Utopie im Weißeritztal

Freital hätte gar nicht Freital heißen müssen. Die Modellstadt 10 km südwestlich von Dresden wurde in den 1920ern gegründet, als Zusammenschluss der Orte Döhlen, Potschappel und Deuben. Vorschläge wie „Deupodö“ oder „Dreistadt“ waren auch im Gespräch.

Die Gründerväter waren moderne Sozialdemokraten. Sie wählten den Namen „Freital“ als Symbol für politische und wirtschaftliche Freiheit. Öffentliche Gebäude, ein Rathaus, sogar Luxuswohnungen wurden geplant, damit hier nicht nur Arbeiter und Angestellte, sondern auch vermögende Bürger wohnen wollten. Architekt Rudolf Bitzan entwarf ein großes Stadtzentrum; Freital sollte die gebaute Utopie einer sozialen Stadt werden. 1921 besuchte gar eine Genfer Ärztedelegation den Ort als Musterbeispiel.

Ein Großteil von Bitzans Planungen wurde nie umgesetzt. Die Weltwirtschaftskrise, hohe Arbeitslosigkeit und ein aufwändiges Gesundheits- und Wohlfahrtswesen drückten auf die Stadtfinanzen.

Die Zeiten der Utopie waren vorbei, aber ihre Spuren sind heute noch sichtbar. Zwei Gebäude am Eingang der geplanten Stadtmitte stehen am Neumarkt: das Stadthaus und der Sitz des DRK Kreisverbands, beide allerdings mit einer eher bürgerlich geprägten Architektur.

Eine Stadtmitte, die als solche erkennbar wäre, fehlt in Freital bis heute. Erst in den letzten Jahren entstanden auf Bitzans Neumarkt Grünanlagen und ein Wochenmarkt. Vergessen sind die Pläne aber nicht. 200 Meter südlich des Neumarkts sollen mehrere Wohn- und Geschäftshäuser eine neue Mitte bilden. Zum hundertjährigen Jubiläum der Stadt 2021 steht voraussichtlich der erste Bauabschnitt. Später soll auch das Viertel um den Neumarkt angeschlossen werden.

Alle Fotos im Beitrag @Till Schuster