In Chemnitz beweist sich die Moderne

Die Moderne war kein Selbstläufer. Sie musste erklärt und verteidigt werden. Einer ihrer stärksten Fürsprecher war der Chemnitzer Architekt Max W. Feistel. Er baute nicht nur modern, er schrieb auch darüber. In Fachzeitschriften kommentierte er das Baugeschehen, propagierte das damals umstrittene Flachdach und setzte sich für die Typisierung im Bau ein.

Feistel lebte die Moderne. 1928 baute er sich sein eigenes Wohnhaus auf dem Chemnitzer Schlossberg. Der verglaste runde Treppenturm sticht noch heute aus der Umgebung hervor. Aber modern sieht das Haus nicht nur von außen aus. Der Architekt begriff es als Versuchsbau für neue Konstruktionsweisen. Mit der Verwendung von Stahlträgern wollte er „freie Spannweiten“ ermöglichen und der „individuellen Raumformung freie Bahn“ schaffen. Komfortabel war die damals noch unübliche Lüftungsanlage; eher kurios die Idee, Fenster zum Öffnen mit einer Kurbel in der Wand zu versenken, wie in einer Autotür.

Das Wohnhaus hat auch eine sehr praktische Seite. Zementfaserplatten an der Außenseite schützen das Haus vor dem Wetter, Zellulosefaserplatten dienen innen zur Wärmedämmung. Beschädigte Platten lassen sich einfach einzeln austauschen. Feistel wollte vormachen, dass Bauen mit Fertigteilen das ganze Jahr hindurch möglich wäre. In der Industrialisierung sah er den einzigen Ausweg aus der damaligen Wohnungsnot.

Feistel hat in Chemnitz auch Wohnhöfe, Mehrfamilienhäuser, Industriebauten und ein Golfclubhaus gebaut. Sein Wohnhaus ist besonders gut erhalten. Auch nach dem Tod des Architekten wurde es weiter bewohnt, die heutigen Privatbesitzer haben es liebevoll saniert. So trägt das Wohnhaus dazu bei, dass Chemnitz heute auch offiziell eine „Stadt der Moderne“ ist.

Fotos im Beitrag: Gesamtaufnahme Straßenansicht: Privataufnahme, Fotograf: Laszlo Feya, weitere: @Till Schuster