Chemnitz liebt sein Auto

1929 gibt es in Chemnitz ein Auto pro 24 Einwohner. Das ist ungewöhnlich, Leipzig und Dresden haben nur eines pro 34. Die Auto-Begeisterung in der Region hat einen guten Grund: In der Arbeits- und Industriestadt etablieren sich mit Wanderer, Horch, Audi und DKW gleich vier Hersteller. 1932 fusionieren sie in der Autounion AG Chemnitz.

Der Erfolg des Autos schafft ein Platzproblem. Die Chemnitzer Innenstadt ist dicht bebaut, Stellplätze oder Garagen sind selten. Also entstehen Garagenhöfe und Hochgaragen für die Unterbringung, aber auch für die Wartung und Pflege der Prestigeobjekte.

Bereits 1928 werden die Sterngaragen gebaut, benannt nach der beteiligten Spree-Havel-Dampfschifffahrts-Gesellschaft Stern. Die Hauptfassade, in der heutigen Straßenführung auf der vermeintlichen Rückseite, ähnelt mit ihren großen Fenstern eher einem Büro- als einem Parkhaus.

Der Maßstab der Sterngaragen ist bei über 300 Stellplätzen mit heutigen Parkhäusern vergleichbar. Die Ausstattung aber geht weit darüber hinaus: Ein Portier nimmt das Auto am Eingang entgegen und fährt es mit einem von drei Aufzügen in eine der sechs Etagen. Neben dem Stellplatz mit 24-Stunden-Service finden Kunden hier noch eine Tankstelle auf dem Hof, Reparaturwerkstätten, Ersatzteillager und sogar Duschen für die Fahrer.

Mit dem Beginn des 2. Weltkriegs verliert das Gebäude die Nutzung als Parkhaus größtenteils. Zu DDR-Zeiten sitzt die Fahrbereitschaft des Bezirkes Karl-Marx-Stadt in der ersten Etage; das führt zu Gerüchten, die Sterngaragen seien ein „Stasi-Parkhaus“. Heute befindet sich in dem Gebäude neben einem Möbelgeschäft das Museum für sächsische Fahrzeuge Chemnitz e.V. – hier werden sächsische Autos, Motor- und Fahrräder von der Bauzeit der Garage bis heute ausgestellt.

Alle Fotos im Beitrag @Till Schuster