Die zierliche Dame lässt sich überraschen, so scheint es. Neugierig tritt sie an ein Max-Beckmann-Gemälde heran. Sie schaut, kommentiert – als sei sie eine Besucherin wie jede andere im Museum Gunzenhauser. Dabei ist es „ihr“ Museum, wie viele Chemnitzer voller Respekt sagen würden. Denn ohne Ingrid Mössinger, die rührige und blendend vernetzte Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, sähe es heute ganz sicher anders aus in dem ehemaligen Sparkassenbau, in dem die weltweit beachtete Kunstsammlung mit Werken von Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Paula Modersohn-Becker, Conrad Felixmüller und natürlich Otto Dix zu Hause ist.

Industriestadt? Kunststadt!

Bevor die Kunsthistorikerin Mössinger 1996 ihren Posten in Sachsen antrat, war sie unter anderem in Sydney tätig und später in Frankfurt am Main. Dennoch sollte Chemnitz die Bühne für ihren größten Erfolg werden, laut Eigenwerbung die „Stadt der Moderne“. Nicht zuletzt durch Ingrid Mössingers Verhandlungsgeschick schmückt sich Chemnitz ganz zu Recht mit diesem Titel: Ab 2003 holte sie die Sammlung des Münchner Galeristen Alfred Gunzenhauser nach Sachsen. Ein Coup, der die Kunstwelt zugleich beeindruckte und irritierte. Chemnitz? Diese Industriestadt im Osten? Ingrid Mössinger widerspricht energisch: „Eben nicht! Oder nicht nur …“ Denn natürlich brachte die Zeit der Industrialisierung viele Fabriken und rauchende Schlote in die Stadt –, „aber eben auch Industrielle, Juristen oder Bankiers mit Kunstsinn, mit rauschenden Festen und Villen voller Kunstwerke“. Künstler wie Edvard Munch und viele andere seien in dieser Zeit in Chemnitz gewesen und viele von ihnen nahmen Aufträge für neue Werke mit in ihre Ateliers.

Kunst für heute und morgen

Aus diesem Grund ist Gunzenhausers Sammlung mit rund 2.500 bedeutenden Werken der klassischen Moderne und aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Chemnitz durchaus am richtigen Ort. Die Museumschefin geht weiter, mustert zwei düstere Dix-Bilder und bleibt dann vor einem unauffälligen Werk stehen. Manfred Bluth lautet der Künstlername auf dem Schild neben dem Rahmen. „Das war der Anfang seiner Sammlerleidenschaft“, sagt Ingrid Mössinger. „Dieses Bild hat Alfred Gunzenhauser als Student in der Galerie von Rudolf Springer in Berlin gesehen und schließlich gekauft. Auf Raten, 20 Mark jeden Monat.“ Eine schöne Geschichte, wie sie viele der 2.500 Gunzenhauser-Werke in sich tragen. Leider findet immer nur ein Bruchteil Raum in den drei Ausstellungsetagen, doch Ingrid Mössinger grämt sich darüber nicht. Wahrscheinlich ist es ein gutes Gefühl für eine Museumsleiterin, noch Stoff für viele spannende Ausstellungen im Depot zu wissen. „Die Kunst wird ja nicht schlechter, wenn man sie nicht betrachtet“, sagt sie. Und da hat sie wohl recht.

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