Mit leuchtenden Augen steht er in „seiner Fabrikhalle“. Thomas Hetze aus Frankenberg hat hier in der ehemaligen VEB Buntfärberei in Limbach-Oberfrohna an einer Textilveredlungsmaschine als Textilfärber gearbeitet. Die Räume stecken für ihn voller Erinnerungen. 1997 wurde die Firma geschlossen. Seit knapp 20 Jahren steht das weiträumige Areal aus Fabrikhallen und Verwaltungsgebäuden nun leer. Die Natur hat längst begonnen, es sich zurückzuholen. Büsche und Bäume wuchern auf dem Gelände, Farne wachsen aus Fensterfugen, in einigen Gebäudeteilen ist die Decke durchgebrochen.

In dieser faszinierend morbiden Umgebung der alten Färberei findet Ende August / Anfang September die diesjährige ibug-art statt. ibug steht für „Industriebrachenumgestaltung“. Die Idee ist es, „einen Ort der Kunst, des Zusammenkommens, des Lernens, des Teilens, des Erschaffens und nicht zuletzt ein ganz spezielles und einzigartiges Lebensgefühl zu schaffen“, heißt es im Festivalflyer. 2005 initiiert vom Meeraner Streetartkünstler „Tasso“, ist die ibug inzwischen in der internationalen Streetart-Szene fest etabliert.

120 Künstler aus 17 Ländern haben in diesem Jahr die ibug mitgestaltet. Sie haben zwei Wochen lang geräumt und freigelegt, gesprayt und gemalt, geklebt und installiert. Die Geschichte des Hauses und die Hinterlassenschaften der früheren Besitzer – alte Aktenordner, leere Putzmittelflaschen, Lieferscheine und Lastenwagen, heraushängende Elektrokabel und alte Verteilerkästen – das alles ist Teil der künstlerischen Installationen geworden. Mitten in der sächsischen Provinz ist so ein Gesamtkunstwerk mit internationaler Strahlkraft entstanden. Ein Festival moderner Kunst mit Performances, Lesungen, Party, Kinovorführungen und Kunstmarkt.

Der intensive Austausch mit den Limbachern, der bereits in der Kreativphase begonnen hat, geht an den Festivalwochenenden weiter. Ein Besuchermix aus jungen Kunsttouristen, vielen Menschen aus der Umgebung und denjenigen, wie Thomas Hetze, die früher hier gearbeitet haben und ihre Erinnerungen mitbringen, geht bei strahlendem Sonnenschein auf Entdeckungstour. Sie stehen staunend vor dem drei Meter hohen Wandbild der mexikanischen Künstlerin Vera Primavera, vor einer textilen Installation der Gebrüder Onkel aus Glauchau und zahlreichen anderen großen und kleinen Werken.

„Gerade die älteren Besucher, die früher in den Fabriken gearbeitet haben, nehmen ganz intensiv Anteil an der ibug. Das beeindruckt mich immer wieder. Häufig erleben sie Streetart das erste Mal nicht als Schmiererei, sondern als eigene Kunstform“, erzählt Mandy Fischer aus Meerane. Sie ist zum zehnten Mal dabei. Dorothee Liebscher nickt bestätigend. Die 29-Jährige ist eine der Gästeführerinnen und geleitet Besucher über das Gelände. Sie ist schon während der Kreativphase angereist, hat mit den einzelnen Künstlern gesprochen und kann das Gehörte an die Besucher weitergeben. Wie alle anderen Helferinnen und Helfer macht die Kunststudentin das ehrenamtlich. Diese gelebte Gemeinschaft der Künstler und Helfer ist neben der Grundidee der ibug, Industriebrachen als Kunstraum auf Zeit zu nutzen, ihre Antriebsfeder. „Das ist echt einzigartig und was ganz Besonderes.“

Während des Gesprächs steht Thomas Hetze immer noch fasziniert in der Halle. „Verrückt, was die hier draus gemacht haben“, murmelt er leise. In der Hand hält er einen Briefumschlag mit dem letzten Schreiben seiner früheren Firma, das er kürzlich beim Aufräumen gefunden hat. Dann geht er weiter auf Kunstentdeckungsreise durch die eigene Vergangenheit.