Bei Betreten des alten Serkowitzer Gasthofes knarzen die dunklen Holzdielen unter den Füßen und im Halbdunkel schärfen sich plötzlich alle Sinne. Hier ein mechanisch tickendes Geräusch an der Wand, da ein flackernd buntes Leuchten aus einer Ecke, eine schnurrende Katze streicht langsam um die Beine und streckt sich und der Duft frisch gehackter Kräuter steigt in die Nase – eine geheimnisvolle Atmosphäre liegt in der Luft.

Abseits der von Google und der Tourist-Information vorgeschlagenen Sehenswürdigkeiten und Naturidylle rund um die Stadt Radebeul, unweit von Dresden, findet man, versteckt in einem alten, unscheinbaren Gasthof am Ortsrand, einen wahrlich außergewöhnlichen und kuriosen Ort – das Lügenmuseum Radebeul. Wer hier jedoch angestaubte Exponate hinter verglasten Vitrinen vermutet, ist auf dem Holzweg.

Begrüßt wird man im Lügenmuseum mit einem frisch aufgebrühten „Lügentee“ nach altem Rezept von Hildegard von Bingen. Nebenwirkungen: Lange Nase, rotes Gesicht, Balken biegen sich. Der Legende nach gründete Emma von Hohenbüssow das Lügenmuseum im Jahre 1884 für ihre Sammlung von Dingen, die es nicht gibt. So findet man hier die verschollene Kyritzer Knatter, ein Loch aus Mozarts Zauberflöte oder den Originalton vom Untergang der Titanic 20 Minuten danach.

Das Lügenmuseum hat nichts mit Lügen zu tun, viel mehr geht es um Illusionen und geheimnisvolle Geschichten, versteckte Wahrheiten und fantastisch Unerklärliches. Nach der Philosophie „Die Lüge im Dienste der Wahrheit wäscht den Staub des Alltags von den Sternen“ betreibt Künstler und Freigeist Reinhard Zabka das Museum seit 1990. Nach der ersten Station im Brandenburger Kyritz hat das Lügenmuseum im September 2012 Einzug in den alten Gasthof Serkowitz in Radebeul gehalten. In neun Räumen findet sich das künstlerische Gesamtwerk von Reinhard Zabka wieder, das dieser als „Maximalismus“ bezeichnet. Und das ist nicht gelogen: In allen Ecken des Gasthofes knallt, pfeift, zischt und blinkt es. Geisterhäuser aus Bali, ein fliegender Teppich, Elvis im Schrank, Eva Brauns Schreibmaschine, Marionetten aus Burma und unzählige weitere groteske Collagen, knatternde Kuriositäten und sich drehende und leuchtende Installationen machen es unmöglich alle Objekte zu erfassen und das Museum ohne Reizüberflutung zu verlassen.

Das Lügenmuseum gibt Rätsel auf, überrascht und entführt die Fantasie in schräge Sphären. Ein tieferer Sinn muss sich nicht erschließen, viel mehr ist Reinhard Zabkas Lügenmuseum eine Wunderwelt für Dadaisten, ein bizarres Kabinett der Absurditäten und augenzwinkerndes Fantasieland für den Kind gebliebenen Entdecker in uns.

www.luegenmuseum.de

Alle Fotos im Beitrag ©Kai Bergmann

Text ©Franziska Müller