Hautnah dabei sein, wenn Maler Canaletto durchs barocke Dresden flaniert? Marktfrauen und Sänftenträger beim bunten Treiben in den Gassen zwischen Residenzschloss und Zwinger beobachten? Auch, ohne durch die Zeit zu reisen, ist genau das möglich – im Panometer Dresden. Seit mittlerweile zehn Jahren fasziniert Panoramakünstler Yadegar Asisi mit seinen imposanten 360°-Ausstellungen die Besucher im ehemaligen Gasometer in Dresden-Reick. Von einer 15 Meter hohen Plattform aus können die aufwändig gestalteten und detailgetreuen Stadtansichten unterschiedlicher Epochen bestaunt werden. Passende Musik und Geräusche sowie eine Lichtsimulation, die das Panorama von strahlend-hellem Tageslicht in die geheimnisvoll-blaue Stunde der Dämmerung bis in die dunkle Nacht hinein führt, sorgen für eine beeindruckend authentische Kulisse. Mit Künstler Yadegar Asisi, der selbst in Dresden studiert hat, blicken wir zurück auf die Anfänge seiner Arbeit und werfen einen Blick hinter die Kulissen der aufwändigen Panoramagestaltung.

In aufwendiger Kleinstarbeit wird das 360°-Panorama erstellt. Foto: Tom Schulze

In aufwendiger Kleinstarbeit wird das 360°-Panorama erstellt. Foto: Tom Schulze

Herr Asisi, das Panometer Dresden feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. Was waren die Highlights der vergangenen Jahre, und worauf können sich Besucher in Zukunft freuen? 

Größtes Highlight war sicherlich die Eröffnung selbst im Dezember 2006. Ich war schon drei Jahre mit Panoramen in Leipzig, 2006 wurde dort das zweite Panorama ROM 312 gezeigt. (Es ist mittlerweile nach Pforzheim und Rouen gegangen.) Der Erfolg führte dazu, dass wir in einem alten Gasometer der Stadtwerke in Dresden einen zweiten Standort aufmachen konnten – phänomenal. Hier wollte ich den Dresdnern, aber auch Fremden, etwas vom Dresdner Barock zeigen. Alle sprechen immer davon. Wenn man sich die Stadt um 1750 aber genau anschaut, entdeckt man, dass zwar einige herausragende barocke Gebäude in der Stadt zu finden sind, aber gleichzeitig ist zu sehen, dass große Teile der Stadt aus der Renaissance und in Teilen aus dem Mittelalter stammen. Den Mythos wollte ich aufdecken, und dabei halfen mir die Dresdner Veduten von Canaletto, die heute in der Gemäldegalerie zu sehen sind.

Gern erinnere ich mich auch an die Zeit, als wir ein Jahr lang ROM 312 in Dresden gezeigt haben und mit dem damaligen Pfarrer der Kreuzkirche, Joachim Zirkler, und seinem katholischen Kollegen, Dompfarrer Ullmann, einen ökumenischen Gottesdienst im Panometer Dresden veranstalteten. Inhalt bei ROM 312 ist ja die Konstantinische Wende und damit der Überlieferung nach dem Start des Christentums als Staatsreligion.

Ein weiteres Highlight war die Erstpräsentation von DRESDEN 1945 im Jahr 2015. Alle hatten mich vorher gewarnt, dieses traumatische und traurige Thema nicht anzugehen, weil es mit so viel Schmerz und Leid verbunden sei und den „Opfermythos“ der Dresdner befeuere. Als wir es dann eröffneten, war die Resonanz unglaublich. Eltern kamen mit ihren Kindern, Großeltern mit ihren Enkeln, Schulklassen, Dresdner, Auswärtige, Groß und Klein, Jung und Alt wollten das Panorama sehen. Die Gästebücher überschlugen sich mit Dank und Aussagen wie „Nie wieder Krieg!“ Ich realisierte, dass ich einen Denkraum für Trauernde geschaffen hatte, der die Sinnlosigkeit und die blanke Zerstörung von Krieg vor Augen und ins Herz führte. Ich verstand nun auch, wie traumatische Erlebnisse über Generationen weiterleben. Die Hoffnung ist, dass vor allem die jüngere Generation etwas daraus für ihre Zukunft mitnimmt. Wir zeigen jetzt DRESDEN 1945 und DRESDEN IM BAROCK abwechselnd halbjährlich.

Wie genau kann man sich den Entstehungsprozess eines PanoramaKunstwerkes vorstellen?

Anfangs nähere ich mich den Themen meist, indem ich die Orte besuche und den ‚genius loci‘ einatme. Ob es nun der Mount Everest oder die spätgotische Stadt Rouen sind – die Reisen helfen mir bei der Erarbeitung von Idee und Konzept. Dann fange ich an zu zeichnen, zu aquarellieren. Darüber kann ich ein Gefühl für den dargestellten Raum und die Proportionen entwickeln. Erste markante Bildinhalte werden gesetzt. Dann gehe ich mit dem Team in die Recherchen: Wir besprechen uns mit Wissenschaftlern, sehen uns Stadtmodelle an, gehen in Archive, sehen uns mit Geologen, Botanikern und Historikern die Orte genauer an und ich delegiere Aufgaben an mein Team: 3D-Modelle werden erstellt, Fotoshootings geplant, Kostüme recherchiert und ausgeliehen, Fotoreisen für Architektur- oder Landschaftsdetails werden durchgeführt. Wir führen aufwändige Fotoshootings mit Darstellern, Komparsen und Requisite durch. Sie liefern uns die Grundlagen für Szenenbilder, die in das architektonisch-topografische Grundgerüst eines Panoramas eingearbeitet, zig Mal verändert, perspektivisch angepasst, farblich und inhaltlich umgemodelt und ins Grundgerüst eingearbeitet werden. Schließlich, wenn das Panorama gedruckt und konfektioniert ist, kommt es an den Ausstellungsort. Dort ist die letzte Woche immer sehr intensiv. Wir synchronisieren Sound, Licht und die Komposition zu einem Ganzen mit dem Inhalt des Bildes. Ein Tag- und Nachtwechsel durch verschiedene Licht- und Tonstimmungen hat sich in den Ausstellungen bewährt und rhythmisiert den Besuchern ihren Rundgang.

Yadegar Asisi zeichnet an neuen Entwürfen

Yadegar Asisi zeichnet an neuen Entwürfen. Foto: Caro Krekow

Von der ersten Idee für ein neues Panorama bis zur finalen Hängungwelcher Part ist die größte Herausforderung?

Ich habe Respekt vor allen Etappen. Der Weg von der ersten Idee bis zur Umsetzung ist der längste. Ich muss meinen Ansatz und mein Konzept finden. Danach geht es ans eigentliche Arbeiten mit mehreren heißen Phasen. Besonders ist sicher immer der Moment, wenn ich das gedruckte und gehängte Bild zum ersten Mal am Standort sehe. Dann zeigt sich, was Bestand hat oder wo ggf. noch retuschiert werden muss. Dann fange ich auch an, wie beim Theater die Inszenierung mit Licht, Musik und Geräuschen aufeinander abzustimmen.

Was fasziniert die Menschen an Ihren PanoramaKunstwerken am meisten?

Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass das Panorama ein kontemplativer Raum ist. Es ist ein Zeitraum, ein Gefühlsraum und ein Denkraum, in dem die Menschen anfangen, das Gesehene zu reflektieren und sich darüber austauschen. Man ist vom Dargestellten voll und ganz umgeben, und die Inszenierung mit Licht und Ton verschafft eine dermaßen einnehmende Welt, dass man den Alltag und die Echtzeit ein gutes Stück hinter sich lässt. Diesen Freiraum für Gedanken und Reflektionen suchen viele Menschen in der heutigen schnelllebigen Welt, glaube ich.

Woran denken Sie zuerst, wenn Sie Dresden hören?

Ich denke immer zuerst an meine Studienzeit und die vielen Menschen, die ich in den 1970er Jahren hier traf. In einigen Bereichen in Dresden waren noch Ruinen zu sehen – völlig anders als heute, wo die gesamte Altstadt rekonstruiert wird.

Wann und wie haben Sie Sachsen kennengelernt?

In Sachsen fühle ich mich zuhause. Hier bin ich aufgewachsen und habe Kindheit, Jugend und die Studienzeit verbracht. Ich habe immer ein wohlig-heimeliges Gefühl, wenn ich an Sachsen – Leipzig oder Dresden – denke.

Was hat sich seitdem am meisten verändert?

Sicher war der Mauerfall 1989 auch für Sachsen eine tolle und große Veränderung. Damit konnten sich Demokratie und Freiheit entwickeln, und es stieg die Verantwortung jedes Einzelnen für das große Ganze. Dass sich zeitgleich in den letzten 20 Jahren eine globalisierte Gesellschaft entwickelt hat, ist sicher für viele eine zusätzliche Herausforderung, die wir meistern müssen. Vor allem müssen wir Ängste abbauen.

Fühlen Sie sich heimisch in Sachsen bzw. Dresden?

Seit den 1980er Jahren lebe ich in Berlin-Kreuzberg und fühle mich dort daheim. Immer, wenn ich nach Sachsen komme, empfinde ich hier aber ein Gefühl der Geborgenheit, was sicher an meiner schönen Kindheit und Jugend liegt. Als meine Heimat würde ich heute aber das kunterbunte Kreuzberg bezeichnen.

Welche Wünsche oder Ziele haben Sie für die Zukunft?

Ich hoffe, dass das Medium Panorama seine Existenzberechtigung behält und noch einige weitere Panoramen entstehen. Vielleicht nähern wir uns mit neuen Medien und technischen Möglichkeiten dem Panorama noch einmal von einer ganz anderen Seite. Themen gibt es unendlich viele. Im Kopf habe ich jetzt etwa zehn. Alles andere wird sich zeigen. Privat bin ich glücklich, wenn ich daran denke, dass ich bald Opa werde…

Yadegar Asisi blickt freudig in die Zukunft

Yadegar Asisi blickt freudig in die Zukunft. Foto: Caro Krekow

 

Titelbild © Caro Krekow