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An einem Herbsttag im Jahr 1989 steht Mario Schröder auf der Bühne der Oper Leipzig und weint.

Die Generalprobe hatte gerade begonnen, die ersten Töne von Tschaikowski wehen durch den Saal, da bricht Schröder mitten in der Choreographie ab. Er, der zuverlässige Solist, der Star des Ensembles. Als er gefragt wird, was los sei, kann er nicht mehr an sich halten: „Ich verstehe nicht, was wir hier machen. Unten auf der Straße werden die Leute verhaftet und wir tun so, als wüssten wir nichts davon!“, ruft er damals. „Das war der Wendepunkt in meinem Leben als Künstler“, sagt er heute.

Eine internationale Truppe von 40 Tänzern aus 23 Nationen

Im Trubel der Wendezeit wird Mario Schröder klar: Ich will nicht nur schön tanzen. Wenige Minuten vor seinem Ausbruch auf der Bühne war der damals 24-Jährige selbst nur knapp einer Verhaftung entgangen. Nach einer Friedensdemonstration an der Leipziger Nikolaikirche stellten ihn vier Herren in Zivil. Schröder konnte sich losreißen und in die Oper fliehen. „Damals habe ich den Entschluss gefasst, mit dem Tanz etwas bewegen zu wollen“, sagt er. Schröder wollte nicht nur Kunst um der Kunst willen machen. Er wollte Menschen zum Nachdenken bringen, ihren Blick weiten.

Dieses Ziel verfolgt er noch heute – mit Erfolg. Der 51-Jährige hat den Aufstieg geschafft vom Tänzer zum Chefchoreographen des Leipziger Balletts und damit zum Leiter eines der größten Ensembles in Deutschland: 40 Tänzer aus 23 Nationen, eine Truppe, so international und weltoffen wie ihr Leiter. Unter anderem in Japan, Russland und den USA hat Mario Schröder schon gearbeitet. Mehr als 80 Choreographien hat er mittlerweile geschaffen, mehrere Auszeichnungen erhalten.

„Rachmaninow“ von Mario Schröder, mit dem Leipziger Ballett © Ida Zenna

Vom Schüler zum Lehrer

Mit zehn Jahren zieht er weg von der Familie in Finsterwalde ins Internat nach Dresden. Dort verfällt er dem Tanz endgültig. „Ich war ein sehr schüchternes Kind, aber wenn ich getanzt habe, habe ich mich absolut frei gefühlt.“ Sein Talent sticht hervor. Als er mit 14 ans Hinschmeißen denkt ob des ständigen Drills und der Disziplin, sprechen gleich mehrere Lehrer bei der Mutter vor. Ob sie ihn nicht umstimmen könne, es wäre so schade um diesen Jungen, der nicht nur sehr begabt sei, sondern auch so besonders in seiner Hingabe auf der Bühne.

Zwischen Berlin, Würzburg, Kiel und Leipzig

Mario Schröder bleibt und legt eine Bilderbuchkarriere hin. Nach dem Abschluss wird er Solist in Leipzig, schließlich Erster Solist unter dem preisgekrönten Chefchoreographen Uwe Scholz. Sie haben ein enges Verhältnis, Schröder wird der gefeierte Star des Ensembles. Doch das Tanzen reicht ihm bald nicht mehr. „Ich wollte nicht nur Instrument sein, sondern selbst gestalten“, sagt er. Die Beinahe-Verhaftung im Herbst 1989 verstärkt diesen Drang. Er beginnt, neben seiner Solistenrolle in Leipzig an der Hochschule für Schauspielkunst Berlin Choreographie zu studieren. Fünf Jahre pendelt er zwischen den beiden Städten.

Mit Mitte 30 schließlich beginnt er seine zweite Karriere als Choreograph, füllt die Häuser erst in Würzburg und später in Kiel. Mit der gleichen Hingabe, die er als Tänzer aufbrachte, widmet er sich der Erarbeitung neuer Stücke. Wenn er mit seinen Solisten probt, korrigiert er jede Fingerhaltung. Wenn er neue Choreographien entwickelt, dauern die Arbeitstage von sechs Uhr morgens bis nachts um zwei. Er habe einen gewissen Hang zum Extremen, zum Fanatismus, sagt Schröder. Als er 2010 den Ruf nach Leipzig erhält, liegt er im Krankenhaus mit einer schweren Infektion. Er hatte bis zur Erschöpfung gearbeitet, mitunter vergessen zu essen und zu trinken.

Neue Wege gehen

Nach seiner Genesung folgt er dem Ruf zurück nach Sachsen. „Ich bin zurückgekehrt an den Ort, an dem ich als Künstler geprägt worden bin. Das war wie ein Nachhauskommen.“ Auch habe es ihn gereizt, eines der größten Häuser in Europa zu übernehmen und die Arbeit seines Mentor Uwe Scholz fortzuführen.

Als Ballettdirektor in Leipzig verfolgt Schröder den Traum, den er 1989 hatte: die Menschen zu bewegen. „Uns einen Spiegel vorzuhalten und zur Reflektion anzuregen, das ist eine Ur-Funktion von Theater“, sagt er. „Durch den Tanz können wir auf ganz besondere Art kommunizieren.“ Immer wieder trägt er das Ballett über die Mauern der Oper hinaus, verlegt etwa Proben in die Stadt oder führt Stücke an markanten Orten in Leipzig auf. Auch thematisch hat er das Haus geöffnet. Schröder lässt sich von Mozart genauso inspirieren wie von Van Gogh oder den Doors. Sein erstes Stück in Leipzig war, natürlich, eines über das Leben von Charlie Chaplin.

Mario Schröder – „Der Brückenbauer“

Mario Schröder – „Der Brückenbauer“

Filmisches Porträt unter der Regie von Bettina Renner

Ein Auftritt, der ihm besonders am Herzen liegt, ist der beim Lichtfest, mit dem Leipzig der friedlichen Revolution gedenkt. „Das war eine sehr wichtige Zeit für mich, für diese Stadt, für das ganze Land“, erklärt er wenige Tage vor der Aufführung seinen Tänzern, die aus der ganzen Welt kommen. Sie hören aufmerksam zu, einige nicken. So baut Mario Schröder Brücken zwischen den Tänzern, ihrer Stadt, dem Publikum, den Menschen.

Persönliche Schätze

Wichtige Dinge, die Mario Schröder in seinem Leben begleitet haben.

Oper Leipzig

Über 3 Jahrhunderte Tradition und 3 Sparten unter einem Dach: Die Oper Leipzig steht für höchste musikalische und handwerkliche Qualität.

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