Weltklasse-Basketball aus Zwickau

Noch eine Stunde bis zum Spielbeginn in der Rollstuhlbasketball Bundesliga. Die ersten Zuschauer pilgern im BSC-Grün und mit Fanschal in die Scheffelberg-Halle in Zwickau. Es ist ein Familienevent, zu dem die Zwickauer mit Kind und Kegel kommen. Engagierte Vereinsdamen richten das Buffet her: selbst gebackener Kuchen, Würstchen und belegte Brötchen.

Heute sind die Aufsteiger vom SGK Rolling Chocolate Heidelberg zu Gast. Klarer Favorit ist der gastgebende BSC als mehrmaliger deutscher Meister mit internationaler Strahlkraft. Die Zwickauer gehören zur Top Ten der Weltrangliste. Nach zwei Stunden werden sie das Spiel mit 85:62 klar für sich entscheiden.

Bei uns geht’s um mehr, als nur um Sport

Rollstuhlbasketball ist eine vergleichsweise junge Sportart. Sie entwickelte sich vor rund 60 Jahren, als kriegsversehrte GIs nach dem 2. Weltkrieg ihren geliebten Sport weiter ausüben wollten. Inzwischen ist Rollstuhlbasketball eine paralympische Disziplin mit einer wachsenden Fan-Szene. In vielen Regionen ist er dennoch eine Nischensportart geblieben. „Nur nicht in Zwickau“, sagt Erik Fischer vom BSC-Vereinsvorstand. Die Zwickauer lieben ihre Rollis. Das zeigt das starke Fan-Interesse und misst sich am lokalen Promistatus der Spieler. Angesprochen auf das BSC-Erfolgsrezept, erzählt Fischer: „Wir begreifen Rollstuhlbasketball als professionellen Amateursport und ziehen das auch so auf.“ Die Spieler genießen eine Rundumbetreuung. „Zwickau hat einen guten Ruf in der Szene, weil es bei uns nicht nur um die sportlichen Ergebnisse geht, sondern die Sportlerinnen und Sportler im Zentrum stehen“, sagt Fischer. Das reiche von sehr guten Trainingsbedingungen über physiotherapeutische Behandlung und Unterstützung in persönlichen Dingen. Kommen beispielsweise internationale Spieler mit ihren Partnerinnen, kümmert sich der Verein auch mal um die Visa-Verlängerung, schaut nach passenden Jobs oder einem Kindergartenplatz für die Kinder.

Engagiert und bestens vernetzt: das Präsidenten-Duo

Daran haben vor allem Mario Pecher und Kerstin Nicolaus eine Aktie. Beide sind Abgeordnete im Sächsischen Landtag, bestens vernetzt in der Region und im Land. Das Präsidenten-Duo führt den RSC mit viel Leidenschaft, Engagement und sächsischer Herzlichkeit. Zweiter Punkt des Zwickauer Erfolgsrezepts ist das hohe spielerische Niveau. Seit dieser Saison trainiert Sinclair Thomas den Zwickauer Kader, ehemaliger Co-Trainer der britischen Nationalmannschaft. Thomas war früher selbst aktiver Spieler und hat mit seiner Mannschaft die Bronzemedaille bei den Paralympics 2004 geholt. Das RSC-Team ist mit Sportlerinnen und Sportlern aus vier Nationen international aufgestellt. Dritter Punkt, der den Rollstuhl-Basketball von anderen Vereinen in Europa abhebt: Die Stadt Zwickau verfügt über eine gezielte Sportförderung, die neben Handball und Fußball ganz klar auch den Rollstuhl-Basketball im Fokus hat. So hat die Stadt beispielsweise die Fantribüne in der Scheffelberghalle finanziert. Alle anderen Kosten stemmt der Verein über mittelständische Sponsoren. Der Vorstand trommelt mit viel Kraft einen sechsstelligen Jahresetat zusammen.

Lieber in Zwickau spielen, als in Istanbul auf der Bank sitzen

Der Dresdner Frank Oehme, 29, ist seit 2006 dabei und als Mitglied der „Starting Five“ einer der Top-Spieler. Er sagt: „Wir spielen hier auf internationalem Niveau in einem professionellen Umfeld. Da ist mir die Größe der Stadt egal.“ Er erzählt, dass viele Spieler natürlich zu den großen finanzstarken Clubs wie Galatasaray Istanbul schauen. Häufig sei es dann aber so, dass dort selbst große Talente die gesamte Saison auf der Bank verbringen. „Denn die können ja auch nur fünf Spieler aufs Feld schicken. Da nehme ich doch lieber am aktiven Spielbetrieb in Zwickau teil, als in Istanbul auf der Bank zu hocken“, meint Oehme verschmitzt. Sein amerikanischer Teamkollege Joseph Chambers, seit dieser Saison wieder in Zwickau am Start, ergänzt: „Ich mag das Team und ich mag die Stadt.“ Mit Chambers ist der ehemalige Topscorer aus Kalifornien zurückgekehrt, der schon in der vorletzten Saison für den BSC gespielt hat.

Fast alle Spieler wohnen übrigens zusammen in einem Haus – hier hilft die städtische Gebäude- und Grundstücksgesellschaft Zwickau mbH (GGZ) als Sponsor. Das ist super für die ausländischen Spieler, die so viel schneller in Sachsen ankommen und sich einleben. Und das ist super für den Mannschaftszusammenhalt. Wie eine große, sportliche Familie eben.