Damit kann man wirklich Fahrrad fahren?! Für einen Laien sehen sie aus wie Speichen aus Strick. „Ja, kann man“, nickt Wissenschaftler Ingo Berbig. Üblicherweise sind Fahrradspeichen aus Stahl und Edelstahl, im Hochleistungssport häufig aus Karbon. Ein junges Forscherteam an der TU Chemnitz hat nun superleichte Speichen aus Hightech-Fasern entwickelt und will damit den Markt erobern.

Vororttermin in der TU Chemnitz, Fachbereich Fördertechnik an der Fakultät für Maschinenbau. In dem kleinen Büro von Ingo Berbig (37) und Daniela Storch (30) ist es sympathisch chaotisch. An der Wand links lehnen ein Mountainbike und ein Rennrad. An der Wand rechts stehen verschiedene Laufräder, mit und ohne Hightech-Speichen. Auf dem Tisch hat Berbig ein Bündel der neuartigen Speichen aus hochfesten Textilfasern gelegt, die er extra für die Gäste mitgebracht hat. Sie sehen nicht nur so aus, sie fassen sich auch an wie etwas festere Paketschnüre. „Unsere Fahrradspeichen bestehen aus hochfestem Polyester, das sind spezielle Fasern, mit denen wir seit über zehn Jahren an unserer Professur arbeiten. Sie sind sehr stabil, vor allem viel leichter als herkömmliche Speichen“, erklärt der zweifache Familienvater.

Die in Chemnitz entwickelten superleichten Fahrradspeichen aus Hightech-Fasern.

Ingo Berbig kennt sich aus, wenn es um Fahrräder geht. Er ist selbst leidenschaftlicher Radfahrer, der seit Jahren im Radsportverein Chemnitz trainiert und sich auch um eine Nachwuchsmannschaft kümmert. Er forscht seit 2006 an textilen Strukturen, die sich aus diesen Polyester-Fasern herstellen lassen. Das Ziel: Mit Speichen aus dem synthetischen Material sollen Fahrräder künftig noch leichter werden. Seine Kollegin Daniela Storch, die seit Langem Mountainbikerin ist und auch an internationalen Rennen teilnimmt, weiß, wie wichtig dieser Aspekt ist. „Bei Wettkämpfen fahre ich mit meinem acht bis neun Kilogramm schweren Rad häufig über unwegsame Strecken, da macht sich eine Gewichtsreduzierung von wenigen Hundert Gramm schon bemerkbar“, so die international erfolgreiche Sportlerin.

Ingo Berbig fährt auf einem Rad Probe, das Laufräder aus Textilspeichen hat.

Die in Chemnitz entwickelten Speichen sind mehr als 50 Prozent leichter als herkömmliche Stahlspeichen. Den ähnlich leichten Karbonspeichen machen sie deshalb Konkurrenz, weil sie robuster sind und nicht so leicht brechen. Die textilen Speichen aus Sachsen, deren genaue Zusammensetzung geheim ist, haben im Uni-Labor bereits eine 100.000-Kilometer-Ausdauerprüfung erfolgreich bestanden. „Rund um die Uhr wurden die dünnen Speichen Belastungen, die das Auftreffen auf Hindernisse simulieren, ausgesetzt“, berichtet Berbig. Zudem wurden unzählige Zugversuche mit den Faserseilen durchgeführt. Das Fazit: Die textilen Speichen sind äußerst widerstands- und leistungsfähig. „Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht sind unsere Laufräder im Vergleich zu anderen Laufrädern ähnlicher Leistungsklassen konkurrenzfähig“, bestätigt Wirtschaftswissenschaftlerin Stephanie Mager, die ebenfalls zum Gründerteam gehört. Komplettiert wird das Team von Dirk Fischer, der seine Masterarbeit über die innovativen Speichen schrieb. Ingo Berbig schätzt den Zusammenhalt und die vielen Möglichkeiten an der TU Chemnitz: „Hier finde ich immer einen Spezialisten, der sich mit einem Problem auskennt.“

Daniela Storch an einer Universalprüfmaschine für Zugfestigkeit.

Zusammen hat das Viererkleeblatt aus einer coolen Idee ein marktreifes Produkt gemacht. PiRope heißt das Start-up, das noch in diesem Jahr mit der patentgeschützten Innovation gegründet werden soll. Die Nachwuchswissenschaftler haben in den vergangenen Monaten ordentlich geackert: Firmenkontakte geknüpft, Fachmessen bereist, potenzielle Partner und Kunden in Deutschland, aber auch in der Region akquiriert. So sollen sich ihre Speichen bald in Rädern von Hobbysportlern wie Profibikern drehen. Auch Rollstühle könnten mit dieser Innovation bald leichter werden. Dafür haben Berbig & Co. unter anderem Kontakte zum Dresdner Unternehmen Carbolife geknüpft, einem Hightech-Komponentenhersteller für Rollstühle.

Auch wenn allen vieren bewusst ist, dass ihre Firmengründung – so wie jede andere Firmengründung auch – Risiken birgt, brennen sie für die Chance, ihr Hobby und ihren Beruf als Wissenschaftler in einer eigenen Firma zu verschmelzen. „Klar, das ist ein hart umkämpfter Markt, in den wir da reinwollen“, gibt Berbig zu. „Gut ist, dass wir uns in dem Radfahr-Bereich selbst so gut auskennen und wissen, was Stand der Technik ist und wo es Chancen gibt.“

Die neuen Speichen in den Laufrädern sparen spürbar Gewicht.

Beim Abschlussfototermin auf dem Uni-Gelände können Reporterin und Fotograf das Fahrrad mit den Hightechfaser-Speichen zwar leider selbst nicht Probefahren, weil es schon für die „Berliner Fahrrad Schau“, eine Fachmesse, präpariert ist. Was sie allerdings ganz deutlich sehen, sind vier hochmotivierte junge Leute, die ihre Leidenschaft fürs Radfahren und ihre exzellente Forschungsarbeit zu einem marktreifen Produkt entwickelt haben und dieses nun auf die Straße bringen.

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