Der traditionsreiche Kreuzchor ist für viele junge Sänger eine Art „Familie auf Zeit“ – auch für drei Brüder aus Dresden.

Der Gesang klingt dünn. Kreuzkantor Roderich Kreile sitzt am Flügel und hört sehr genau hin. „Noch einmal!“, sagt er und wieder ertönt „Majestatis, majestatis, gloriae tuae“ aus den Kehlen der Dritt- und Viertklässler des Dresdner Kreuzchores. Der achtjährige Wilhelm Reiche ist einer von ihnen. Ganz vorn rechts sitzt er und schaut konzentriert auf sein Notenblatt. Wie seine Mitschüler ist er die tägliche Probe mit ihren Übungen und Wiederholungen gewöhnt. Und mit ihnen träumt er davon, eines Tages um die Welt zu reisen mit dem Chor. Amerika, Asien – wer weiß? Doch jetzt ist für diese Träumereien keine Zeit. „Noch einmal!“

Von Fußballern und Mutanten

Eine Stunde später, gleicher Ort. Anstelle des kleinen Wilhelm sitzt jetzt sein Bruder Leopold mit im Probensaal. Das „Majestatis, majestatis“ aus dem Te Deum von Marc-Antoine Charpentier füllt nun den ganzen Raum. Roderich Kreile lächelt. Seine Schüler jetzt sind einen Kopf größer und schon zwei Jahre länger dabei – was für ein Unterschied! Die Träume der Kleinsten sind hier schon näher gerückt, die ersten Auftritte im dunkelblauen Choranzug haben die Knaben längst hinter sich und auch die ersten Konzertreisen. „Japan – da würde ich gerne hin“, sagt Leopold Reiche nach der Probe, vielleicht weil sein ältester Bruder – ebenfalls Kruzianer – dort schon zweimal gewesen ist. Der heißt Johann, geht in die neunte Klasse und darf gerade nicht singen. „Ich bin Mutant“ sagt er und lacht, weil er weiß, wie seltsam das für Außenstehende klingt. Nach dem Stimmbruch, hier „Mutation“ genannt, wird er im Männerchor mitsingen. Bis dahin hat er eben mehr Zeit für seine Hobbies. Musik gehört natürlich dazu – „viel Rap und Hip-Hop“ höre er und eines sei ebenfalls ganz wichtig: Fußball. Kantor Kreile erinnert sich, dass „Johann vor einer Weile überlegt hat, lieber Fußballer zu werden als weiter im Kreuzchor zu singen.“

Frischer Wind seit 800 Jahren

Heute wirkt Johann zufrieden mit seiner Entscheidung für den Chor – „es ist ja auch ein bisschen wie Familie.“ Dieser enge Zusammenhalt hat mit der Tradition des 800 Jahre alten Knabenchores und mit dem Pflichtjahr im „Alumnat“ zu tun: Zwar wohnt etwa ein Drittel der Kruzianer daheim bei den Eltern, doch das vierte Schuljahr müssen alle im Internat des Chores verbringen. Im nächsten Schuljahr wird Wilhelm einziehen: Angst hat er nicht davor, „aber ein bisschen aufregend wird es schon.“ Schließlich kennt er die Geschichten seiner Brüder aus deren Zeit im Alumnat. Peter Kopp, der gemeinsam mit dem Kreuzkantor die musikalische Ausbildung der Jungen verantwortet, weiß um die Bedeutung des Internatsjahres: „Das schweißt die Jungs zusammen und für den Chor ist dieses Zusammengehörigkeitsgefühl durchaus wichtig.“ Bis 1985 war er selbst Kruzianer und auch heute hat er keine Sorge, dass der Kreuzchor eines Tages nicht mehr in die Zeit passen könnte. „Alle neun Jahre ist der gesamte Chor komplett neu besetzt“, sagt Kopp und keine Frage – so ist trotz des traditionellen Repertoires immer für genügend frischen Wind gesorgt. Die drei Reiche-Brüder haben sich inzwischen verabschiedet. Sie wollen noch ein wenig kicken. Und in zwei Jahren stehen sie vielleicht einmal alle gemeinsam auf der Konzertbühne. Irgendwo auf der Welt.

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