Wenn man eine Sache mit Leidenschaft und Herzblut macht, dann hilft auch ein ganzes Dorf mit. In Stroga, einem 143-Seelen-Örtchen bei Großenhain in Sachsen, organisieren junge Leute zusammen mit den Dorfbewohnern seit zwölf Jahren das „Stroga-Festival“. Das ist ein dreitägiges Happening für elektronische Musik. Sie alle machen das ehrenamtlich. Damit beweist die Truppe um Marc Hitschke, Mario Douadi und Mathias Weidelhofer, dass eine Menge Vorurteile hinfällig sind, die es landläufig so gibt. Zwei davon: „Die Jugend von heute hat keine Lust auf gar nichts“ und „Auf dem Dorf ist nichts los“.

Früher Schweinestall, heute Eventlocation

Zu Besuch in Stroga, wenige Wochen vor Festivalstart. Ein Schwall Landluft weht von der benachbarten Schweinemastanlage rüber. Mario Douadi, 31, begrüßt uns und zeigt auf die Wiese neben dem Eingangstor: „Hier wird vom 8. bis 10. Juli 2016 eine der beiden Hauptbühnen stehen.“ Er sieht unseren zweifelnden Blick, ob da wirklich mehrere hundert Leute hinpassen. Es sieht nämlich nicht danach aus. „Doch“, sagt er, „das klappt. Und es ist noch nicht mal beengt.“ Wir stehen auf dem Gelände der ehemaligen LPG von Stroga, hier wurden früher Schweine gemästet und in der benachbarten Schälerei Speiseabfälle zu Schweinefutter verarbeitet. Nach der Wende richtete sich die Dorfjugend aus Stroga und den umliegenden Dörfern in der ehemaligen Umkleidebaracke einen Jugendclub ein. Aus einer Laune heraus, weil sie elektronische Musik liebten, selbst auflegten und einfach Lust darauf hatten, organisierten die Jungs 2004 das erste Minifestival mit dem kruden Namen „Schön Gehacke Schön“. „100 Flyer haben wir verteilt, 230 Euro waren unser Budget“, grinst Marc Hitschke. Es kamen immerhin 80 Leute, es wurde eine coole Techno-Party. „Auf dem Dorf, nicht in Dresden“, wie der 34-Jährige betont. Hitschke ist Vorsitzender des Stroga Festival   e. V., der inzwischen als Veranstalter fungiert. „Wir wollen etwas für die musikalische und künstlerische Subkultur auf dem Land tun.“ Dafür investiere der Verein viel Zeit und Kraft, um einmal im Jahr in Stroga ein familiäres Festival zu gestalten. „Natürlich ohne kommerzielle Hintergedanken, getrieben vom Freigeist der elektronischen Musik in all ihren Facetten – von Techno über Minimal, Electro und Drum and Bass bis hin zu Chillout“, sagt er.

Was woanders eine Armada von Dienstleistern erledigt, läuft in Stroga ehrenamtlich

Seit den Anfängen 2004 ist eine Menge passiert. Das Festival ist gewachsen, professioneller geworden und zum Insidertipp der Szene avanciert. Das Event lebt von der dörflichen Location mit ihrem gemütlich-abgedrehten Charme. Wo kann man schon in einem Schweinstall feiern? Und es lebt von dem Engagement, der Kreativität und dem Improvisationstalent der Macher. 1.000 Tickets verkaufen die Jungs jedes Jahr. Mario Douadi: „Dieses Jahr gingen die Tickets innerhalb von zwei Tagen weg. Wir könnten sicher auch viel mehr Karten verkaufen. Doch wir wollen gar nicht größer werden, es soll so familiär bleiben, wie es ist.“ Sonst würde auch die ehrenamtliche Planung nicht mehr funktionieren, die für Außenstehende sowieso kaum vorstellbar ist. Anderswo ist eine Armada von Dienstleistern von der Bookingagentur bis zur Eventfirma an so einem Festival beteiligt. In Sachsen machen die jungen Organisatoren das alles neben ihren Vollzeitjobs. Marc Hitschke ist im „normalen Leben“ eigentlich Patissier mit Meisterbrief in einem großen Dresdner Hotel, Mario Douadi Programmierer in einer Agentur, Mathias Weidelhofer Veranstaltungstechniker an einem Theater in Dresden und Vater von Zwillingen. Die drei kümmern sich um das Booking, die Finanzierung, das Marketing und die Gesamtorganisation – vom Toilettenhäuschen über die Deko bis zu den Duschmarken.

Wie drei Wochen Ferienlager

Zwei Wochen vorher nehmen sich die jungen Männer und rund 20 weitere Helferinnen und Helfer Urlaub und beginnen mit dem Aufbau. Deko, Eintrittskarten, Rahmenprogramm: All das ändert sich von Jahr zu Jahr und die Jungs setzen verrückte Ideen um. Dieses Jahr heißt das Oberthema „Landleben“. Das gesamte Festivalgelände wird passend zu diesem Motto gestaltet – mit unechten Strohballen, Blumen in Leuchtfarben, Schubkarren, einem Scheunentor. „Wir sind vom Dorf und finden das gut. Also zeigen wir das. Auf dem Campingplatz bauen wir eine Baracke zum bayrischen Braustübl um. Man kann Bier aus Maßkrügen trinken, Brezen und Bratwurst essen“, grinst Hitschke. Man spürt, die haben einen irren Spaß daran, sich so was auszudenken und es einfach zu machen. Und sie sind zu Recht stolz auf das, was sie da gemeinsam aufgebaut haben. Der Countdown für ein grandioses Stroga-Festival 2016 läuft…

www.stroga-festival.de