In Werdau sorgt ein Arbeitskreis dafür, dass es auch für jene Menschen eine Bescherung gibt, die alles zurücklassen mussten.

Marianne Hertel zu widersprechen ist gar nicht so einfach. Man kann es zwar versuchen, so wie Raju, der eigentlich gerade zurück ins Wohnheim müsste, oder so wie Christfried, der nur ganz kurz vorbeischauen wollte. Nur bringt es nicht viel: „Ihr bleibt da“, ruft die 83-Jährige und drückt die beiden zurück in ihre Sessel, „es gibt später doch noch Kürbissuppe!“ Die siebzehnfache Groß- und zehnfache Urgroßmutter weiß, dass sie recht durchsetzungsfähig sein kann. Aber es dient ja einer guten Sache: Seit einem Vierteljahrhundert ist Marianne Hertel im Ökumenischen Arbeitskreis für Asylbewerber, Ausländer und Aussiedler in Werdau am Rande des Erzgebirges engagiert. Der hatte sich gegründet, um den vietnamesischen Arbeitern zu helfen, die nach der Wende völlig hilflos waren. Um so einen lockeren Bund über eine so lange Zeit zusammenzuhalten, braucht es eben Entschlossenheit.

Dass einige Schlagzeilen zur Flüchtlingsthematik, die in letzter Zeit aus Sachsen dringen, nicht gerade freundlich sind, treibt Marianne Hertel um: „Mir geht nicht in den Kopf“, sagt sie, „warum man Menschen, die so viel durchgemacht haben, nicht erst einmal annehmen und fragen kann: Wie können wir euch helfen?“ Und ihr Mitstreiter Christfried Kattner kann selbst erzählen, wie es sich anfühlt, Flüchtling zu sein: „Meine Familie kam einst aus Breslau – mit nichts in den Händen.“ Dass aber dumpfe Parolen in der immer schneller werdenden Nachrichtenmühle mehr Resonanz erzeugen als stille Arbeit wie die des Arbeitskreises in Werdau, weiß Marianne Hertel natürlich auch – nur ist sie viel zu bescheiden, um sich darüber zu beschweren. Und genau genommen hat sie auch gar keine Zeit dazu: In den letzten Wochen hat sie unzählige Wunschzettel bei den jungen Bewohnern im Wohnheim für Asylbewerber und bei den Familien verteilt, die in der Stadt in Wohnungen leben. Zum Beispiel bei Kamla, einer Jesidin, die mit ihren zwei Töchtern im Kindergartenalter aus dem Irak geflohen ist. „Erzähl doch, Kamla“, fordert Marianne Hertel die Frau auf. Weil die aber ein wenig schüchtern ist, schildert Hertel später selbst in knappen Sätzen, was ihr Kamla erzählt hat. Über die Bedrohung durch den „Islamischen Staat“, über die Schwierigkeiten, wenn man nach langer und komplizierter Flucht beim Asylverfahren keine Geburtsurkunde vorweisen kann, über die Probleme, die eine ihrer Töchter mit dem Laufen hat.

Um solche Dinge wenigstens für kurze Zeit in den Hintergrund treten zu lassen, organisiert der Arbeitskreis jedes Jahr eine Weihnachtsfeier, „nicht um den Flüchtlingen unsere Religion auf die Nase zu drücken, sondern um ihnen einfach ein paar schöne Stunden zu bereiten“. Und weil für Kinder natürlich eine Bescherung unter das Stichwort „Schöne Stunden“ fällt, hat Marianne Hertel beim Austeilen der Wunschzettel mal wieder die Uhrzeit vergessen: „Meine Familie hat mich zum Kaffee zurückerwartet – um sechs Uhr abends hatte ich aber noch nicht mal die Hälfte meiner Tour geschafft!“

Die richtige Arbeit beginnt jedoch, wenn die Zettel wieder eingesammelt sind: Dann versucht der Arbeitskreis die Wünsche zu erfüllen, so gut es eben geht. Das Budget ist dabei recht überschaubar, 1 Euro steuert die Evangelisch-Lutherische Landeskirche jedes Jahr bei; den Rest müssen sie woanders auftreiben. Manchmal kommt die Hilfe sogar von weit her: Als Hertels bei Stuttgart lebende Schwester einen Artikel über den Arbeitskreis in ihrer Kirchengemeinde aufhängte, fuhr bald darauf ein Auto vor, vollgepackt mit Puppen, Fußbällen und Plüschtieren. Die warten jetzt in einem Zimmer in Hertels Haus darauf, eingepackt zu werden – Raju und Christfried werden wohl auch nach der Suppe nicht gleich gehen dürfen.

Dieser Text erschien in „Es weihnachtet“, dem Winter- und Weihnachtsmagazin des Freistaates Sachsen. Das ganze Heft finden Sie hier.