Muss der süß ausgesehen haben, der kleine Johann Georg II! Als er dieses pfirsichfarbene Gewand trug, war er kaum vier Jahre alt. Später sollte er einmal Kurfürst von Sachsen werden. Der Traum aus Rosa zeigte schon in seinen frühen Jahren zu Beginn des 17. Jahrhunderts, welche großen Pläne seine Eltern Magdalena Sibylla und Johann Georg I mit ihm hatten.

Oberstoffe und Stickgarne: italienisch, Schneiderarbeit: Dresden, Kurfürstliche Schneiderei, Stickerei: Hans Erich Friese, Dresden, Posamentierarbeit: vermutlich sächsisch, Teile: Mantel, Wams, Hose, Hut, Gürtel und Wehrgehänge; Seide, Silber, Gold, Leder; Rüstkammer, SKD, Inv.-Nr. i. 8, Aufnahme: Vorderansicht

In der neuen Sammlungspräsentation der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden „Macht und Mode“ im Residenzschloss ist der kleine Johann Georg II längst der heimliche Liebling. Neben ihm wacht seine Familie in goldbroschiertem, violetten Seidendamast und safran-gelbem Seitenatlas mit Silberstickerei: das Beste an Textilien und das außergewöhnliche Können der kurfürstlichen Schneiderei vereinen sich hier.

Das gibt es nirgendwo anders

Diese Kleider sind nicht nur Haute Couture und tragen persönliche Geschichten in sich, sie sind einzigartig. In keinem anderen Museum der Welt kann eine solche Fülle gut erhaltener Gewänder aus der Mitte des 16. Jahrhunderts bewundert werden. Insgesamt 27 Fürstengewänder sind seit ihrer kriegsbedingten Evakuierung ab 1939 erstmals wieder zu sehen.  Der Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer, Dirk Syndram, versichert stolz: „Das ist Haute Couture im höchsten Maße. Was Sie hier erleben, erleben Sie nirgendwo anders. Um kostbare Fürstenmode der Renaissance und des Frühbarock, also aus der Zeit von 1550 bis 1650, zu sehen, können wir in Gemäldegalerien weltweit gehen. Um aber originale Gewänder dieser Zeit zu bewundern, ist Dresden der einzige Ort.“

Kleider machen Leute

Wie kommt es aber, dass diese Gewänder nach fast 500 Jahren perfekt erhalten sind? Das – da ist sich die Kuratorin Jutta Charlotte von Bloh sicher – liegt entscheidend an den Herrschern selbst. Normalerweise wurden die teuren Stoffe nicht aufgehoben, sondern weiterverwertet, verschenkt oder sogar gestohlen. Die Kurfürsten jedoch demonstrierten mit den Kostümen nicht nur ihr Modebewusstsein, sondern machten vor allem ihren Machtanspruch deutlich. Kurfürst August von Sachsen und seine Nachkommen schrieben mit der Verwahrung der Textilien in ungeheurem materiellen Wert auch immaterielle Geschichte und legitimierten ihre Macht und die ihrer Nachkommen. Heute wie damals sind die Gewänder Teil des Staatsschatzes und stehen im Rang europäischen Kulturerbes.

Eine Besucherin betrachtet ein Herrengewand in sächsischem Kurornat, Copyright: SKD, Foto: David Pinzer

Das Elbtal als Weihnachtsgeschenk

Ein besonderes Beispiel für die Verschmelzung von Macht und Mode ist das sogenannte Landschaftskleid des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen. Das modische Ensemble in feinster Stickerei ist 1611 ein Weihnachtsgeschenk der Kurfürstin-Witwe Sophie an ihren Sohn. Gleichzeitig verdeutlicht es den Herrscheranspruch des Kurfürsten, denn das  gezeigte Elbtal mit Dresden und Meißen spiegelt das stolze Erbe, das der neue Landesherr schützen und mehren sollte.

Die Bildstickerei am Mantel (siehe Bild oben rechts) zeigt die reiche Elblandschaft mit der Residenz Dresden. Die silbern glänzende Elbe fließt unter bewölktem Himmel an Felsen, Hügeln, Wiesen und Äckern vorbei. Auch Meißen, die alte markgräfliche Residenz mit Holzbrücke und Albrechtsburg, ist zu erkennen. Es herrscht reges Leben: Bäuerinnen melken wohlgenährte Kühe, Schäfer mit Hunden hüten große Herden, Jagdszenen mit Hirschen, Rehen und Wildschweinen. Exotisch fremde Riesenfische zu Wasser und majestätische Wassermühlen an Land begleiten die Flöße, Lastkähne und Fischerboote auf ihrem Weg den Fluss hinab.

Alle Infos im Überblick sind hier zu finden.

Copyright: SKD, Foto: David Pinzer