit seiner Frau in unserem Willkommensbündnis. Das ist eine private Initiative, mit der wir in Stolpen die ganze konkrete Integrationsarbeit angeschoben haben. An Roman Lesch habe ich mich gewandt, weil ich gerne ausländische und deutsche Kinder zusammenbringen wollte. Außerdem gibt es ja auch bei uns Familien, die es nicht so dicke haben. Über Roman Lesch kam der Kontakt zur Stolpener Oberschule, die haben mir einige Familien genannt. Eltern und Kindern waren total glücklich, dabei sein zu können.

Was treibt Sie an?

Zwei wesentliche Dinge bewegen mich und haben dazu geführt, diese Aktion anzuschieben. Zum einen geht es ganz simpel um Hilfe. Es sind Menschen in Not und diese benötigen Unterstützung, da braucht es Andere, die helfen und anpacken. Ich wollte mit dieser Aktion einfach nur Freude bereiten, Kinder zusammenbringen, Spaß vermitteln, Integration leben. Zum anderen hat es mich sehr getroffen, dass das eigentlich positive Statement „So geht sächsisch.“ im letzten Jahr so einen großen Schaden genommen hat. Ich selbst stamme aus Hessen und lebe zusammen mit meiner Familie seit einigen Jahren in Stolpen. Ich liebe unsere Wahlheimat Sachsen, wir leben gerne hier. Mit dieser Aktion will ich zeigen, dass es in Sachsen viele Menschen gibt, die demokratische und humanistische Werte hochhalten und für ein tolerantes, freundliches und offenes Sachsen stehen.

Was ist für Sie der größte Erfolg bei Ihrem Ehrenamt?

Der heutige Tag, zu sehen, dass die Kinder Spaß haben, ihnen beim Lernen zuzuschauen. Einige waren so aufgeregt, dass sie heute Nacht kaum geschlafen habe. Die Freude der Kinder macht mich froh. So einfach ist das.