In der östlichsten Stadt Deutschlands, direkt an der polnischen Grenze, werden Filmträume wahr. Weil Görlitz im Krieg kaum zerstört wurde und zu DDR-Zeiten schlicht zu klamm für Bausünden war, kommen heute die Hollywoodstars

Goethe war gar nicht hier. Aber „Goethe!“ schon. Und Alexander Fehling, der 2008 noch kaum bekannt war, als er den jungen Johann Wolfgang in Görlitz verkörperte. Seit über 60 Jahren spielt die östlichste Stadt Deutschlands immer wieder Rollen. Beim Dreh von Philipp Stölzls Dichter-Biopic waren es sogar drei: Frankfurt, Wetzlar, Straßburg. Städte wie das heutige Frankfurt am Main sehen kaum noch nach spätem 18. Jahrhundert aus. Ohne aufwendige Computertricks taugen sie ebenso wenig als Gründerzeitkulisse.

Auch wenn Quentin Tarantino (in „Inglourious Basterds“) lauter Nazi-Größen anno 1945 den Garaus macht oder „Der Vorleser“ sich für Kate Winslet in einer fiktiven westdeutschen Stadt der späten 50er durch die Weltliteratur blättert: Jedes Mal, zumindest für einen Produktionsabschnitt, steht die Kamera in Görlitz. Die Kamera fuhr auch gern in der historischen Straßenbahn vor Ort mit, etwa in Stephen Daldrys „Vorleser“, guckte schon „Ernst Thälmann“ (DDR 1985) beim Tramfahren über die Schulter und zuletzt Emma Thompson, die in „Jeder stirbt für sich allein“ eine Deutsche im „Dritten Reich“ spielt. Die Hans-Fallada-Adaption – Wettbewerbsbeitrag auf der vergangenen Berlinale – siedelt in Berlin, wo wenig gedreht werden konnte. Aus genannten Gründen.

Görlitz dagegen wirkt wie ein historischer Themenpark. Die Altstadtkulisse des Ortes, der 56 000 Einwohner zählt, gilt mit etwa 4000 Einzeldenkmälern als größtes Flächendenkmal Deutschlands. Man braucht nur wenige Hundert Meter weit zu laufen, um hier an Preziosen aus mehr als einem halben Jahrtausend Architekturgeschichte entlangzuschreiten. Die Altstadt um Rathaus, Untermarkt, Schönhof, Tuchhallen und Flüsterbogen verwandelt sich je nach Drehbuch in New York, Berlin, Paris oder München. Seit Mitte der 50er-Jahre sind über 30 Filme und Fernsehfolgen an der Neiße abgedreht worden.

Die bei Location-Scouts und ihren Auftraggebern überaus gefragte Kulisse mit Architektur vom Mittelalter über die Renaissance, vom Barock bis zum Jugendstil blieb von den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs verschont. Zudem hat die Stadt seit der Wende ein Viertel ihrer ursprünglichen Bevölkerung verloren. Während das Problem der schrumpfen- den Städte Politikern Kopfzerbrechen bereitet, freuen sich die Filmteams über störungsarme Drehtage, geringen Verkehr in der Altstadt, kurze Wege und eine gute Infrastruktur. Dazu über Görlitzer, die unaufgeregt und diszipliniert in Statistenrollen schlüpfen. Das neue Selbstbewusstsein, das sich mit dem Kino- Glamour verbindet, tut den Bewohnern gut. Die Arbeitslosenquote liegt bei fast 13 Prozent. Seit der in Bayern (!) spielenden Kinoposse „Der Ochse von Kulm“ von 1954 war Görlitz bereits beliebter Drehort für Defa-Produktionen. Nach dem Mauerfall wurde die größte Stadt der Oberlausitz vom Film jahrelang links liegen gelassen, Anfang der Nullerjahre jedoch von internationalen Produktionsfirmen entdeckt. Es war die Zeit, als das Studio in Potsdam-Babelsberg für Filmemacher aus den USA und anderen Ländern wieder interessant wurde. Für authentische Außendrehs bot sich das Vielzweckfilmset Görlitz natürlich an. Die Jules-Verne-Neuverfilmung „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jackie Chan, John Cleese und Arnold Schwarzenegger gilt als internationaler Durchbruch für die Stadt an der polnischen Grenze. Die Altstadt des Untermarkts ohnehin das Herz von „Görliwood“ – wurde von den Setdesignern mit erstaunlich wenigen Handgriffen in das Paris der vorletzten Jahrhundertwende verwandelt, für die Hafenszenen in New York stand der Gärbetrieb an der 1869 erbauten Landskronbrauerei für einige Drehtage still.

2008 drehte Quentin Tarantino mit Brad Pitt, Diane Kruger und Christoph Waltz am Untermarkt und in der Rosenstraße Szenen für „Inglourious Basterds“. Irgendjemand erfand damals den Spitznamen „Görliwood“, den sich die Stadt inzwischen hat patentieren lassen. Noch heute erzählen sich die Görlitzer, wie Daniel Brühl in Uniform vom Rathausturm Platzpatronensalven herunterfeuerte. Oder wie Tarantino versuchte, einem Restaurantbesitzer für 4000 Dollar die Stahltür eines noch erhaltenen Luftschutzbunkers abzukaufen, die der Regisseur und Historiensammler beim Toilettengang entdeckt hatte.

2013 war ein besonderes Jahr für Görlitz, da gleich drei Hollywood-Produktionen nacheinander in der Stadt gastierten. Wobei es etwas schade ist, dass die Amerikaner ein wenig sehr auf der NS-Vergangenheit Deutschlands her- umreiten. „Die Bücherdiebin“ spielt ebenso in dieser Zeit wie einige Szenen der „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“, für die George Clooney, Cate Blanchett, Matt Damon und Bill Murray nach Deutschland kamen. Außerdem reisten Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Adrien Brody, Willem Dafoe und Jude Law 2013 für den Dreh von „Grand Budapest Hotel“ nach Görlitz. Es kursieren Bilder, für die sich Einheimische mit Jeff Goldblum, Edward Norton und Owen Wilson – weiteren Stars des Ensemblefilms – an der Hantelbank des örtlichen Sportstudios fotografieren ließen.

Wes Andersons märchenhaftes Grand Hotel verdankt sich dem Jugendstilkaufhaus Hertie, in dem die meisten Szenen der Nobelherberge gedreht wurden. Einer von vier Oscars für den Film ging an die Setdesigner. Ein Preis, über den sich auch eine Handvoll Görlitzer Handwerker freute: Sie halfen mit, den Lichthof des Kaufhauses in eine Hotellobby zu verwandeln.

Tex t JENS HINRICHSEN

MONOPOL SACHSEN