Langsam aber kontinuierlich steigt der holzig-würzige Weihrauchduft einer Räucherkerze in einer schmalen Rauchsäule in die Luft und sorgt sofort für ein wohlig-warmes Gefühl. Wer bisher noch nicht in weihnachtlicher Stimmung war, wird spätestens beim Betreten der „Manufaktur der Träume“ im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz in einen besinnlichen Adventsmodus versetzt.

Im Zentrum und „Museumsviertel“ von Annaberg-Buchholz zwischen „Erzhammer“, Adam-Ries-Museum und Förderverein Carlfriedrich Claus, öffnet die „Manufaktur der Träume“ die Tür zu längst in Vergessenheit geratenen Kindheitserinnerungen. Für ein paar kostbare Stunden können Besucher dem Alltag entfliehen und in eine fantasievolle Welt voller Volkskunst, Holzspielzeug und Brauchtum abtauchen.

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Das Miniatur-Café ist detailreicher, als so manch ein reales.

Traum einer Kindheit

Seit sechs Jahren ist in dem modern gestalteten Erlebnismuseum die Sammlung der 1919 in Wurzen geborenen Dr. Erika Pohl-Ströher zu bestaunen. Es ist die größte Volkskunstsammlung aus privater Hand im deutschsprachigen Raum. Nach dem Krieg begann die mittlerweile in der Schweiz lebende Naturwissenschaftlerin damit, das Spielzeug, mit dem sie in ihrer erzgebirgisch-vogtländischen Heimat aufwuchs, leidenschaftlich zu sammeln. Mit hunderten, ja tausenden Holzfiguren unterschiedlichster Art bewahrte sie sich ein wertvolles Stück ihrer eigenen Kindheit. Nun zaubert sie mit diesen Schätzen auch den Kindern (und Erwachsenen) von heute ein Lächeln auf die Lippen.

 

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Kinderaugen leuchten bei den vielen Spielzeugen am hellsten.

Getreu dem Motto „Sehen, machen, staunen“ ist die Ausstellung in drei Bereiche gegliedert, in denen nicht nur die vielen Objekte, sondern vor allem der Erlebnischarakter und Emotionen im Mittelpunkt stehen. Kein Wunder, dass sich mittlerweile schon über 330.000 Besucher in den Bann der geschnitzten Figuren begeben haben.

Sehen

Der Rundgang durch die „Manufaktur der Träume“ beginnt in der ersten Etage, in der man direkt in eine Raum ausfüllende Berglandschaft spaziert, in deren Inneren detailreiche Miniaturszenerien ganze Welten schaffen. Sobald man unter den einzelnen Hügeln „abtaucht“, beginnen sich die Figuren und Häuschen zu illuminieren und man findet sich mitten in einem Rittergut, Bauernhof oder Marktplatz wieder und könnte Stunden damit zubringen jedes noch so kleine Detail zu entdecken.

Machen

In der zweiten Etage verwandelt sich die Ausstellung in einen interaktiven Spielplatz und lässt die Kultur des Bergbaulebens und das traditionelle Kunsthandwerk unter anderem durch Videos, Hörstationen und Quizkarten lebendig werden. Verschiedene Sinne kommen hier zum Einsatz. So ist es ausdrücklich erwünscht, einzelne Werkstücke anzufassen und das Holz mit den eigenen Händen zu spüren, den Geruch von frisch gehobelten Sägespänen in der Nase. Neben den vielen spannenden Geschichten und Einblicken in das Handwerk, beeindruckt vor allem die unglaubliche Menge an Ausstellungsstücken. Von Streichholzschachteln gefüllt mit winzigen Dominosteinen und Figuren über ausgedehnte weihnachtliche Landschaften, Pyramiden und biblische Darstellungen bis hin zu einer Arche Noah inklusive unzähligen, ordentlich nebeneinander aufgereihten Tierpaaren, ist jede erdenkliche Szenerie mindestens einmal vorhanden. Der Großteil der Objekte wurde zwischen 1850 und 1950 hergestellt und stammt aus dem Erzgebirge und Vogtland, aber auch aus anderen typischen Spielzeuggebieten wie Böhmen oder Nürnberg.

Staunen

Der letzte Bereich in der dritten Etage macht seinem Thema „Staunen“ alle Ehre. Unter dem abgedunkelten Dachgiebel sorgen stimmungsvoll beleuchtete Pyramiden und Leuchter in einer weihnachtlichen Tonkulisse für Verblüffen. Nach den vielen Eindrücken der Ausstellung findet man hier aber zum Schluss auch einen Moment der Ruhe und Besinnung, wenn 15 Engelsfiguren gehüllt in himmlische Chorgesänge von der Decke schweben und die Zeit stillzustehen scheint.

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15 geschnitzte Engel schweben von der Decke.

Träume aus Kakao

Zugegeben: einer unserer Sinne kommt in der „Manufaktur der Träume“ bis zum Schluss zu kurz. Das Schmecken holt aber spätestens beim Verlassen des Museums durch das Café „Schokogusch’l“ wieder auf, denn wer sich hier keine heiße Schokolade oder feinste Trüffelpraline genüsslich auf der Zunge zergehen lässt, ist selbst schuld. Im einst größten und ältesten Café der Stadt kann aber nicht nur nach Herzenslust genascht und gesündigt, sondern durch ein großes Fenster auch bei der Kreation der Schokoträume zugeschaut werden. Zum Dahinschmelzen!

Nach dem Besuch der „Manufaktur der Träume“ wird nun selbst der größte Weihnachtsmuffel das beschauliche Annaberg-Buchholz „Oh du Fröhliche“ pfeifend und mit einem Nikolaus-großen Sack voller vorweihnachtlicher Erinnerungen verlassen.

Extra-Tipp: Nicht verpassen! Noch bis Ende Januar 2017 ist die Sonderausstellung „ KÖRPER und STRUKTUR“ von Detlef Jehn im Erdgeschoss der „Manufaktur der Träume“ zu sehen.

Alle Fotos im Beitrag ©Kai Bergmann